Endspielmagie - Studien für die Praxis (Folge 01)

Studien - meist nur mit wenigen Figuren Studien - meist nur mit wenigen Figuren OSt

Von Dr. Oliver Höpfner, Bremen

Der im März 2020 gestorbene frühere Trainer der Schachabteilung von Werder Bremen Claus Dieter Meyer (1946 – 2020) – von allen nur C. D. genannt – hat im Laufe seines Lebens unzählige Schach-Trainingsstunden für die verschiedensten Spielstärke-Gruppen durchgeführt.

Die Spannbreite der Teilnehmer bei seinen vielen Trainings-Terminen reichte dabei vom fünfjährigen Anfänger, über fortgeschrittene erwachsene Schachspieler mit einer DWZ um 1500, den ambitionierten Vereinsspieler, ehrgeizige Jugendspieler in Hamburger und Bremer Leistungskadern bis hin zum erfahrenen Bundesligaspieler.

Inhaltlicher Bestandteil des Trainings von C. D. waren dabei seinerzeit oft auch Schachstudien. C. D. hielt sehr viel von dem Training mit Studien. Studien – der Rezensent Harry Schaack schrieb bei der Rezension des Studienbuches "Studien für Praktiker" in der Schach-Zeitschrift KARL 1/2009 einmal sehr blumig, dass „Studien (…) die Umsetzung von Schachwissen in ein reines, ästhetisches Konstrukt einer Schachposition - Poesie auf karierten Feldern“ sind, waren deshalb ein wichtiger Bestandteil seiner Trainingsstunden.

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Zu Ehren von C. D.: Gedenkturnier bei Werder im Herbst 2020

Ebenso wie die leider auch schon verstorbene russische Trainer-Legende Mark Dworetski war C. D. auch außerordentlich an der Praxisnähe der Studien interessiert, die er in seinem Training verwendete. Der frühere russische Weltklasse-Schachgroßmeister Artur Jussupow schrieb in dem Vorwort des oben schon erwähnten Buches "Studien für Praktiker", warum Dworetski – und damit auch C. D. - partienahe Studien bevorzugte. Er schrieb:

„Und noch dazu liegen diese Studien sehr nah am praktischen Spiel, weswegen der aufmerksame Leser viel davon lernen kann: Angriff und Verteidigung, Endspiel, taktisches Sehvermögen und Variantenberechnung werden in diesem Buch stark gefördert.

Mein Schachtrainer und der zweite Autor dieses Buches Mark Dworetsky benutzt wahrscheinlich wie kein anderer Studien im Training. Er hat bereits in der "vor Computer"-Zeit eine große Stellungskartei mit mehreren tausenden verschiedenen Übungen erstellt. Diese Übungen sind auch nach verschiedenen Themen sortiert und werden sehr aktiv im Training genutzt. Dabei spielen auch die Studien eine wichtige Rolle.

Einige Studienstellungen muss man von Anfang bis zum Ende berechnen. Andere darf man mit einem Trainer oder gegen einen Trainingspartner ausspielen. Dabei trainiert man sich in echten Kampfbedingungen, muss viele schwierige Entscheidungen treffen und die Zeit für die ganze "Partie" richtig verteilen, da wir oft nicht genau wissen, wo der kritische Moment liegt.“

Ein Studienkomponist, der immer sehr praxisnahe Studien mit spektakulären und unerwarteten Ideen komponierte, war der französische Schachmeister und Studienkomponist russischer Herkunft Alexei Sergejewitsch Selesnjow (1888 – 1967).

Selesnjow
Alexei Selesnjow (1888 - 1967)

Selesnjow war ein sehr starker Turnierspieler und hatte eine historische höchste Elo-Zahl von 2619 (Januar 1920). Er belegte zum Beispiel 1927 außer Konkurrenz Platz eins der ukrainischen Meisterschaft.

C. D. war ein großer Fan der praxisnahen Studien von Selesnjow. Er besaß daher natürlich auch das kleine Studienbuch „35 Endspielstudien von Schachmeister A. Selesnieff“ (Verlag Bernhard Kagan, Berlin 1919), dass Selesnjow zusammen mit dem damaligen Schach-Weltmeister Emanuel Lasker verfasst hatte.

Eine der Studien aus dem kleinen Büchlein war dabei die folgende Komposition von Selesnjow. C. D. zeigte diese kleine Perle der Studienkomposition im Laufe der Jahre relativ oft in seinem Training. Die Teilnehmer an seinem Training waren dabei nahezu immer fasziniert von der Lösung dieser kleinen, aber nichtsdestotrotz sehr einfallsreichen und eleganten Studie.

Nun ist also der Leser am Zug. Wie kann Weiß in der Diagrammstellung – trotz Minus-Bauer und zwei entfernten schwarzen Freibauern – die Partie noch gewinnen? Viel Spaß bei der Lösung der Aufgabe.

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Alexei Sergejewitsch Selesnjow, 1919

Oliver Höpfner, Bremen

Anmerkung der Redaktion: Das Lösen - überlassen wir unseren verehrten LeserInnen im Kommentarbereich. Zeigt was Ihr könnt ... ! 

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UPDATE: Und nun ist es soweit - am 11.Januar erhaltet Ihr die Lösungen, liebe LeserInnen! (Mit großem Dank an Udo Hasenberg, für den geduldigen und sehr hilfreichen technischen Support)

 

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

Kommentare   

#1 Krennwurzn 2020-12-16 18:49
Forwärts Geh dann allein zum Ausgangsfeld :-x
#2 MiBu 2020-12-16 22:42
Der Ösi kann sich einfach nicht klar ausdrücken... Der einzige Versuch für Weiß ist natürlich 1.f6. Ignorieren mit etwa b2 kann Schwarz das nicht, denn es folgt 2.fxg7+ Kg8 3.gxf8D+ Kxf8 4.g7+ Kg8 5.Kg6 und b1D ist leider kein Schach. 1.-Txf6 geht offensichtlich nicht, somit müssen sich die geneigten Leser noch mit gxf6, Kg8 und Turmzügen auf der achten Reihe beschäftigen.
#3 Thomas Richter 2020-12-18 09:59
Ich mache mal weiter: Auf 1.-Kg8 kommt 2.Txg7+ Kh8 3.Th7+ Kg8 4.f7+ (erst jetzt!) Txf7 5.gxf7+ Kf8 6.Kg6 (oder 5.-Kxh7 6.f8D, und dann kann Weiß entweder die schwarzen Bauern aufhalten oder bevorzugt schnell mattsetzen).

Zuerst wollte ich direkt 2.f7+ spielen mit der brillianten Idee 2.-Kh8 3.Te7 nebst Te8 nebst Matt, aber Schwarz hat 3.-d2 4.Te8 und nun 4.-d1D mit Schach, durch den weissen Bauern auf h4 nebst Matt (es geht selbst -d1L).

Das ist aber wohl nicht der Grund für den weissen Bauern auf h4, wobei in Studien jeder Klotz seine Berechtigung bzw. Rolle hat. In welcher Variante ist der Bauer auf h4 wichtig, nützlich/notwendig oder schädlich? Diese Frage stelle ich, kann sie aber nicht beantworten.
#4 Olaf Steffens 2021-01-11 17:07
Moinsen, die Lösungen sind nun online für die Studie (verlinkt am Ende des Artikels).

Ihr habt das ja ganz gut schon angefangen zu lösen, aber ich glaube, das geht sicher noch besser! (!?)
Bald kommt die nächste Runde aus Oliver Studien-Küche.

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