Sabotage the Gruenfeld

Larry Kaufman
Sabotage the Grünfeld
A Cutting-Edge Repertoire for White based on 3.f3
187 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2014. 

Erhältlich bei Schach Niggemann 

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um einen Repertoirevorschlag gegen Grünfeldindisch mittels 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.f3. Der Autor des Buches, GM Larry Kaufman, hat dazu 55 relevante Partien eingehend analysiert und aus diesem Grundstock sein Anti-Grünfeld Repertoire gestrickt. Im Schlussteil gibt es noch einen Test mit 25 Aufgaben samt Lösungsbesprechung zu wichtigen Stellungen dieser Eröffnung.

Als ich das Buch gesehen habe, dachte ich mir: Oh mein Gott, schon wieder so ein marktschreierisches Eröffnungsschnellschussbuch mit hanebüchenen Versprechungen die (natürlich) nicht eingehalten werden können. In Zeiten, in denen sogar einstmals gefeierte Verlage wie Quality-Chess anscheinend der Beliebigkeit anheim gefallen sind, hat das Mittelmaß bei Schachbüchern Hochkonjunktur. Umso erfreulicher ist es dann, wenn man sehr positiv überrascht wird!

Das war bei mir der Fall als ich das Buch durchgesehen und teilweise durchgearbeitet habe. Ich habe die Analysen mit den neuesten Theoriedatenbanken und Eröffnungswerken (bis Schachinformator 119) verglichen, habe eine ganze Horde von Engines (Houdini, Stockfish, Kommodo) darauf angesetzt und bin letztendlich zu dem Schluss gekommen, dass Kaufman hier eine sehr ansprechende Arbeit abgeliefert hat.

Wie er im Vorwort auch freimütig einräumt, hat er bei seinen Analysen ebenfalls Houdini und Kommodo (zur Zeit die stärksten Engines) eingesetzt und beide mindestens 15 Minuten an jedem Zug rechnen lassen. Damit ist die Fehlerquote bei den Analysen gleich Null. Das soll nicht heißen es wäre in Stein gemeißelte Wahrheit aber grobe Übersehen sind ausgeschlossen und der Weg in die richtige Richtung wird zumindest eingeschlagen.

Anhand eines kleinen Beispiels möchte ich das zeigen: Gegen die Empfehlung von GM Avrukh (Grünfeldindisch, Grandmaster Repertoire) 1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. f3 d5 4. cxd5 Nxd5 5. e4 Nb6 6. Nc3 Bg7 7. Be3 O-O 8. Qd2 Nc6 9. O-O-O f5 10. e5 Nb4 11. Nh3 Be6 12. Kb1 Qd7 13. Nf4 Rfd8 (das ist eine Empfehlung von Avrukh in seinem Buch) analysieren Kaufman, Kommodo und Houdini nicht das von Avrukh vorgeschlagene 14.h4 (diese Variante endet besser für Schwarz) sondern den logischeren und nachvollziehbareren Weg mittels

14. a3! a5 15.d5 N4xd5 16. Ncxd5 Nxd5 17. Bc4 c6 18. Bb6 Rdc8 19. Nxe6 Qxe6 20. f4 a4 21. h4 mit etwas besserem Spiel für Weiß.

Von den 5 stärksten Computerprogrammen bevorzugen genau 5 den gleichen Weg den Kaufman hier beschritten hat. Während man bei Avrukh oft das Gefühl hat, er analysiert für „seine Seite“ (wer macht das nicht?) sucht Kaufman ganz objektiv und nüchtern Wahrheiten auch wenn er dabei seine eigenen eingeschlagenen Pfade oft als unklar bezeichnen muss.

Das Buch hadert nicht mit seinem Schicksal, in einer Zeit zu erscheinen, in denen Schachbücher oft lieblos und billig produziert und dafür umso teurer verkauft zu werden. Es stellt sich der Herausforderung, es bietet sehr sorgfältige Analysen und wohltuend unaufgeregte Ansichten.

Damit hebt es sich von anderen, vergleichbaren Werken, deutlich ab.

Zusammenfassend kann ich also sagen:

Das Buch ist nichts anderes als ein absoluter Gräuel für jeden Grünfeld-Spieler. 

Das Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von Schach Niggemann überlassen.

Kommentare   

#1 ReykS 2014-04-29 10:38
Überrascht über die Qualität bei Kaufman? Nach seinem hervorragenden Repertoire-Buch für Weiß und Schwarz? Und eingedenk der Tatsache, dass Kaufman Komodo mitentwickelt hat?

Die spannenden Fragen sind doch: Wie geht er mit seiner eigenen Repertoire-Empfehlung aus dem schwarzen Teil seines Buches um (soweit ich mich erinnere 3...Sc6) und was sagt er zum Sämisch-System?
#2 Martin Rieger 2014-04-29 11:33
Hallo ReykS!

gegen seine eigene Repertoireempfehlung gibt er im Buch folgende Variante an:

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.f3 Sc6 4.d5 Se5 5.e4 d6 6.Sc3 Lg7 7.f4 Sed7 8.Sh3 0-0 9.Le2 Sc5 10.Sf2 e6 11.0-0 exd5 12.cxd5 c6

[12...a5 13.Te1 Sfd7 14.Le3 b6
I called this position equal in KRBW, but grandmaster Sam Shankland pointed out to me , this is wrong: 15.Ld4! Lh6 16.g3 La6 17.h4 (17.Le3) White is slightly better ]

13.dxc6 bxc6 14.Lf3! White is slightly better

Sämisch behandelt er auf ca. 50 Seiten und bringt dort ausschließlich sehr aktuelle Partien. Ich will jetzt auch nicht groß in die Varianten gehen aber die Analysen sehen für mich vernünftig und nachvollziehbar aus.
Er sieht Weiß in allen Varianten im Vorteil und stellt als Hauptabspiel die Partie Nikolov-Hebden zur Diskussion wobei er hier 11. ...Se8 als kleine Verbesserung näher betrachtet (auch hier sollte Weiß zumindest einen kleinen Vorteil behalten).

Ich hoffe, ich konnte mit meiner Antwort etwas weiterhelfen!

Viele Grüße
Martin

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