Frankreich nach der Wahl

Schon wieder Schachpolitik - dabei wird doch momentan auch Schach gespielt, übrigens nicht nur in Norwegen sondern auch in Polen bei der Europameisterschaft. Aber (zumindest zum Turnier mit weniger Medieninteresse) vielleicht später noch was. Thema heute: Schach-Frankreich hat ja gewählt, und nun? Demokratische Wahlergebnisse muss man akzeptieren, auch wenn sie knapp und überraschend ausfallen. Allerdings sollte der Sieger (Salazar mit 50,5%) sich bemühen, das Lager des Verlierers (Battesti mit 49,5%) nicht zu vergraulen. Nach der Wahl hatte Salazar durchaus versöhnliche Töne: "Herr Battesti führte einen Wahlkampf mit einem dynamischen Programm, wie es seiner Persönlichkeit entspricht. Er sagt, dass er seine Projekte in Korsika erweitern will, aber wir hoffen, dass er seine Erfahrungen weiterhin auch Schach-Frankreich insgesamt zugute kommen lässt. Ich ziehe meinen Hut vor ihm und habe allen Respekt, was seine Person und seine Entscheidungen betrifft. Unsere Meinungsunterschiede, was das gemeinsame Ziel betrifft - die weitere Entwicklung des Schachs in Frankreich - zeigen all unsere Vielfalt. Wir sind nach wie vor und jederzeit offen für eine wichtige nationale Rolle von ihm und seinem Team. Wir müssen alle zusammenarbeiten."

Salazars Hoffnungen scheinen sich (s.u., und wie Stefan Löffler bereits erwähnte) nicht zu erfüllen. Was meinen Beitrag betrifft, vorab ein paar Disclaimer: Alle Übersetzungen aus dem Französischen sind so gut ich es hinbekomme, und aum Teil etwas frei. Und ich habe zum gesamten Komplex (mangels früherer Infos) keine eigene Meinung, gebe nur meine Eindrücke wieder. Das sind doch - vielleicht bis auf was ich ganz am Ende noch streife - interne französische Angelegenheiten? Ja schon, aber andere Schachverbände, zum Beispiel auch der deutsche, haben z.T. ähnliche Probleme, als da wäre "Wie bekommen wir Spieler aus dem Internet (neu oder zurück) in die Vereine?".

Wie es zu diesem Artikel kam: Am Anfang stand ein Vorschlag von Kollege Löffler ("Du kannst doch Französisch") mir die neue Spiel- und Lernseite des französischen Verbandes mal anzuschauen. Das alleine würde nicht genügend Stoff für einen Artikel liefern - gleich sage ich warum - aber man kann ja recherchieren. Und ich hatte schon länger vor, eventuell mal meine Französisch-Kenntnisse hier zu nutzen - eigentlich dachte ich an eventuelle neue Entwicklungen im Fall Feller, aber da tut sich wohl nichts mehr. Für Hobby-Journalisten sehr hilfreich, dass man über die alte Webseite des französischen Schachverbandes email-Adressen finden kann, wenn die Spieler damit einverstanden sind. So verraten z.B. Vachier-Lagrave und Fressinet ihre email, Bacrot (der sicher auch eine hat) dagegen nicht, was natürlich sein gutes Recht ist. Genauso ist es jedermanns und jederfraus gutes Recht, auf emails nicht zu reagieren. Am 5.5. gegen 22:00 hatte ich Salazar, seine Generalsekretärin Aurelie Dacalor, Europe Echecs Direktor Bachar Kouatly und (da es auch die Vergangenheit betrifft) Leo Battesti angeschrieben. Zwei reagierten, zwei nicht - jetzt hatten sie genug Bedenkzeit, ich reklamiere Zeitüberschreitung und schreibe auf was ich habe. Vielleicht mehr als genug, auch wenn der Artikel irgendwie unvollständig ist.

Warum Bachar Kouatly? Das "neue" Angebot ist das seit langem (seit Juli 2001) bestehende Angebot von Europe Echecs - Spielen im Internet und diverse Schachvideos - jetzt auch offiziell vom Schachverband empfohlen, und Spieler mit A-Lizenz bekommen vier Monate gratis Zugang. Ich muss hier kurz abschweifen: Es gibt eine A-Lizenz für Spieler die z.B. Mannschaftskämpfe spielen, und daneben eine B-Lizenz für Hobby-Vereinsspieler die nur zum Vereinsabend kommen und vielleicht mal ein Schnell- oder Blitzturnier mitspielen. Salazar hatte die B-Lizenz im Wahlkampf scharf kritisiert ("Zahlenpolitik und ein Irrweg") und dabei auch angedeutet dass Korsika (also Battesti) da kräftig schummelt: jeder Jugendliche der ein Schulschach-Turnier spielt oder nur am Schachunterricht teilnimmt bekommt eine B-Lizenz, vielleicht ohne das selbst zu wissen. So steigen die Mitgliederzahlen kräftig, auch wenn echte schachliche Erfolge ausbleiben - bei der französischen Jugendmeisterschaft wurde Team Korsika 12., auf Clubebene Bastia und Ajaccio 26. und 30. . Da zeigen sich offenbar unterschiedliche Philosophien - Schach als Breitensport oder tendenziell Leistungssport?
Die neue Webseite wurde in einer gemeinsamen Erklärung von Salazar und Kouatly als "novatrice" (brandneu?) verkauft. Ziel ist mehr A-Lizenzen, indem man ihnen die Möglichkeit gibt im Internet zu spielen. Als Beispiel wird die Dordogne genannt: 91 Spieler mit A-Lizenz aber 600 Spieler im Internet. Dieses Departement hat eine Fläche von 9225 km2 (damit das drittgrösste in Frankreich) und 380,000 Einwohner, damit ein eher ländliches Gebiet wo es eben nicht an jeder Ecke einen Schachverein gibt. Es gibt genau drei, und zwar in Dörfern, nichtmal in den beiden Kleinstädten Perigeux und Bergerac (30,000 und 26,000 Einwohner). Womöglich spielen die relativ grossen Entfernungen auch eine Rolle: nicht jeder hat Lust für einen Mannschaftskampf 50-100km anzureisen? Ich spreche ein bisschen aus eigener Erfahrung - in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts spielte ich vorübergehend für den dezentralen Club USAM Brest.

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 Foto von Luc Viatour (http://www.lucnix.be) - dankeschön!
Schön ist es in bzw. an der Dordogne, aber im Vereinsschach ist es eher eine Wüste?

Ich verstand nicht so recht was da nun 'novatrice' ist, und wie man Spieler aus dem Internet in die Vereine bekommt, indem man ihnen die (noch eine) Möglichkeit gibt im Internet zu spielen? Spielen im Internet habe ich erst mal selber ausprobiert, für mich 'novatrice'. Ich fasse mich relativ kurz, jeder hat da ja seine eigenen Erfahrungen und Meinungen oder auch nicht. Für mich ist es kein Ersatz für Schach am Brett, allerdings hat es durchaus seine Reize einschliesslich Suchtgefahr: Man kann jederzeit spielen und auch jederzeit wieder aufhören. Man kann sich eine Gegner qua Spielstärke aussuchen, jedenfalls wenn die auch wollen: mit meiner Internet-Elo von momentan 2059 finde ich kaum 2200+ Spieler die gegen mich antreten wollen (ausser Bullet was wiederum nicht mein Ding ist). Man kann neue Eröffnungen "ohne Risiko" ausprobieren. Da die Partien gespeichert werden, kann man sie hinterher eventuell auch analysieren - dafür hatte oder nehme ich mir aber keine Zeit, stattdessen schreibe ich ja gerade einen Schach-Welt Artikel ... . Auf dieser Seite spielen natürlich vor allem Franzosen, wobei ich auch schon Gegner aus Italien, Spanien und Kolumbien hatte.
Ein Vereinskollege spielt auch im Internet, und zwar vorzugsweise morgens früh vor der Arbeit - ausserdem noch manchmal abends "wenn meine Frau im Fernsehen was guckt das mich nicht interessiert". Der bräuchte dann einen Verein, der sich um 6:00 morgens trifft? Aber ob er dann auf dem Weg zur Arbeit vorbeischauen würde, eventuell mit Umweg? Und wieviele Gleichgesinnte gibt es? Er spielt morgens vor allem gegen Amerikaner ... . Ja, er kommt aber auch - unabhängig vom Fernsehprogramm - Montag zum Spielabend. Kurz gesagt: Schach am Brett und Schach im Internet sind zwei parallele Welten, die eigentlich nur die Spielregeln gemeinsam haben - und es gibt viele individuelle Gründe um sich für die eine und/oder die andere Welt zu entscheiden.

Ich habe nachgefragt bei Salazar, Dacalor und Kouatly. Von Kouatly kam Antwort - schnell (6.5. 0:50) und ausführlich, ich versuche das zusammenzufassen: Die neue Webseite des Schachverbandes gibt es noch nicht, voraussichtlich Mitte Juni. "Novatrice" ist, dass die beiden grössten Institutionen im französischen Schach zusammenarbeiten, was bisher nicht der Fall war. Idee ist, um mit diesem Angebot einige Spieler mit B-Lizenz zu überzeugen, eine A-Lizenz zu erwerben (derzeit gibt es etwa 25,000 A- und über 30,000 B-Lizenzen). Wir wollen Präsidenten von dynamischen Vereinen und Schachligen die Möglichkeit bieten, um in "zones blanches" [gemeint sind wohl dünn bevölkerte ländliche Gebiete, z.B. Dordogne] Spieler zu suchen, die momentan nur im Internet aktiv sind. Warum sollten manche Vereine nicht auch im Internet aktiv werden und da ihr Vereinsleben abhalten? Wir können nicht mehr an 20 Jahre alten Modellen festhalten, die Welt hat sich verändert, auch die Schachwelt.

So kann man es sehen: wenn das Internet bzw. die "internautes" nicht in die Vereine kommen, dann gehen die Vereine ins Internet. Was A-Lizenzen betrifft, ist das nicht auch Zahlenspiel? Sie haben diese Lizenz dann, ohne sie so zu nutzen wie es eigentlich vorgesehen war. Und was Spielersuche im Internet betrifft gibt es doch Datenschutz? Sie können doch nicht zum Pseudonym Name, email-Adresse und Wohnort verraten. Von einem meiner Gegner weiss ich nur, dass er sich ptitnouveau nennt, Franzose ist und auch Internet-Elo etwa 2050 hat. Ich weiss nicht, wo er wohnt: Paris, Marseille, Lyon, Bordeaux, oder vielleicht ein Dorf in der Dordogne.

Auf beiden Webseiten, die alte und die neue (die es also bis zu einem gewissen Grad doch schon gibt) sucht der französische Schachbund für 12 Kommissionen jeweils 5-12 Freiwillige, darunter auch Jugendschach (Commission Jeunes) und Schulschach (Commission Scolaires). Fragen über Fragen: Gab es derlei Aktivitäten bisher gar nicht, oder zumindest nicht organisiert? Wollen sie komplett neu anfangen, d.h. auch wer bisher aktiv war muss sich neu bewerben? Oder stehen Leute die sich bisher engagierten nicht mehr zur Verfügung? Diese Fragen gingen an Salazar, Dacalor und - soweit es die Vergangenheit betrifft - Battesti. Battesti hat geantwortet: "je suis désolé mais j'ai décidé de ne pas m'exprimer publiquement sur la FFE" (Es tut mir leid, aber ich habe beschlossen, mich zum französischen Schachverband nicht öffentlich zu äussern). Ist er beleidigt, oder will er keine schmutzige Wäsche waschen? "Für mein Konzept zur Entwicklung des Schachs, siehe unsere Seite http://www.corse-echecs.com und speziell hier: http://www.corse-echecs.com/Presentation-de-la-ligue_a685.html ." Was da steht hatte Stefan Löffler zum Teil bereits erwähnt - mit dem Unterschied, dass es (laut dieser Quelle) durchaus Sinn der Sache ist, dass Jugendliche auch im Verein landen. Es ist natürlich Selbstdarstellung, siehe auch diverse Ausrufezeichen obwohl da keine Schachpartie kommentiert wird. Ich werde die Mischung aus Begeisterung, Stolz und Lokalpatriotismus mal auszugsweise übersetzen (Fettdruck im Original):
"2 Zahlen zur Bedeutung der Schachpraxis auf unserer Insel [sic] - 1998 wurde die korsische Schachliga gegründet, 250 Lizenzen - 2012, 5907 Lizenzen bei 300,000 Einwohnern. ... massives Engagement in den Schulen während der Unterrichtszeit ... 15 Schachlehrer überall auf der Insel, 12 Vollzeitstellen wurden geschaffen ... 32 detaillierte Unterrichtsstunden, also im Rythmus der Schulen. ... Neben dem Unterricht können Kinder, die das wollen, ihre Erfahrungen in Schachvereinen vertiefen. Vereine wurden zu diesem Zweck neu gegründet. ... In Teilnehmerzahlen ausgedrückt ist Schach eine wichtige Aktivität auf Korsika (in der Altersgruppe 6-16 Jahre, wichtiger als Fussball!). Die Anzahl erwachsener Mitglieder wächst ständig, oft Erwachsene die sich mit ihren Kindern unterhalten wollen! Die Medienresonanz ist sehr stark. ... Ausserdem, nicht zu vernachlässigen, viele Sponsoren unterstützen uns, vor allem beim Corsican circuit (140 Firmen haben dieses Jahr beigetragen!)." 
Salazar würde wohl sagen, dass Fussball auf Korsika statistisch populärer wäre als Schach wenn alle, die im Schulsport Fussball spielen oder mal bei einem Wochenendturnier mitmachen, automatisch eine Fussball-Lizenz bekommen? Nein, er hat sich (wie angedeutet) gar nicht geäussert. Das ist sein gutes Recht. Ich kritisiere das nicht, verzichte aber auch auf eine diplomatische Formulierung wie "ihn konnte ich leider nicht erreichen".

Salazar und Dacalor habe ich auch nach dem Bezug zum versprochenen Ressourcenzentrum für Schachvereine gefragt mit zehn bezahlten Vollzeitstellen, sowie wann das voraussichtlich realisiert wird. "Wann" nicht "ob" - denn ich gehe davon aus dass Wahlversprechen eingelöst werden.

Soweit zum Amateurschach in Frankreich, jetzt noch was sowieso international interessant ist oder war, aber zwischenzeitlich oder zumindest vorläufig nicht mehr aktuell ist:

Paris - Eiffelturm und Marsfeld2Taxiarchos228

Hier ist schachlich wohl mehr los als in der Dordogne (Anand hat gerade vorbeigeschaut, Carlsen kommt wohl nicht)
Foto Taxiarchos228 - Wikipedia

Das Alekhine Memorial war ja offenbar, wie früher die Amber-Turniere, eine ausländische Schachveranstaltung (halb) auf französischem Boden, in dem Fall kam das Geld aus Russland. Aber dann hatte Paris auch Interesse am Match Anand-Carlsen. Bevor das offiziell wurde, hatte IM Gert Ligterink in einer niederländischen Zeitungskolumne (de Volkskrant) angedeutet, dass neben Paris auch St. Tropez Interesse hatte (ausserdem noch New York und Miami). Auch dazu hatte ich Fragen an die neue Führung des französischen Schachverbandes: Können sie Interesse von/aus St. Tropez bestätigen? Was Paris betrifft, wessen Idee war das anfangs - Schachverband, Stadt Paris oder die Sponsoren? Wer sind eigentlich die Sponsoren? Auch diese Fragen bleiben offen.

Zum Schluss: In der Politik bekommen neue Regierungen generell 100 Tage Schonfrist. Das dauert noch eine Weile, da fliesst noch Wasser den Fluss runter (Dordogne, Seine, Rhone usw.). Nächster Stichtag ist Mitte Juni: Am 15./16. Juni trifft sich das "Comité Directeur" um die Bewerbungen für diverse Kommissionen (Bewerbungsschluss 31. Mai) zu beurteilen. Etwa gleichzeitig soll es die neue Webseite wirklich geben. Wir bleiben dran am Thema - und falls es im email-Postfach doch nochmal französisch klingelt gibt es schon vorher einen Update.


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