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Schau her Shak so wird das gemacht

Diesen Beitrag hatte ich eigentlich für nach der Europameisterschaft vorgesehen, aus aktuellem Anlass kommt er etwas früher. Die letzten beiden Runden finden nämlich ohne Mamedyarov - immerhin an zwei gesetzt - statt. Nicht das erste Mal dass er ein Turnier nicht zu Ende spielt, aber diesmal habe ich durchaus Verständnis.

Was ist alles passiert? Erst war er, womit nicht zu rechnen war, Remiskönig. Dann gewann er in Runde 7 gegen Grigor Grigorov. Und dann? In Runde 8 war er zu spät am Brett - wie er selbst sagt zehn Sekunden zu spät, laut Turnierbulletin "über eine Minute", Steve Giddins legt sich in seinem Blog fest dass es acht Sekunden waren. Wie dem auch sei, den Regeln entsprechend wurde er genullt. Sein (geplanter) Gegner war übrigens ausgerechnet der georgische IM Shota Azaladze, einer der Spieler die zwei Tage davor nicht oder verkehrt an ihrer Uhr gedreht hatten. Und in Runde 9 geschah dies:

Hier einigten sich die Spieler auf remis, aber - Danailov läst grüssen - das ist vor dem 40. Zug ohne Erlaubnis eines Schiedsrichters verboten. Daher wurden, wiederum den Regeln entsprechend, beide Spieler genullt. Daraufhin trat Mamedyarov vom Turnier zurück, laut Bulletin "aus persönlichen Gründen". Sinn oder Unsinn der Regel(n) kann man diskutieren. Die Nulltoleranz-Regel sollte kein Problem mehr sein, was spricht dagegen einige Minuten vor Rundenbeginn zu erscheinen? Und das mit der Sommerzeit ist inzwischen auch in Georgien bekannt. Die Anti-Kurzremis Regel lässt sich, wie ich jetzt zeige, auch umgehen. Fast richtig machten es zwei Spieler drei Bretter weiter hinten:

Und remis durch dreimalige Zugwiederholung, dachten die Spieler jedenfalls. Allerdings geschah 14.-Le4 nicht mehr auf dem Brett, und sie machten einfach so remis ohne einen Schiedsrichter zu rufen. Das geht doch nicht, daher war auch hier das Ergebnis 0-0. Safarli trat auch vom Turnier zurück und leistet Mamedyarov vielleicht Gesellschaft im Flieger zurück nach Baku.

Wie man es richtig macht zeigten einige andere Spieler - besonders pikant für die beiden Azeris: von Armenien lernen heisst remis spielen lernen. Das geshah in Runde 5:

Eine spannende Partie, allerdings dauerte sie insgesamt nur 55 Minuten. 17.-Sxf2 wurde zwar offenbar noch nie gespielt, ist aber laut Engines forciert remis. Es ist zumindest möglich dass sich die beiden Armenier nicht weh tun wollten und das Ergebnis bereits vor der Partie kannten. Was die Kosintseva-Schwestern machen wenn sie gegeneinander antreten müssen sieht man hier oder hier oder hier oder auch hier oder zuletzt hier. Diese Partie gab es schon öfters, z.B. auch beim Politiken Cup 2011 zwischen Zatonskih und Fridman / da wollte oder durfte der nominell stärkere Spieler vielleicht aus privaten Gründen nicht auf Gewinn spielen? 

In Runde 6 geschah dann folgendes zwischen zwei Jungstars:

Hier kann es sein dass beide ihrer Stellung nicht mehr vertrauten. Vielleicht ist die Zugwiederholung sogar objektiv am besten, aber erzwungen ist sie wohl nicht.

Und dann Runde 9 am Spitzenbrett, wieder mit Akopian:

Na gut, die Berliner Mauer ist schwer zu knacken - auch diese Partie gab es übrigens bereits zweimal. Da die Spieler brav den Schiedsrichter ans Brett holten wurde es auch offiziell remis.

Es mag viele Gründe für ein Kurzremis geben: Wie gesagt, man will dem Gegner nicht wehtun, oder man braucht einen extra Ruhetag, oder man wurde in der Eröffnung überrascht, oder es hat turniertaktische Gründe. Vor allem gegen Ende wollen einige Spieler vielleicht die World Cup Qualifikation (Spatz in der Hand) absichern statt um die Medaillen zu kämpfen (Taube auf dem Dach). Für Profis legitim oder zumindest nachvollziehbar, eher ein Geburtsfehler des Turniers.

Und wer wird Europameister? Ich bin doch kein Hellseher! Momentan ist Fressinet wertungsbester von sieben punktgleichen Spielern, und - was am Ruhetag noch nicht so aussah - Khenkin bester Deutscher. Und auch Huschenbeth hat es in die Liveübertragung geschafft, der ich mich jetzt wieder zuwende.

Kommentare   

+1 #1 Tiger-Oli 2012-03-30 17:41
Remis ist auch nicht mehr das, was es mal war. "They destroy chess with their stupid rules."

Immer schön den Schiedsrichter holen, damit es Remis wird nach der zweiten, aber vor der dritten Zugwiederholung - sonst hat man verloren.

Keine acht Sekunden zu spät kommen - wo kämen wir denn da hin?

Kein Remis vereinbaren vor dem vierzigsten Zug - und wer es doch tut, verdient die härteste aller Strafen, darf aber immerhin das Turnier noch fortsetzen. Das ist immerhin nobel von der FIDE.

Ich glaube es alles nicht.

Danke für die interessante Zusammenstellung der Beispiele. Aber mir stehen die Haare zu Berge mit diesen ganzen Nonsensregeln der großen Mutter FIDE und ihrem außerirdischen Präsidenten - oder sollte man sagen, mit ihrer gesamten Führungsspitze?
-1 #2 Scissors 2012-03-30 18:43
Es ist wohl sehr offensichtlich, dass das Kurzremis von Mamedyarov eine gezielte Aktion war, um eben diese Reaktion der Schiedsrichter zu provozieren und dem weiteren Verlauf (nämlich seiner Abreise) zu noch mehr Dramatik und sich zu etwas "camera time" zu verhelfen. Anders kann man die Missachtung einer derart einfachen und klaren Regel nicht erklären.

Wie uns die Kosintseva Sisters ja eindrucksvoll beweisen, sind Kurzremisen auch unter Sofiaregeln noch möglich. Man muss sie halt nur etwas fluffiger verpacken. Ist natürlich - so oder so - ein Schlag ins Gesicht all der enthusiastischen Schachfans, die weltweit Unmengen an Geld nicht bezahlen, um ihre Idole kämpfen zu sehen.

Ich denke, hier stoßen wieder mal zwei Interessen aufeinander. Die eine Seite sieht in Kurzremisen den Tod des Turnierschachs, die andere Seite prognostiziert das Gleiche durch die Versuche, die erste Todesurasche zu bekämpfen. Fraktion Nummer drei sitzt derweil in der Ecke und poliert die "Das Ende ist nah!" Schildchen für den Fall, dass ein Computer das Schachspiel endlich mal bis zuende ausrechnet. Erinnert mich ein wenig an das Ärzterudel in "Asterix bei den Schweizern" am Bett des vergifteten Stadthalters.

Ernstgemeinte Frage an den Verfasser des Artikels und auch an Tiger-Oli:
Sind Kurzremisen eurer Meinung nach ein Problem für das Schach? Und wenn ja: wie sollte man dem Problem denn nun begegnen, wenn nicht über Sofiaregel?
+1 #3 Thomas Richter 2012-03-31 11:59
Wenn Mamedyarov seinen Turnierausstieg so geplant hat hat er das gut hinbekommen: aus einer nicht gerade remislichen Eröffnung nach 19 Zügen eine Stellung erreichen in der das Remis vielleicht schon unterschriftsreif war. Allenfalls vermute ich dass er diesen Gegner schon besiegen wollte und erst während der Partie dachte "das wird wieder nichts, jetzt reicht es mir!". Und dann muss der Gegner ja noch mitmachen: laut Huschenbeth auf seiner Homepage überlegte Alonso nach dem Remisangebot 20 Minuten - wieviel davon über die Stellung und wieviele ob die Schiedsrichter das (von Mamedyarov) akzeptieren?

Zu Scissors' Frage: Zunächst müsste man thematisieren ob remis generell ein unerwünschtes (obwohl übliches und regelgerechtes) Ergebnis ist - manchmal ist es ja ausgekämpft, gelegentlich sogar in Kurzpartien. Die hohe Remisquote beim Tal Memorial wurde oft kritisiert, lag aber vor allem an dem starken und ausgeglichenen Feld. Speziell zu Kurzremisen: Solange es nicht überhand nimmt (für ein gewisses Turnier oder für bestimmte Spieler) ist es für mich OK; es gibt ja - wie im Artikel erwähnt - diverse gute oder zumindest nachvollziehbare Gründe. Und speziell bei der EM oder generell bei grossen Turnieren gibt es immer genug ausgekämpfte Partien, der (für seine Internetverbindung) zahlende Schachfan kommt also auf seine Kosten.

Zumindest finde ich die Medizin Sofia-Regeln schlimmer als den Schnupfen (keinesfalls Lungenentzündung oder schlimmer) Kurzremisen. Nicht nur weil es manchmal einen Skandal gibt, oft müssen Spieler auch völlig tote Stellungen weiterspielen - bei der EM bis zum 40. Zug, bei reinen Sofia-Regeln potentiell endlos.
-1 #4 Umumba 2012-03-31 12:28
Wenn man nun mal die Regel hat, dass erst nach 40 Zügen Remisvereinbarung ohne dreifache Zugwiederholung ist, sollten sich die Spieler daran auch halten können, nur: In der Bundesliga wurde es meines Wissens so gehandhabt, dass der Schiedsrichter die Spieler wieder ans Brett gebracht hat und sie zum Weiterspielen verpflichtete. Evtl. war das hier nicht möglich, weil die Spieler schon verschwunden waren o.ä., es klingt aber eher so, als sei das auch nicht vorgesehen gewesen.
+1 #5 Thomas Richter 2012-03-31 14:03
@Umumba: Mal ganz dumm gefragt, wie erfährt denn der Schiedsrichter oder Turnierleiter das Ergebnis? Doch dadurch dass die Spieler dieses melden und das unterschriebene Partieformular abgeben!? Dann erwischt er sie doch. Aber was tun wenn sie weiterspielen und direkt die Züge wiederholen??

Wann gab es diese Regel eigentlich in der Bundesliga? Momentan offenbar nicht, am letzten Spieltag einigten sich z.B. Anand und Giri nach 22 Zügen in nicht völlig ausgelutschter Stellung auf remis.

Interessanter Moment aus der Liveübertragung heute: Bologan-Malakhov folgte zunächst Akopian-Malakhov bzw. dem Original Motylev-Karjakin. Bologan wich dann nach langem Nachdenken ab (15.Sed4) worauf Malakhov einige Zeit grübelte, damit hatte er wohl nicht gerechnet. Mit einem remis hätten beide wohl auf eine Medaille verzichtet aber einen top10 Platz und jedenfalls World Cup Qualifikation gesichert. Aber von Bologan (bisheriger Score +7=1-2) konnte man das nicht unbedingt erwarten. Und anscheinend kam heute Movsesian zu spät und wurde genullt - ist das etwa armenisch-azerbaijanische Solidarität??
+1 #6 Noir_Desir 2012-04-02 12:03
Vielleicht hat Mamedyarov auch einfach keine Chancen im Turnier mehr gesehen und wollte die ELO-Punkte fürs letzte Remis (gegen einen doch deutlich schwächeren Gegner) sparen? Wie wird so ein nicht-Sofia-Remis denn ELO-gewertet?

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