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Nicht ohne meine Kaffeetasse

Spielen wie Tasse leer? Spielen wie Tasse leer? O.S.

Wir wissen es alle: Schach ist ein harter, schwerer Sport! Wir spielen im Winter durch und machen keine Pause wie die Fußballer. Wir verbringen lange Stunden in düsteren Räumen und verlieren dann am Ende - und trotzdem tigern wir beim nächsten Mal wieder hin und hoffen auf eine bessere Partie. Wir verbringen Zeit mit Menschen, die ein großer Teil der übrigen Menschheit "Schachspieler" nennt und für etwas merkwürdig hält. In unserem Sport trifft man verhältnismäßig wenige Frauen. Und wir haben irgendwie nicht immer eine A-Nationalmannschaft. Manche Schachspieler mogeln während ihrer Partien und schaffen es dennoch beinahe bis zum Weltmeister. Wir müssen früh aufstehen, und dann gibt es nicht immer gleich eine schöne Tasse Kaffee am Spielort. Doch trotz all dieser Widrigkeiten - wir bleiben dabei!

Allein das schon belegt, wie faszinierend das Schachspiel ist. Viele, die früher oder später mit Schach anfangen, spielen es ihr Leben lang. Korchnoi zum Beispiel.  In Deutschland sind oder waren es ja mal so um die 100.000 gelistete Spieler, mit einer eher fallenden Tendenz, und in vielen Vereinen gibt es dadurch schon Schwierigkeiten. Auch Lara Stock (bzw. ihr Vater) scheint schon eher in Neuseeland spielen zu wollen.

Ob sich das aber alles lohnt? Tun wir das Richtige, wenn wir unser Leben mit Schach verbringen, anstatt draußen in der Sonne zu liegen und Saft zu trinken? Anstatt ins Kino zu gehen und morgens vor dem Frühstück bei Regen durch den Park zu spazieren? Wir verbringen unsere Sonntage rund um das Schachbrett. Erst gibt es eine barbarisch frühe und lange Reise über die Autobahn, um zum Mannschaftskampf zu kommen. Dann gibt es auf die Mütze von einem gut aufgelegten Gegner, bevor man auf der Autobahn wieder durch die Dunkelheit  nach Hause braust. So geht der Sonntag dahin, es wartet schon die nächste Arbeitswoche, und warum tun wir uns das alles an?

Die Antwort ist wohl - weil wir uns das antun wollen. Man tut ja irgendwie doch immer das, was einen am meisten reizt. "Du bist, was Du tust" sagte mal ein schlauer Kopf, möglicherweise war es Reinhard Sprenger in seinem Buch "Die Entscheidung liegt bei Dir!". Für das Schachspielen und die viele Zeit, die wir damit und nicht mit anderem verbringen - dafür haben wir uns entschieden. Aber warum?

Vielleicht lautet die Antwort daher auch: "Du tust es für Deine Rating." In der Hoffnung auf noch ein paar Punkte mehr und endlich den Sprung über die nächste Hundertergrenze quälen wir uns also auch schon mal über die Autobahn? (Immerhin ja am Sonntag, und es gibt kaum LKWs!)

Oder die Antwort lautet: Na gut, es macht eben doch einfach Spaß! Man sitzt und spielt, man knobelt und (wenn der Tag gut läuft) fühlt den "fighting spirit". Letzten Endes sind wir ja auch kreativ bei dem, was wir tun. Forschen an neuen Eröffnungen, bringen neue Bilder aufs Brett, oder beschummeln den Gegner noch mit einem eigenartigen Trick. Und mit etwas Glück bekommen wir auch einen schönen Tasse Kaffee dazu!

Viel Anregung gibt es auch bei Blitzpartien im Verein - selten wird so viel geblödelt, glaube ich. Der Austausch mit anderen belebt, sei es am Brett, rund ums Brett bei den Kiebitzen, oder vielleicht auch hier im Netz, wenn Georgios Souleidis wieder seine Gurken des Wochenendes einweckt.

Vielleicht kommt der Reiz des Schachspielens ja auch daher, dass wir dabei einfach abschalten, den klaren abwägenden Alltagsverstand beiseite schieben können, der sonst immer schon so viel zu regeln hat. Für einige Zeit müssen wir uns nicht mehr ums Überleben kümmern und alles, was damit zu tun hat. Wir spielen dann nur noch! Der Rest der Gedanken kann draußen bleiben - Schach als Droge, und warum auch nicht, wenn in Maßen genossen.

Die Verlockungen durch Kino, Sonne, Parkspaziergänge sind groß, und es ist schön, wenn es Zeit dafür gibt. Aber ein bisschen Alltagswürze durch die Aufregungen einer Schachpartie und die Menschen, die man dabei trifft - auch das tut gut!

(Manche suchen diese Würze ja darin, dass sie eine gefälschte Doktorarbeit veröffentlichen . Aber dafür fehlt uns Schachspielern nun wirklich meist die Zeit.)

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

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