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Himmlische Züge

Martin Breutigam:  „Himmlische Züge“  

Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2014, 160 Seiten Paperback, 9,90 €

„Eigentlich braucht kein Mensch jedes Jahr ein neues Schachprogramm“ meint Martin Bräutigam in einer seiner Kolumnen, und Recht hat er. Dennoch warten die Houdinis, Rybkas und Fritzens immer wieder mit neuen, verbesserten Versionen auf, und der durchschnittliche Vereinsspieler kauft sich die neue Software oder erhält ein kostengünstiges Update, und gibt sich der Illusion hin, durch sein noch stärkeres Programm zu einem besseren Spieler zu werden.

Schach in den letzten vier Jahren, das bedeutet zu einem großen Teil auch exzessiver Umgang mit den Rechenmonstern, sowie die Veränderung in Schachverständnis und –Kultur, die damit einhergeht. Unser allgemeines Schachverständnis wird durch die Rechner verbessert bzw. muss sich immer aufs Neue adaptieren; manche Begleiteffekte wirken dabei pervertiert, kritische Töne spart der Autor deshalb auch nie aus, sei es, wenn es zum Beispiel um das heutzutage schwergewichtige Problem „elektronisches Doping“ geht.

Das Thema durchzieht einige der Kolumnen, die Martin Bräutigam in den Jahren 2010 bis 2013 vor allem im Berliner Tagesspiegel und im Bremer Weser-Kurier veröffentlichte, die er nun zusammengetragen und im Verlag Die Werkstatt unter dem Titel „Himmlische Züge“ herausgegeben hat. Im Mittelpunkt steht aber immer noch der Mensch, stehen Emotionen und geniale Anflüge, steht die Poesie auf den 64 Feldern, die uns so verzaubert. Vor allem werden dem Leser die handelnden Personen nähergebracht, die ganz oben in der Weltspitze stehen: die Anands, die Carlsens, die Aronjans und Kramniks. Facettenreich werden diese in ihrem Charakter, ihren Stärken und Schwächen dargestellt, und hautnah erfahrbar gemacht, was Bräutigam ausgezeichnet gelingt. Die einzelnen Geschichten rund ums Schachgeschehen sind lebendig, unterhaltsam und mit viel Einsicht geschrieben. Abgerundet wird die Kolumne jeweils durch ein Diagramm mit Aufgabestellung, damit der Leser auch seine grauen Zellen anstrengen muss. Diese sind gut ausgewählt, die Lösung dabei pointiert, schwierig, aber ohne all zu schwer zu sein. Die Schlüsselzüge verdienen durchaus das Prädikat „himmlisch“, weshalb der Titel auch nicht im luftleeren Raum hängen bleibt oder zu viel versprechen würde. Einige Bilder runden das Buch ab, so ist z.B. Viktor Kortschnoi abgebildet, der mit rund 80 Lenzen, kaum dass er sich noch aufrecht halten kann, eine verbissene Simultanvorstellung gibt. Ein Bild vom neuen Weltmeister Magnus Carlsen beendet das Buch, gleichsam als würde nun eine Epoche enden und eine neue Zeitrechnung anbrechen.

Es finden sich aber auch zeitlose Dokumente, so ein Bild mit Fidel Castro oder mit der Vorreiterin im Damenschach, Sonja Graf, was darauf verweist, dass das Buch nicht nur im Hier und Jetzt stecken bleiben, sondern sich auch der Wurzeln und Entwicklungslinien bewusst machen will.

Fazit: Vergnügliches, Hintergründiges und Nachdenkliches zum Modernen Schach, dazu ist das Buch noch ungemein preiswert, deshalb spreche ich die unbedingte Kaufempfehlung aus! 

(IM Frank Zeller)

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