Kein Slawisch - Abtausch! 1:0 für den Herausforderer

Topalow – Anand (1)

Ich hatte versprochen, die erste Partie live zu kommentieren. Wir bekamen kurzfristig eine Einladung, zu der ich schlecht nein sagen konnte. Gegen 18 Uhr, also nach etwa zwei Stunden Spiel sollten wir zurück sein. In dem soliden Slawisch, das ich erwartete, würde bis dahin nichts allzu Entscheidendes passiert sein, dachte ich mir. Zumal Topalow Kampf bis zum letzten Bauer angekündigt hatte, hätte ich dann immer noch genug zu tun. Also bat ich Topschach, vorübergehend das Kommando zu übernehmen. Dass auch der Herausgeber der Schachwelt, Jörg Hickl online war, erwies sich als hilfreich. Denn als ich dann kurz nach 18 Uhr den Computer einschaltete, war mein Erstaunen groß. Partie vorbei. Anand geschlagen. Und wie!

1.d4 Sf6 2.c4 g6

Weder Slawisch noch Damenindisch, sondern…

3.Sc3 d5?!

…Grünfeld. Kamsky fuhr im Kandidatenfinale gegen Topalow gut damit und holte damit zwei Remis. Aber das ist 14 Monate her, und der Bulgare und sein Team waren nicht untätig. Außerdem erinnern wir uns, dass Kasparow 2000 in London in seiner ersten Schwarzpartie gegen Kramnik ebenfalls Grünfeld spielte, unterging, die Eröffnung nicht wiederholte und in den nächsten Tagen erheblich zu tun hatte, etwas anderes mit Schwarz vorzubereiten. Im Nachhinein ist es natürlich leicht, Anands Wahl zu kritisieren. Dabei kann man sich denken, dass der durch Figurenspiel gekennzeichnete Grünfeldinder Topalow liegt. Er hat ja auch schon einige hübsche Siege dagegen errungen…

4.cxd5 Sxd5 5.e4 Sxc3 6.bxc3 Lg7 7.Lc4 c5 8.Se2 Sc6 9.Le3 0–0 10.0–0

…etwa in der Qualitätsopfervariante 10…Lg4 11.f3 Sa5 12.Ld3 cxd4 13.cxd4 Le6 14.d5 Lxa1 15.Dxa1. In den letzten Jahren kam, u.a. durch Swidler…

10...Sa5 11.Ld3 b6

…in Mode. Nimmt Weiß den Bauern, kriegt Schwarz Spiel auf der c- und d-Linie und viele schöne Felder für seine Figuren. Topalow opfert lieber selbst einen Bauern…

12.Dd2 e5 13.Lh6

Nicht bewährt hat sich das natürlich ausschauende 13.d5 f5, und Schwarz ist bereit zu f5-f4.

13...cxd4 14.Lxg7 Kxg7 15.cxd4 exd4

vorTac1

…wie er es schon gegen Kamsky tat, als er hier sofort mit 16.f4 fortsetzte. Sein nächster Zug ist nicht neu, sondern wurde bereits in Karjakin – Carlsen, Foros 2008, gespielt.

16.Tac1 Dd6

Carlsen kam mit 16…Lb7 zu einem remis, aber das scheint mir anrüchtig. Nach 17.f4 nebst f5 droht f6, und wenn Schwarz selbst f6 zieht, zieht der weiße Springer nach f4 und droht kräftig auf dem nicht mehr vom Läufer kontrollierten e6 einzusteigen. Bis hier zogen beide a tempo.

17.f4 f6 18.f5 De5?

Ist es wirklich nötig, den e-Bauern zu blockieren? Nach 18...Sc6 19.Lb5 Se5 20.Dxd4 hat Schwarz keinen Ausgleich. Was spricht gegen 18…Ld7 nebst Erleichterungsaktionen auf der c-Linie? Vermutlich war Anand darauf 19.La6 unangenehm.

19.Sf4 g5

Nach 19...Ld7 20.Tf3 kommt Schwarz um 20...g5 sowieso nicht herum.

20.Sh5+ Kg8

Auf h8 steht der König noch ungemütlicher, wenn Weiß wie in der Partie fortsetzt und den Turm auf die dritte Reihe schwenkt.

21.h4 h6 22.hxg5 hxg5 23.Tf3!

Der Turm droht nach h3 oder g3 zu schwenken. Topalow hatte bis hier kaum nachgedacht, während Anand nun in längeres Grübeln verfiel. Verständlich, denn nach dem naheliegenden 23...Ld7 24.Tg3 Tfc8 sieht das Opfer 25.Sxf6+ Dxf6 26.Te1 brandgefährlich aus, z.B. 26….Sc6 27.Txg5+ Kf8 28.Tg6 Dh8 29.Th6 Dg7 30.f6 Dg8 31.Df4 und Weiß gewinnt. Nach dem Textzug schlägt das Opfer aber erst recht und sofort durch.

23…Kf7

vorSf6

Vermutlich glaubte Anand, auf diese Weise Zertrümmerungsopfern auf f6 oder g5 zuvorzukommen, aber trotzdem:

24.Sxf6!

Das Tempo, in dem Topalow spielte, weckt den Verdacht, dass er hier zumindest in groben Zügen noch seiner Vorbereitung folgen konnte. Wenn Anand auf einen Überraschungseffekt durch Grünfeld zählte, ist er gründlich nach hinten losgegangen.

24...Kxf6

Auch 24...Dxf6 ist nicht besser: 25.Th3 Kg8 (oder 25...Ke8 26.e5) 26.e5 Dxe5 27.Dxg5+ Dg7 28.Dh4 und gegen 29.Tg3 ist nichts Ausreichendes zu erfinden.

25.Th3 Tg8

Auf 25...Ld7 26.Th6+ Kf7 27.Dxg5 Tg8 28.Th7+ Tg7 (oder 28...Kf8 29.Dh6+ Ke8 30.Dh5+ Kd8 31.Df7) entscheidet elegant 29.Tc7!, und 25...Df4 wird mit 26.e5+! Kxe5 (oder 26...Dxe5 27.Th6+) 27.Te1+ Kf6 28.De2! erwidert.

26.Th6+ Kf7

Oder 26...Ke7 27.Db4+ Kf7 28.Th7+ Tg7 29.Lc4+ Sxc4 30.Dxc4+ Ke7 31.Dc7+ usw.

27.Th7+ Ke8

Nach 27...Tg7 28.Txg7+ Kxg7 29.Dxg5+ Kf7 30.Dd8! ist gegen 31.Tc7+ nichts mehr zu erfinden.

28.Tcc7

Auch 28.Lb5+! Dxb5 29.Dxd4 ging schon.

28...Kd8 29.Lb5!

Dann halt jetzt. Es droht 30.Tce7. Auf 29…Sb7 macht (u.a.) 30.Lc4 den Sack zu, 29…Dxc7 scheitert an 30.Dxd4+ und…

29…Dxe4?

…erlaubt einen letzten taktischen Schlag.

nachTxc8

30.Txc8+! 1-0

Anand ließ sich 30…Kxc8 (30…Txc8 31.Td7+ Ke8 32.Txd4+) 31.Dc1+ Sc6 32.Lxc6 De3+ 33.Dxe3 dxe3 34.Lxa8 nicht mehr zeigen.

Großer Applaus im Zentralen Militärklub von Sofia für Topalow. Wäre der Bulgare so fies, wie ihn manche beschreiben, hätte er seinen anreise-geschlauchten Gegner mehr als eine Stunde länger am Brett zappeln lassen können. Aber er hielt sich rücksichtsvoll zurück und brauchte nur vierzig Minuten Bedenkzeit, während Anand etwas über eineinhalb Stunden überlegte. Dessen Team hat einiges zu tun, wenn er Grünfeld in diesem Match noch einmal testen will. Nachdem er partout nicht Slawisch eröffnen wollte, tippe ich auf Damenindisch in Partie drei.

Welch eine erste Partie! Von Abtasten, wie man es so oft, auch 2008 in Bonn, zum Auftakt erlebte, keine Spur. Das lassen wir uns gefallen.

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