Weltneuheit beim Hamburch-Wettkampf

So haben Erwachsene noch nie gespielt So haben Erwachsene noch nie gespielt O.St.

Ein bisschen Regen – na gut.
Etwas mehr Regen – wenn´s sein muss, auch gut.
Immer nur Regen – was soll das denn??

So wie es schon Stanislaw Lem in seiner Kurzgeschichte „Der Regenplanet“ beschrieb, gefällt uns Menschen das Regenwetter auf Dauer eher nicht.

Regen
Regen
Regen!

Aber na gut, wir wollen nicht maulen. Es könnte alles noch viel schlimmer sein. Und im Regensommer 2011 kann man immerhin entspannt drinnen sitzen, ohne dass man draußen etwas verpasst. Das dachten sich auch 68 Schachspieler aus Bremen und Hamburg, die am letzten Samstag zusammenkamen, um wie schon im Vorjahr   bei „Hansestädter spielen Schach“ in die neue Saison zu starten.

regenplanet

    Ehrliches Schachwetter in Bremen

Die beiden Präsidenten der Schachverbände, Prof. Dr. Perygrin Warneke (HH) und Dr. Oliver Höpfner (HB), hatten mit viel Detailarbeit und in Kooperation mit dem SK Bremen-West die Veranstaltung auf die Beine gestellt.

Die Hamburger reisten morgens mit dem Zug an, wurde am Bahnhof präsidial von Oliver Höpfner empfangen und in der Straßenbahn bis zum Spielort begleitet. (Die letzten Meter ging man zu Fuß, denn - Überraschung! - es regnete nicht an diesem Tag.) Im Bürgerhaus Oslebshausen spielten dann beide Delegationen je zwei Partien mit je 60 Minuten Bedenkzeit. Eine Auswertung für DWZ oder ELO gab es nicht – das führte zu unbeschwertem Spiel auf beiden Seiten, minderte aber keineswegs die Ernsthaftigkeit.

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Weil nach ein paar kurzfristigen Absagen auf Hamburger Seite die zwei Mannschaften unterschiedlich groß waren, erklärte man einige Bremer für diesen Tag zu Schach-Hamburgern. Derart bremisch verstärkt, gewannen die Hamburger auch gleich die Vormittagsrunde knapp mit 17,5:16,5. Nach einigen Grillwürsten mit Salat rückten die Bremer das Bild am Nachmittag dann aber wieder zurecht und gewannen das Rückspiel mit 15,5:18,5. Der Gesamtstand war also 33 : 35 für die Weserstadt Bremen - so gehört sich das!

Was den Sport angeht, war es für die Hansestadt Hamburg also leider kein so richtig gutes Wochenende, denn auch meine Freunde vom HSV verloren fast zeitgleich mit 3:4 gegen die 1.FC Kölner. Uah!

magnus carlsen

   Beim Welt-Cup in Chanty-Mansijsk nicht dabei, dafür aber an Brett 21 im Bremer Team: Magnus Carlsen!
 (Um die Hamburger nicht zu deprimieren, spielte er jedoch inkognito unter dem Namen Kevin Klosa/ SK Bremen West)

Nach der langen Sommerpause machte es Spaß, Freunde und Bekannte am Brett wiederzutreffen. Auch gab es den ganzen Tag Kaffee – sehr schön!

Wie schon im letzten Jahr spielte ich zwei Partien gegen Dr. Hauke Reddmann vom SK Wilhelmsburg – am Morgen konnte mich Hauke einmal böse austricksen, in der zweiten Partie retteten wir uns bei knapper Zeit in ein Remis.

reddmann - steffens

Hier ein kleines Rätsel aus der ersten Partie:

Weiß (= Hauke) hat sich bereitgemacht für einen wüsten Angriff auf den schwarzen König. Klug wäre nun Te6, aber ich dachte bei wieder mal knapper Restbedenkzeit, ach, ich kann auch gleich auf c5 nehmen, oder? Nach Txf5, das halte ich schon aus, und mehr als Remis hat er dann doch eigentlich nicht.

Also folgte 34.... Dxc5, und es folgte auch 35.Txf5! Aber welche Züge zog Hauke danach aus seinem Ärmel und gewann? Der Leser ist am Zug.-

Eine harte Niederlage, aber eben – kein DWZ-Verlust, da freut man sich ja auch schon.


Am neunten Brett hatte Walter Blumenberg (SF Sasel) am Vormittag mit dem schönen 1.b2-b4 den vollen Punkt gegen Gerald Jung (Werder Bremen) eingespielt. Es stellte sich heraus, dass er einst als Jugendlicher nach dem Krieg für die Bremer SG gespielt hatte und dabei auch mit Hans Koschnick, dem späteren Bremer Bürgermeister, in denselben Turnieren angetreten war. Bremer Schachgeschichte, große Namen – unheimlich nur, wie lange das alles schon her ist. Wenn wir später mal zurückblicken und von den Zeiten erzählen, in denen es noch kein Chessbase gab, werden die Jüngeren vielleicht ebenso denken: „Meine Herren, ist DAS aber schon lange her!“

ulrich klose und hans koschnick in bonn 1980

Ulrich Klose (Hamburg) und Hans Koschnick (Bremen) bei einem Empfang der Minsterpräsidenten in Bonn, 1980.

(Quelle: WikiCommons)


In der Nachmittagsrunde des Hamburch-Wettkampfes (Gerald Jung) folgte am selben Brett dann die Revanche – und das mit einem spektakulären Figurenaufbau von beinahe schachhistorischem Wert (Ausrufezeichen!) :

Jung,Gerald - Blumenberg,Walter [C11]

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.e5 Sfd7 5.Sce2 c5 6.c3 cxd4 7.cxd4 Sc6 8.a3 Sb6 9.Sf4 Ld7 10.b4 Tc8 11.Sf3 a5 12.b5 Sa7 13.a4 Sc4 14.Ld3 Lb4+ 15.Kf1 De7

reddmann - steffens7

 

16.Sh5

Die erste Leichtfigur wagt sich auf die h-Linie.

16. ....f5 17.exf6 gxf6 18.Lh6

reddmann - steffens3

Der Springer bekommt Gesellschaft, doch noch immer ist irgendwie sehr viel Platz am rechten Spielfeldrand.

18.....Tg8

Schwarz sichert vorsichtshalber das Feld g7. Sieht vernünftig aus - doch was kann Weiß nun spielen?

reddmann - steffens4

 19.Lxh7!

Heja, das ist Schach! Der Läufer ist für Schwarz tabu wegen Sxf6. Willkommen im Club - die dritte Leichtfigur nistet sich auf der h-Linie ein.  

19...... Df7

Genug getummelt auf der h-Linie!, sagt die schwarze Dame, und möchte durch den Angriff auf den Springer dem Treiben ein Ende setzen. Was spielte Gerald?

20.Sh4!

 reddmann - steffens5

Sehr schön, sehr kreativ! Die vierte ((!!) Leichtfigur nimmt Platz, und die Dame auf d1 deckt nun den Springer auf h5. Schwarz sieht sich einer WAND, einer WELLE oder, wie Gerald es nannte, einer SÄULE von weißen Figuren gegenüber - nicht einfach, so etwas auszuhalten. (Freunde von Königsblau werden hier wahrscheinlich wehmütig an den berühmten Schalker Kreisel denken.)

 20...Le7 21.Lxg8

Wie sagt man an der Wall Street? "It´s time to cash in."  

21...Dxg8 22.Df3 f5 23.Sg7+ Kd8 24.Df4 Lf6 25.Sh5 Le7 26.Sf3 Dg4 27.Sg7 

reddmann - steffens6

 und die noch intensive schwarze Gegenwehr wurde von Gerald elegant pariert - 1 : 0 im 41.Zug.

 

geraldjung

Gerald Jung in einem Stillleben mit Starkstrom und Apfel, Millerntorstadion, 15.7.2011 (Photo und Bildunterschrift von Gerald Jung in einem Turnierbericht auf der Werder-Homepage)  

Wenn schon die versammelten vier Leichtfiguren verblüffend erscheinen - noch verblüffender ist es vielleicht, dass sich so etwas wie ein Trend zu dieser Figurenkonstellation zu entwickeln scheint! Ihre Erfolgsquote liegt zumindest bei glatt 100%. Bereits vor siebzehn Jahren führte Gerrit Dopatka gegen Patrick Schäffer in einem D-Jugend-Turnier diesen Aufbau herbei - auch wenn alle Figuren eine Reihe nach unten versetzt waren, reichte es zu Schach und Matt in 18 Zügen. Und vor vier Jahren baute sich Monika Motycakova auf den slovakischen U-20-Meisterschaften im Spiel gegen Ivana Kahancova exakt genauso auf wie Gerald - und gewann in 21 Zügen!

motycakova - kahancova

Stellung nach 21.Lxh6 

Sicherheitshalber gab Schwarz an dieser Stelle die Partie auf.

Wir stellen fest: drei Partien, drei Siege für die Weißspieler. Und es geschah zum ersten Mal, dass ein Erwachsener dieser Aufstellung in einer Turnierpartie auf dem Brett hatte. Weltneuheit - herzlichen Glückwunsch, Gerald!

Ob der Sh4 Sh5 Lh6 Lh7- Aufbau vielleicht sogar auch etwas für Daniel Fridman beim Welt-Cup in Chanti-Mansijsk ist? Wir gratulieren jedenfalls zur bravourös gewonnenen ersten Runde!

 

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen. Größte Erfolge: Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 7.Platz beim Travemünder Open 2010. Größte Misserfolge: werd´ ich hier lieber nicht sagen! Liegen aber gar nicht so lang zurück (leider). Größte Leidenschaften: irgendetwas mit Randbauer-Eröffnungen auszuprobieren, und die Partie dann trotzdem nicht zu verlieren. Klappt aber nicht immer.

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