EM-Fragmente

Eröffnungsfeier Eröffnungsfeier Arman Karakhanyan - Turnierseite

Alle schauen auf das Kandidatenturnier. Alle? Nein - einige Schachspieler sassen heute noch selbst am Brett in Jerewan, manche werden wohl auch die dritte Runde in Khanty-Mansiysk verpassen, da sie dann im Flieger nach Hause unterwegs sind. Traditionell einige Eindrücke von der Europameisterschaft, zunächst ein kurzer "historischer" Überblick: Das Turnier gibt es seit 2000, die bisherigen Sieger heissen Tregubov, Sutovsky, Macieja, Azmaiparashvili, Ivanchuk, Nisipeanu, Kozul, Tkachiev, Tiviakov, Tomashevsky, Nepomniachtchi, Potkin, Jakovenko und Moiseenko. Einige (wenn ich richtig gezählt habe sechs von vierzehn) waren dieses Jahr wieder dabei, aber - ich greife voraus - die fünfzehnte Auflage ergab am Ende den fünfzehnten Europameister. Nur dreimal gewannen Spieler aus dem engeren Favoritenkreis - Azmaiparashvili war an drei gesetzt, Ivanchuk an eins, Jakovenko an drei. Manchmal waren es Spieler aus dem erweiterten Favoritenkreis (Platz 10-20 der Setzliste), öfter aber auch jemand mit dem kaum zu rechnen war.

Das liegt vielleicht auch daran, dass das Turnier im Schweizer System ausgetragen wird: wer da ganz vorne landen will, darf nicht zu oft remisieren, das sind Spieler der Elokategorie 2700+ nicht unbedingt gewöhnt, und eine Niederlage ist im Zweifelsfall eine zu viel. Aber nur so kann man ein Turnier für die gesamte europäische Schachfamilie austragen, diesmal Elo 1700 bis über 2700. Und nur so kann man nebenbei (bzw. für manche Spieler ist es vielleicht die Hauptsache) dreiundzwanzig Teilnehmer des nächsten FIDE-Weltcups ermitteln. Das ist vielleicht auch der Grund, warum Spieler der Eloklasse 2750+ bei der EM tendenziell fehlen - die sind aufgrund ihrer Elo für den Weltcup qualifiziert. Das Preisgeld ist zwar "nicht schlecht" (20,000 Euro für den Sieger), aber auch starke GMs können ganz leer ausgehen und müssen die Reise wohl aus eigener Tasche finanzieren.

Spannung kam im Turnier dieses Jahr eher nicht auf, oder nur im Sinne von "hält er das durch?". "Er" ist Alexander Motylev, der ab Halbzeit immer vorne lag, mal einen halben, mal einen ganzen Punkt vor dem Feld, am Ende war es ein ganzer Punkt - nach Setzliste war er Nummer 33. Laut chess24.com-Video war er schon in jungen Jahren sehr talentiert, hat dann aber seine Spielerkarriere teilweise aufgegeben zugunsten von Aktivitäten als Trainer und Sekundant; momentan (bzw. ab morgen) hilft er wohl auch Karjakin im Kandidatenturnier, davor war er auch Helfer von Svidler und Kramnik. Immerhin war Motylev in Wijk aan Zee einmal punktgleich mit Carlsen - das war 2006 in der B-Gruppe, damals war Carlsen natürlich noch nicht der Spieler der er heute ist. Andere Erfolge laut Wikipedia: 2001 russischer Meister, zweimal Zweiter im Aeroflot-Open, 2009 Sieger in Poikovsky. In der Bundesliga spielt er für Mülheim-Nord und ist nun deren dritter Europameister (auch Potkin und Tregubov spielen dort), während Baden-Baden nur Nisipeanu hat. Das Foto stammt aus der EM-Schlussrunde gegen Teamkollege David Navara:

Navara-Motylev

Alle Fotos Arman Karakhanyan - Turnierseite

Auch Navara konnte Motylev nicht bezwingen, spielte allerdings auch allenfalls vorsichtig auf Gewinn. Wie erging es diversen Turnierfavoriten? Von den top10 der Setzliste, darunter drei Europameister, waren wohl nur Eljanov (5.), Jakovenko (12.) und Wojtaszek (11.) recht zufrieden mit ihrem Turnier. Dagegen landeten z.B. Elofavorit Bacrot auf dem 57. Platz, Titelverteidiger Moiseenko wurde 31. und Tomashevsky 68. - jeweils mit zwei Niederlagen. Die Bacrot-Killer und andere "Helden" des Turniers erwähne ich im Rahmen der nächsten Rubrik "grösster Elo-Zugewinn", siehe diese Liste:

Unter den in dieser Hinsicht 25 Besten findet man 16 Armenier - die hatten ja auch Heimspiel, waren daher mit einer sehr grossen Delegation vertreten und sind wohl zum Teil (mangels starker internationaler Gegner) Elo-unterbewertet. Darunter waren reihenweise junge bis sehr junge Spieler: ganz vorne Shant Sargsyan (Baujahr 2002) und FM Haik Martirosyan (*2000) - der sein Anfangstempo nicht ganz durchhalten konnte aber davor bereits eine GM-Norm sicher hatte. Aus russischer Sicht konnten, neben Motylev, die Jungstars Fedoseev und Artemiev diesmal eher überzeugen als der etabliertere oder bekanntere Daniil Dubov. Wobei Artemiev in einer Partie optisch alt aussah, und dann doch gewann:

Martirosyan-Artemiev

Und, Zufall oder nicht, gleich das nächste Foto in der Galerie zu Runde 8 zeigt einen etwas älteren Spieler:

Beliavsky

Gab es denn aus westlicher Sicht gar keine Erfolge? Doch, der junge Spanier David Anton Guijarro holte am Ende Silber - dank Siegen gegen u.a. Korobov, Ragger, Shimanov, Bacrot und Jobava (die alle kein allzu gutes Turnier erwischten). Vladimir Fedoseev (Bronze nach Tiebreak ganz knapp hinter Anton Guijarro) war der andere Bacrot-Killer.

Nun noch das Turnier aus deutscher, und ein bisschen aus österreichischer Sicht. Letztes Jahr hatte ich - Gesetz der Serie - ein tolles deutsches Ergebnis bei der EM 2014 prognostiziert. Mangels Masse kann man dieses Jahr aber kaum mit 2009-2013 vergleichen: Armenien ist eben ziemlich weit weg, daher waren nur sechs Deutsche vor Ort dabei. Der Reihe nach von oben nach unten: Daniel Fridman spielte ein sehr solides Turnier und gewann ein paar Elopunkte dazu. "Solide" heisst viel remis gespielt, was gegen GMs mit Elo ca. 2700 durchaus akzeptabel ist. Er hatte in elf Runden deren sieben (Malakhov, Alekseev, Matlakov, Areshchenko, Almasi, Grachev und Tomashevsky) und musste nur Areshchenko zum Sieg gratulieren. Das reichte für Platz 48, Weltcup-Quali (top23) war für die Nummer 70 der Setzliste ausser Reichweite. Philipp Schlosser begann ähnlich und brach am Ende ein. Für zwei relativ junge Spieler der Elo-Mittelklasse (IM Berchtenbreiter und FM Nuber) war das Ziel vielleicht, Erfahrungen gegen GMs zu sammeln, und das funktionierte: Berchtenbreiter hatte deren vier (0/4), Nuber gar deren sieben, ab Runde 6 einen nach dem anderen (sehr ordentliche 3/7). Dass er davor gegen einen gewissen Shant Sargsyan verlor ist im Nachhinein keine Schande? Und dann noch zwei Spieler etwa meines Niveaus, Juergen Kleinert (Elo 2000) und Matthias Kuehn (1957). Sie begannen mit jeweils fünf Niederlagen, erst gegen nominell überlegene, dann gegen armenische Gegner. Nach der sechsten Runde hatte Kuehn einen Punkt dank eines Sieges gegen ... Kleinert - dafür fliegt man nach Jerewan? Ich weiss nicht, ob sie zusammen anreisten und vielleicht gar ein Hotelzimmer teilten. Danach noch das eine oder andere Erfolgserlebnis an den hinteren Tischen.

Und Österreich? Markus Ragger hat bei EMs meistens überzeugt, diesmal eher nicht. Er verlor gleich in Runde 1 gegen den russischen FM Kozlitin, der danach noch einige andere GMs ärgerte (insgesamt +1=4-2 gegen GMs) und später, wie schon erwähnt, gegen Anton Guijarro. Die IMs Schreiner, Kreisl und Schachinger hatten ein ähnliches Turnier wie die Deutschen Berchtenbreiter und Nuber - viele grossmeisterliche Gegner, Schachinger hatte die beste Elo-Performance. Und Walter Rusek (Elo 1794) ist hoffentlich nicht beleidigt, wenn ich ihn als Tourist einstufe: es gab zwar nur einen Ruhetag, aber er hatte zwei Tage die Gelegenheit, um Jerewan zu erkunden, dank eines glatten Sieges gegen Freilos. Einer muss am Ende eben Letzter werden, und der Papierform nach war er von Anfang an Vorletzter.

 

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