Hannover All Stars

Hannover, Stadt der Kekse und Schachspieler Hannover, Stadt der Kekse und Schachspieler OSt

Als Gott die Welt erschuf, nahm er sich auch etwas Zeit für die Großstadt Hannover. Zentral gelegen inmitten von Hamburg, Berlin, Wuppertal und Walsrode, ist sie seitdem bekannt für guten Fußball, sommerliche Feuerwerkskunst, gutes Wetter, ein schönes Schloss und allerlei mehr, das mir aber im Moment nicht einfällt. Der gesamte europäische Keksausstoß wird von den Hannoveraner Bahlsenwerken bestritten, zudem regiert Erbprinz Ernst-August von Hannover aus das gesamte Bundesland Niedersachsen, oder würde es vielleicht zumindest gerne tun. Rein schachlich, und damit sind wir wieder beim Thema, läuft es für Hannover aber seit langem nicht mehr ganz so prächtig.

Wir kennen zwar alle Ilja Schneider, den berühmten Sohn der Stadt, der einst mit dem HSK Post Hannover alle Ligen des Nordens rockte und zu den kühnsten Hoffnungen Anlass gab. Dann aber, eines Tages, machten verwegene Späher aus Berlin ihre Aufwartung im Hause Schneider und entführten den jungen Meister an die Spree, wo er fortan in der Bundesliga um Punkte spielen musste – weiterhin bei Schachfreunden, aber diesmal in Berlin.

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Hier wird noch so richtig nachgedacht: Ilja Schneider kämpft um den nächsten Punkt

Früher auch war es, noch in der Kohl-Ära, da hatte Hannover sogar einen veritabeln,, handelsüblichen Weltmeister in seinen Reihen –Anatoli Karpov absolvierte für Hannover-Stadthagen diverse Einsätze in der ersten Bundesliga. Ruhm und Ehre für die Stadt! Dann aber verschwand der Verein von der Bildfläche, und Karpov mit ihm gleich mit.

Die Hannoveraner Topklubs tummeln sich derzeit entweder in den zweiten und öfter noch in den dritten Ligen des Landes. Doch wer weiß – vielleicht wird die Stadt bald zu neuer schachlicher Blüte streben? Nur sehr sehr knapp zum Beispiel scheiterte in der vergangenen Spielzeit der HSK Lister Turm am Aufstieg in die 2.Liga, letztlich lediglich ein halber Brettpunkt fehlte für den ersten Platz, und was ist das denn schon, ein einziges Remis!
Da hätte der Bundesturnierdirektor doch mal ein Auge zudrücken können und auch den Zweitplatzierten hochwinken können in die höhere Klasse. (Doch wir kennen das ja schon – auch in Abstiegsfragen gibt es beim Schachbund keine Kulanz.)

 Hannover, meine Liebe! Und überhaupt – was sind das nicht alles für starke Spieler, die sich dort in der Region tummeln? Daraus könnte man glatt eine eigene Bundesliga-Mannschaft formen. Wir schauen kurz genauer hin:

- Ilja Schneider: Zwei GM-Normen bislang, schlug neulich erst Laurent Fressinet am Brett 1 der Liga, leuchtender Stern der SF Berlin, und - ursprünglich aus Hannover

Anatoli Karpov: geboren zwar irgendwo in der russischsprachigen Hemisphäre, doch als temporärer Wahl-Hannoveraner wäre seine erneute Aufstellung im Hannover All-Stars-Team natürlich klar gerechtfertigt. Es fehlt eigentlich nur noch die Freigabe aus Hockenheim.

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-        Ob man ihn mit Keksen nach Hannover locken kann? Einen Versuch wäre es wert.


- Dennes Abel: amtierender niedersächsischer Meister im 960-Schach, und darüber hinaus ein weiterer Bundesligaspieler, der jetzt zwar in Berlin, in der jüngeren Vergangenheit aber für den HSK Post Hannover spielte. Was ist da in Gange – wie machen die Berliner das? Sind alle Berliner in Wirklichkeit ehemalige Niedersachsen? Vielleicht müssen wir auch bei Robert Rabiega nochmal nachfragen – am Ende kommt er, was ich schon lange vermutete, doch aus Papenburg an der Ems?

Nikolas Nüsken: jung, dynamisch, und ein Hannoveraner Jung´. In Ausübung seines Amtes als Spitzenbrett des HSK Lister Turm erzielte er hochrespektable 5 aus 8 Punkte und unterlag fast nur einmal in der entscheidenden Aufstiegspartie gegen den gefährlichen IM Martin Breutigam aus Oldenburg. Sonst aber, Respekt, Nikolas Nüsken! Immerhin war es ihm als Einzigem vergönnt, den für Turm Lüneburg spielenden Falko Bindrich zu besiegen (Falko holte insgesamt 8 aus 9).

 Jörg Hickl: ein würdiger Großmeister, der durch seine Schach-Trainingsreisen bekannt und in der ganzen Welt zu Hause ist. So steht zu vermuten, dass er sicherlich auch schon einmal in Hannover gewesen ist. Er könnte einem All-Stars-Team als Spieler und qualifizierter Trainer zur Seite stehen, und seine Erfahrung aus dem Schachreisen-Business prädestiniert ihn vermutlich so wie niemand anderen als Mannschaftsführer.

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-        Schachreisen mit Jörg Hickl - was mehr kann man noch wollen im Leben?

- David Höffer: das Kopfball-Ungeheuer aus Delmenhorst, das, wenn man nicht gut aufpasst, mit 1.Sb1-c3 sofort das Brett in Flammen setzt und auch vor den allerverwegensten kombinatorischen Verwicklungen nicht zurückschreckt. (Das musste auch René Stern einräumen, der bei den Deutschen Blitz-Mannschaftsmeisterschaften von David ausgedribbelt wurde. David wurde dort übrigens fünftbester Spieler am Zweiten Brett.)
Im Fußball nennt man solche Spieler „Knipser“, und was könnte einem All-Stars-Team besseres passieren, als so einen Mann zu den Seinigen zu zählen? David wohnt zwar nicht in Hannover, doch wer tut das schon, und andererseits kennt er eine Menge von Menschen, Sportlern und auch Schachspielern dort in der Stadt. Das sollte doch fürs Erste reichen.

Frank Hoppe: Der Webmaster des Deutschen Schachbundes liebt nicht nur das Schachspielen, nein, auch die Webseite des Verbandes liegt ihm am Herzen. Frank scheiterte vor zwei Jahren knapp an der Nominierung zur Schach-Olympiade in der Türkei und musste dabei Arkadij Naiditsch, Georg Meier und anderen in der Nationalmannschaft nur knapp den Vortritt lassen. Für Hannover aber, da sollte es reichen, und von Berlin nach Niedersachsen ist es ja auch gar nicht so weit. -         

Magnus Carlsen: Hannover gilt ja gemeinhin als norddeutsche Großstadt (auch wenn sie aus Bremer und Hamburger Sicht schon eher zum Süden gehört). Nicht jedermanns Sache ist es, im nordischen Klima Schach zu spielen, doch wenn jemand damit gut umgehen kann, dann wird es Magnus Carlsen sein. Carlsen hat bekanntermaßen vor nichts Angst, weder vor Anand noch vor langweiligen Turmendspielen, und so sollte auch Hannover keine Hürde mehr für ihn sein. Carlsen wird zwar im Spätherbst durch einen vorübergehenden WM-Kampf verhindert sein, wäre ansonsten allerdings einsatzbereit, denn Baden-Baden hatte aufgrund einer Vielzahl von anderen starken Meistern im Kader keine Verwendung mehr für ihn. Hannover also! Eine zweite Chance für den jungen Weltmeister!

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-     Ahnt noch nichts von seinem Glück, doch die Bundesliga
wartet schon auf ihn: Magnus Carlsen (HSK Post Hannover)  
                                                              
Foto: Ray Morris-Hill

Last but not least Torben Schulze: gefährlich, gefährlich, dieser Mann, und ebenso wie Carlsen eine Verstärkung für jedes Team. Könnte, wenn Carlsen gegen Anand spielt, von Mannschaftskapitän Hickl als mindestens gleichwertiger Ersatz aufgeboten werden. Torben Schulze besticht durch die mutige Wahl seiner Eröffnungen. Er selbst schlug mit 1.e4 – Sc6! bereits den einen oder anderen verblüfften Titelträger, und mit 1.Sc3-David Höffer  hat er ja schon einen Seelenverwandten im Team. Und natürlich: Torben kommt aus Hannover!

Hannover, man merkt es, bietet mehr als Kekse und Autobahnanschlüsse. Wir bedauern die aktuelle schachsportliche Durstphase, doch zeigen unsere Analysen, dass das Potential da ist und es schon bald wieder aufwärts gehen kann. Auf geht´s, Jungens, in die Bundesliga!

Wie wir hörten, zieht morgen bereits zieht ein Tross junger, hungriger Hannoveraner aus ins benachbarte Barsinghausen. Anlässlich der Norddeutschen Blitzmeisterschaften (ab 11 Uhr, VHS-Haus für Bildung und Freizeit,  Längenäcker 38,  30890 Barsinghausen) wird ein beachtliches Kontingent aus der oben umrissenen Mannschaft mit am Start sein. Das macht es nicht gerade einfacher für den Papenburger Robert Rabiega und alle anderen Teilnehmer (geschweige denn für mich), sich mit einem vorderen Platz für die Endrunde der Deutschen Blitzmeisterschaften zu qualifizieren.
Doch so sind sie, die Hannoveraner  - nette Menschen, doch wenn es irgendwo um Punkte geht, hört der Spaß auf. So ist eben Sport, und das wollen wir ja eigentlich auch so.

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Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

Kommentare   

#1 Holger Hebbinghaus 2014-06-01 21:12
Olaf, falls ich noch einmal eine Norddeutsche Blitzmeisterschaft mitspiele, kannst du mich dann vorher zum Hannoveraner ernennen? :lol: (Wobei nächstes Jahr wohl eher eine Ernennung zum Lübecker angebracht wäre, da soll es ja auch den einen oder anderen starken Spieler geben bzw. gegeben haben.)

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