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Schach mit den Meistern von morgen

Das Café Winuwuk und einige Hühner Das Café Winuwuk und einige Hühner OSt

 

 

Nach dem dritten Tag der Schachweltmeisterschaft in Bad Harzburg ist das Feld noch nahe beieinander. Einige haben gewonnen, andere haben verloren, und das Essen und der Kuchen sind wie jedes Jahr ausgezeichnet mit Stern. Der aus dem fernen  Oldenburg in Oldenburg angereiste Schachfreund Ernst Heinemann bewies gute Vorausschau, als er heute bereits am Vormittag den umwerfenden Kirsch-Schokokuchen für den Nachmittag reservierte – ich tat das nicht, und musste mit dem Mohnkuchen vorliebnehmen. Doch was war das für ein Mohnkuchen! Obendrauf entdeckte ich Vanillepudding, und was soll ich sagen – phantastique!

Die Schachweltmeisterschaften wurden auch dieses Jahr von der FIDE wieder in den Harz vergeben, und so kamen sie alle an und kämpfen um Titel und Pokale. Bis auf Magnus Carlsen und Viswanathan Anand, die schon eine alternative Veranstaltung in Indien gebucht hatten, sieht man viele Gesichter aus der erweiterten Weltspitze - mit den IM Nikolay Milchev und Velislav Kukov zwei Spieler sogar aus Bulgarien, und aus Lettland den Großmeister Viesturs Meijers (derzeit vermutlich führend). Selbst aus Bayern und Leipzig reisten Spieler an, und keine Schach-WM natürlich auch ohne Ilja Schneider, der offiziellen Hoffnung des Deutschen Schachbundes für den laufenden Wettbewerb. Auch Titelverteidiger Tobias Jugelt hat als Vertreter des Nordwestens seinen Hut in den Ring geworfen, fiel aber heute aufgrund eines für ihn untypischen spekulativen Figurenopfers Sxf2 mit anschließendem Remis gegen Marc Schütte (Oldenburg!) ein wenig von der Spitze zurück.
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Hier darf gelaufen werden - die Pferderennbahn in Bad Harzburg

Einen ebenfalls unglücklichen Verlauf nahm der Tag für Vincent Keymer. Der sehr junge Mann aus dem sehr tiefen Süden war erst unlängst mit einem phantastischen vierten Platz von den Europameisterschaften der Jugend (U10) in Budva zurückgekehrt, und auch hier im Harz hatte er das Turnier gerockt und im Duell mit FM Bernd Laubsch den vollen Punkt geschnappt. Heute war jedoch erstmal Schluss mit lustig – erst trat FM Marc Schütte (Oldenburg, siehe oben) energisch auf die Spaßbremse und gewann, und am Nachmittag dann traf Vincent Keymer (SK Gau-Algesheim, TWZ 2004) auf den FM Olaf Steffens aus der Hansestadt Bremen. Für die  Älteren sind solcherlei Doppelrunden ja immer eine besondere Herausforderung, doch das ist das Gute in Bad Harzburg - es gibt viel (Mohn mit Vanille-) Kuchen hier, und noch mehr Kaffee, und damit können dann auch die mittelalten FIDE-Meister kräftemäßig meist noch ganz gut mithalten. Gewiss aber täuscht der Eindruck nicht, dass die Jugend (besonders die unter 10 Jahren) deutlich mehr unbeschwerte Energien hat. So musste sich der Bremer FM lange und intensiv mühen, um gegen Vincent Keymer überhaupt mal etwas drohen zu dürfen. Auch rückte die schreckliche Zeitnot für ihn immer näher, während der U10-Vierte der Europameisterschaften seine Figuren mit leichter Hand dirigierte und noch keine ganze Stunde verbraucht hatte. Undankbar ist es, gegen die Jugend zu spielen!

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Wenn die Urzeit knapp ist, kommen die schrecklichsten Zug-Kreaturen auf das Brett

FM Steffens dachte zurück an die erste Partie der letzten Weltmeisterschaft vor einem Jahr in Bad Harzburg – auch dort war er einem jungen Talent aus Hannover nur mit knapper Not und neun Sekunden Restzeit entkommen. (Ilja Schneider hat es sich nicht nehmen lassen, mich kurz vor Beginn der Partie noch einmal daran zu erinnern – danke, Herr Zoodirektor!)
Wie haben sich aber auch die Zeiten geändert. Anfang der achtziger Jahre machte ich im Schleswiger Schachverein von 1919 meine ersten vorsichtigen Züge. Damals war ich 13 Jahre alt, und wenn ich mal ein Schachbuch lesen wollte, konnte ich es nur auf Verdacht aus einem dicken LIBRI-Katalog beim Buchhändler Schröder bestellen, ohne es  vorher mal ansehen zu können. Im Fernsehen zeigte Helmut Pfleger das „Turnier der Schachgroßmeister“, jeden Tag eine Partie mit Tony Miles, Anatoly Karpov und Hajo Hecht – wie war das aufregend.
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Ein Wink des Schicksals? In meiner Unterkunft begleitet mich nachts eine schöne FM-Uhr

Heute finden die Kids Partien und Studienmaterial in Hülle und Fülle. Sie können in jungen Jahren schon mit Computerhilfe elegant an ihrer Zugtechnik feilen, und sobald sie 10 Jahre alt sind, fliegen sie zur Jugend- Europameisterschaft. Es ist schon eigenartig – da spielt man selber schon seit über dreißig Jahren Schach, denkt, man hat etwas gelernt und einige Erfahrung durch viele, viele harte Jahre am Brett. Und dann kommt ein junger Mann, na gut, ein Kind vorbei, und spielt locker auf Augenhöhe mit – dabei spielt der doch noch gar nicht so lange! Ist das das Schöne an unserem Sport? Ich weiß nicht – vielleicht ist es auch das, wodurch es manchmal so frustrierend ist.

Doch heute nicht, immerhin. Heute konnten die alten Meister noch einmal die Fahne hochhalten – trotz Zeitnot und zugiger Königsstellung. Einen Zug lang war Vincent zu unbeschwert, und dieses Mal noch wurde es bestraft. Glück für den FIDE-Meister, doch wer weiß – die Zeit läuft für den Nachwuchs!

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Steffens - Keymer, Bad Harzburg, 5.Runde

Schon lange war es hin und her gegangen, und eigentlich glaube ich, dass ich nicht viel hatte – im Gegenteil wohl schon eher vorsichtig sein musste, nicht ausgekontert zu werden.
Es folgte 33.Lh5-f7 +, Kg8-h8, und dann, weil das Damenschach auf e1 einfach sehr unangehm wäre, 34.Kg1-f1.

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Nun dachte Vincent einige Zeit nach - 34....Sd6 sieht aus wie ein plausibler Kandidat, und Weiß hätte nicht viel, wenn überhaupt, eher nicht! Zu meiner Überraschung folgte 34...Dh4-d8. Von dort war die Dame vor zwei Zügen erst nach h4 hin aufgebrochen - nun also ging sie wieder dorthin zurück und drohte mit Schach auf d1. Warum aber war dieser Zug nicht so gut?
(Weiß hat sozusagen einen echten ... Kaffeehaus-Trick - und damit kommen wir schon wieder zurück zum schönen Harzburger Kuchenbuffett!)

*************

Noch drei Runden sind zu spielen, und schon morgen geht es weiter.Ob Schachprinz Ilja Schneider den Titel holen wird? Leider gab es teilweise Probleme mit den aktuellen Ergebnismeldungen im Internet, die Welt war abgeschnitten, so dass man außerhalb von Bad Harzburg kaum etwas von den auch in diesem Jahr wieder sehr spannenden und vorzüglich organisierten Weltmeisterschaften mitbekommen konnte. Doch nun ist alles wieder gut.
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Blick in die Bergwelt - leider muss man aber immer schachspielen!

Und überhaupt: was so ein echter, ein passionierter Schachfreund ist, der reist einfach an und kommt vorbei zum Finale. Schach zu gucken ist ja immer mal spannend, und außerdem – es lohnt auch für das Kuchenbuffett. Aber Fuchs sein, und rechtzeitig den Kirschkuchen reservieren!

***

Wer bis hierhin gelesen hat, darf auch noch eine vertrauliche Frage beantworten. Wir möchten gerne wissen:
Wie geht es unseren Leser(inne)n im Umgange mit der Jugend? Sind es unbeschwerte Begegnungen, oder ist es schwierig, gegen sie unbefangen zu spielen?
Und: Gegen welche heutigen Meister, Großmeister und Weltmeister habt Ihr mal gespielt, als sie noch jung und U12, U14 u.ä. waren?
Wir sind gespannt auf Eure Eindrücke und Geschichten!

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

Kommentare   

#1 Guido Montag 2013-10-18 11:02
Mein Computer findet keine Lösung :-)
#2 Peter Oppitz 2013-10-18 14:06
Recht so, Dr.Einzug schlägt zu!
(hätten die heutigen Kinder andersherum auch keinerlei Problem damit und würden triumphierend mit unserem DWZ-/ELO-Skalp fortlaufen...)
mM zu den nervigen und respektlosen Kids: man muß sie schlagen, solange sie jung sind.
#3 Thomas Richter 2013-10-18 17:56
Ich weiss ja nicht, ob ich Olafs Kaffeehaus-Trick verraten darf, lieber nur ein kleiner Tip: 34.-h6 (Luftloch) war nicht viel besser, und auch die Alternative 34.-g6 ist wiederum nur etwas weniger schlecht.

Zu Olafs abschliessender Frage: Ich (und er wohl auch) blitzten zu gemeinsamen Kieler Zeiten gelegentlich gegen den etwa 16-jährigen Jan Gustafsson, zumindest für mich war er damals bereits zu gut. Und noch früher in Südhessen machte ich - allerdings nur indirekt - Bekanntschaft mit einem damals relativ unbekannten Talent: Ich half ein bisschen mit bei der Organisation eines internationalen Jugendturniers in Griesheim bei Darmstadt, durfte nicht selbst mitspielen (damals bereits zu alt) und gewonnen hat der 10-jährige Ungar Peter Leko.
#4 Schmidt 2013-10-18 19:53
Man kann es doch auch andersherum sehen: Das Schöne am Schach ist, dass man auch jenseits der 40 noch mit den jungen Recken mithalten kann und der Leistungsabfall auch danach in der Regel nicht so dramatisch ist wie bei "echten" Sportarten wie Fußball etc.
Was das starke Aufspielen junger Talente angeht: Mein Eindruck ist, dass diese oft stellenweise überragend spielen, dann aber auch innerhalb derselben Partie haarsträubende taktische/positionelle Fehler begehen. Nicht umsonst brauchen ja auch die 10-jährigen Überflieger in der Regel nochmal 5-10 Jahre, um sich in der Gewichtsklasse jenseits der 2000 zu etablieren. Der Vorteil von über die Jahre gesammelter Erfahrung besteht mE darin, eine gewisse Leistungskonstanz und ein (halbwegs) solides Verständnis aller Spielphasen zu besitzen. Insofern: Kopf hoch, die investierten Jahre waren nicht vergebens. ;)
#5 Guido Montag 2013-10-19 10:44
Zitat:
Peter Oppitz 2013-10-18 13:06 Recht so, Dr.Einzug schlägt zu!
Einzügig geht anders
#6 Intucal 2013-10-19 21:15
Ich empfinde Begegnungen mit Jugendspielern als unbeschwert. Rein schachlich sehe ich solchen Paarungen immer mit Vorfreude entgegen. Nervig wird es, wenn Kinder/Jugendliche sich nicht ordentlich benehmen (so gab es von dem ein oder anderen Jugend-EM-Teilnehmer in Bad Harzburg haufenweise wiederholte, unangebrachte Remisangebote. Allerdings muss man sagen, dass derlei Benehmen ja auch bei Erwachsenen häufig vorkommt :). Respekt muss man sich jedenfalls verdienen, den kann man nicht wegen Elounfällen, Alter oder ähnlichem einfordern.
#7 Intucal 2013-10-19 21:20
Ach ja, alte Geschichten gegen Kinder: Selber als knapp 18jähriger mal gegen einen etwa 11jährigen David Baramidze eine Glanzpartie gewonnen - Mattangriff in einem Endspiel LL vs LS. Vorher hatte ich mir ziemlich in die Hosen gemacht vor der 2100-Elo meines Gegners, hinterher hätte ich ihm am liebsten den Punkt geschenkt, weil er so traurig war, gegen einen Patzer wie mich verloren zu haben :D.
#8 Schachmanski 2013-10-20 18:44
Super Bericht, Olaf!
In kaum einer (keiner?) anderen Sportart dürfen Kids in Turnieren gegen Erwachsene spielen, aus guten Gründen. Nur im Schach ist alles anders, hier können sich die kleinen nach Herzenslust austoben, rumtollen, umherrennen, Stühle umkippen, alle 3 Züge Remis anbieten, nicht eine Minute ruhig am Tisch sitzen, lauthals schmatzen, denn ohne was zu knabbern kann man ja kein Schach spielen, mit einer Plastikflasche in der Hand knistern und und und.....
ALLES innerhalb EINES Turnieres (Travemünde 2012) selber erlebt, und das ist dann doch schon ein bisschen nervig, weil man ja eigentlich ein Schachturnier spielen will und keinen Kindergeburtstag feiert.....
Es wäre toll, wenn Kids erst ab 16 oder 18 bei Erwachsenen - Turnieren mitspielen dürften, denn es gibt doch auch so genug Turniere für sie, da dürfen FM Steffens und IM Schneider auch nicht spielen... ;-)
Ich kenne mich ja nicht soo gut aus im DSB, gab es schon mal solche Bestrebungen? Weiss da jemand was drüber?

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