EM-Nachlese

Das ehemalige Rathaus von Legnica Das ehemalige Rathaus von Legnica Taw - Wikipedia

Zu dem Turnier kann man jede Menge schreiben. Krennwurzn hat ja bereits die nackten Ergebnisse zusammengefasst aus österreichischer und deutscher Sicht. Ich schaue auch noch auf (nicht so erfolgreiche) Spieler aus anderer Herren Länder und bereite das noch ein bisschen statistisch und historisch auf, und dann gibt es auch noch Schach d.h. Diagramme. Auch für einige der nominell stärksten Spieler war das Turnier kein Erfolg - wie der Schach-Ticker erwähnte, konnte auch in der 14. Auflage niemand seinen Titel verteidigen, denn (nun Ex-)Europameister Jakovenko war zwar an eins gesetzt, landete aber unter ferner liefen. Nämlich auf dem 74. Platz, mit 6.5/11 war er punktgleich mit Matthias Bluebaum und diversen bekannten Grossmeistern (einige Namen werde ich noch nennen). Ähnlich erging es der Nummer zwei Tomashevsky (auch schon mal Europameister) und der Nummer drei Vachier-Lagrave. In der zehnten (vorletzten) Runde spielten die drei schön nebeneinander an Brett 24-26, zwei Punkte hinter dem Spitzenreiter und späteren Sieger Moiseenko - immerhin: letztes Jahr endeten drei der Favoriten, als da wären Mamedyarov, Giri und Navara, an Brett 75-77. Mamedyarov hatte einige Tage danach keine Lust mehr - auch dieses Jahr haben nicht alle Spieler das Turnier beendet. Diesmal konnte Nummer 4 Nepomniachtchi sein Turnier am Ende noch reparieren, erst 3.5/6 und dann doch noch 4.5/5.

Chess-results hat eine Liste der besten Spieler relativ zur Elo-Erwartung, mit zwei Österreichern in den top 10. IM Robert Kreisl holte als einziger Westeuropäer eine Titelnorm; daneben gab es noch GM-Normen für Spieler aus Russland, Weissrussland, zweimal Polen und Armenien und acht IM-Normen für Spieler und Spielerinnen ebenfalls aus Osteuropa. Ich drehe die Liste mal um und schaue auf das Zitronenklassement: Wer hat, verglichen mir der Erwartung, am schlechtesten gespielt? Auch da gewinnt ein Spieler aus der Ukraine obwohl er nur fünf Partien spielte: GM Zahar Efimenko holte 1.5/5 und sagte dann tschüss, als erster aber am Ende nicht einziger - mitschuldig war übrigens Alexander Donchenko. Dann die Schweiz: Zweiter wurde IM Roland Ekstroem, dritter GM Pelletier der sich ebenfalls vorzeitig verabschiedete. Vierter ist der junge Georgier Davit Lomsadze, der das Turnier zwar zu Ende spielte aber wie: Zur letzten Runde erschien er betrunken und mit blutüberströmtem Gesicht, der Gegner hatte kein Mitleid und gewann die Partie. Ebenfalls betrunken war sein Landsmann Baadur Jobava für den es auch nicht lief, sogar mit 1.b3 hat er eine Partie verloren - immerhin bekam er zuletzt ein Kurzremis in zehn Zügen.

768px-Jobava baadur 20081119 olympiade dresden Frank Hoppe

Baadur Jobava (hier bei der Schacholympiade Dresden 2008) - immer für eine Überraschung gut
(Foto Frank Hoppe, gefunden auf der polnischen Wikipedia - Seite)

Fünfter wurde der Italiener Federico D'Aste, der sich von seiner Auftaktniederlage gegen Moiseenko nie erholte und noch neun Partien verlor (nur gegen Freilos hat er souverän gewonnen). Mit Elo 1501 war er aber auch mit Abstand schwächster im ganzen Turnier (keine Ahnung was bei der Auslosung der ersten Runde schief ging), TPR 1274 ist wohl nur bedingt aussagekräftig. Etwas weiter unten in der Liste u.a. der elfte Daniel Fridman der auch vorzeitig abreiste, 14. Dennis Wagner, 21. Franz Holzke und 25. Georg Meier. Unter den Spielern mit [Elo minus TPR grösser Hundert] noch diverse andere bekannte Namen: Macieja, Kozul (war auch mal Europameister aber das ist eine Weile her), Jakovenko, Georgiev, Cheparinov, Sutovsky, Nisipeanu und Nyzhnyk. "Immerhin" mit FM Schachinger und IM Diermair auch noch zwei Österreicher ... .

Wie war das eigentlich aus deutscher Sicht bei früheren Europameisterschaften? Da Chess-results das alles noch hat können wir nachschauen:
2012 waren fast alle GMs im Elo-Soll oder darüber (Naiditsch, Fridman, Khenkin, Huschenbeth, Holzke, Ausnahme Buhmann) auch wenn sich niemand für den World Cup qualifizieren konnte, Fridman und Khenkin verpassten das knapp nach Tiebreak. Von der Jugend war nur Donchenko dabei und konnte verglichen mit seiner damaligen Elo voll überzeugen.
2011 war auch ein ordentliches Jahr für Fridman und Gustafsson, nicht so gut für Naiditsch und Buhmann - wenn ich mich richtig erinnere schrieb Max Bouaraba, dass Naiditsch (wie diesmal offenbar Fridman) gesundheitliche Probleme hatte. Für die damals noch alle titellosen Jugendlichen: Bluebaum, Donchenko und Svane im Eloplus, Wagner im Minus.
2010 war nur Naiditsch gerade so im Soll, Meier, Fridman, Gustafsson und Holzke verloren alle Elopünktchen. Die Prinzen-Jugend war damals noch nicht soweit.
2009 muss ich auch noch erwähnen, wir brauchen doch richtig gute Nachrichten: Naiditsch sechster und geteilter Erster (hatte er auf einen damals noch fälligen Titel-Stichkampf verzichtet?), Meier zwölfter (Wertungsbester der Spieler mit einem halben Punkt Rückstand). Gut, Khenkin war wohl nicht zufrieden mit dem Turnier.
Zahlenakrobatik: Aller schlechten Dinge sind drei, nach 2010 kam 2013. Und aller guten Dinge sind zweimal drei? 2014 gibt es wieder ein tolles deutsches Ergebnis??
Aus österreichischer Sicht kann ich mich kürzer fassen, da mir die meisten Namen nix sagen. Aber Markus Ragger war immer gut drauf, nur 2009 lag seine TPR unter 2700 (aber mit damals Elo 2540 war TPR 2614 auch OK).

Was ging dieses Jahr bei Fridman schief? So gut wie alles. Was ging bei Meier schief? Er hatte mit 2.5/3 gut angefangen ("you can't win them all" - auch nicht gegen nominell schwächere Spieler). Dann dieses Endspiel gegen Ex-Weltmeister Khalifman:

Khalifman-Meier

Schwarz (Meier) hat zwei Möglichkeiten das zu verlieren: den Läufer abtauschen so dass (wie in der Diagrammstellung) das Bauerendspiel verloren ist, oder den Läufer ersatzlos hergeben. Meier fand eine dritte Möglichkeit und gab hier auf.

Tags darauf mit Weiss gegen GM Stocek:
Meier-Stocek
Ein leicht inkorrektes Damengambit, zwei Züge davor stand Weiss noch eher besser. Dann erzwang der belgische IM Bart Michiels mit Weiss schon nach elf Zügen Dauerschach (11.Lxh6, kurz danach Dg6+ und Dh6+ usw.) - diese Partie gab es übrigens schon ein paar Mal: Sergey Igorevich Galanov ist mir kein Begriff, seine Gegner auch nicht, aber er hatte das 2011/2012 in email-Turnieren gleich sechsmal. Dann eine Niederlage gegen einen "drittklassigen" GM (Valerij Neverov, Elo 2489), und dann wurde er auch noch von einer Dame schachlich verprügelt: Elina Danielian opferte auch einen Läufer, wenn auch auf e6 und erst nach 16 Zügen, und danach wollte und bekam sie mehr als Dauerschach.

Noch ein paar Fragmente bzw. auch eine komplette Partie:

GM Nisipeanu (2679) - IM Pacher (2470)

Nisipeanu-Pacher

Wie widerlegt Schwarz den weissen Hurra-Angriff? Da die gesamte Partie durchaus unterhaltsam war, zeige ich sie noch komplett und verrate damit natürlich auch die Lösung:

Noch eine Überraschung, ebenfalls aus Runde 1:

IM Kjartansson (2446) - GM Fedorchuk (2660)

Kjartansson-Fedorchuk

Mit der Bauernstruktur (sagte ich Struktur?) hätte Schwarz vielleicht ohnehin wenig Freude an seinen Mehrbauern, aber hier ist Weiss dran (leichte Kost, aber sicher nett sowas gegen einen stärkeren Gegner zelebrieren zu dürfen).

Einer der Helden des Turniers war auch Altmeister und ehemaliger Weltklassespieler Dreev. "Meistens" gewinnt er im Endspiel, aber wenn nötig kann auch er taktisch beissen:

GM Dreev (2654) - GM Pashikian (2603)

Dreev-Pashikian

Die schwarze Stellung wäre OK, wenn ja wenn er seinen Königsflügel nicht mit g7-g5 geschwächt hätte - das war aber gängige Theorie im Nimzo-Inder. Hier hat Weiss genau einen Gewinnzug.

Zum Schluss noch keine Aufgabe, sondern eine Schlusstellung vom (diesmal) besten deutschen Spieler.

IM Bluebaum (2511) - GM Kislinsky (2574)

Bluebaum-Kislinsky

Das war mal ein lange Zeit ziemlich verrammelter Königsinder, in dem Weiss kurz rochiert hatte. Der tschechische GM Kislinsky war mir übrigens kein Begriff - er ist Jahrgang 1984 und hat offenbar erst im relativ fortgeschrittenen Alter relative schachliche Fortschritte gemacht.

Kommentare   

#1 Schachorganisator 2013-05-22 09:36
Ein sehr interessanter Beitrag von Thomas Richter!
Viele Fakten, die er da zusammengetragen hat.
Nach den schon durchwachsenen "Erfolgen" der letzten Jahre war es diesmal wohl der absolute Tiefpunkt.
Immerhin hatten wir 2 Spieler dabei, die den großen Erfolg als Mannschafts-Europameister erzielten.
Da hat der Bundestrainer eine große Aufgabe.
Aber wenn er jede Woche 2 oder 3 Tage in Berlin weilt, weil er ja nun auch noch die Aufgabe als Sportdirektor wahrzunehmen hat, wird da kaum genügend Zeit bleiben.

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