Stell Dir vor, es ist EM

Bei der EM nicht mit dabei: Vishy Anand Bei der EM nicht mit dabei: Vishy Anand OSt

Die Europameisterschaften in Warschau sind in vollem Gange. Alle sind gekommen, 38 Länder schickten ihre Teams in die Offene Meisterschaft, und nach fünf von neun Runden sind Frankreich und Griechenland auf den vorderen Plätzen. Russland lauert dahinter - eine frühe Niederlage, leicht unerwartet, gegen die Türkei hatte sie vorübergehend zurückgeworfen, doch nun sind Grischuk, Svidler & Co ebenso wieder da wie England, Armenien und die Niederlande, die ebenfalls frühe Niederlagen verkraften mussten.

Auch das deutsche Herren-Team ist noch dabei, müht sich aber ein wenig unglücklich durch das Turnier und hat bislang vier von zehn möglichen Punkten auf dem Konto (ein längerer Bericht dazu beim Schachbund). Damit liegen die Männer zwar immerhin noch vor Österreich, der Heimat der Krennwurzn (3 Mannschaftspunkte, und 2 davon gegen die Niederlande), aber weit hinter den Führenden, die mit 9 und 8 Punkten schon weit enteilt sind. Um das Projekt Titelverteidigung scheint es nicht gut zu stehen im Augenblick. Die deutschen Damen dagegen sind mit oben dran, doch es warten noch schwere Gegnerinnen.

markus ragger

Markus Ragger am 1.Brett von Österreich.
Aber wem gehört die Hand da rechts von ihm? 
(Foto: Alina Kieres, Turnier-Homepage)

Insgesamt scheint es eher wenig Resonanz auf diese Europameisterschaften zu geben. Auf Schachfeld.de füllt das Turnier so gerade eben drei (!) Kommentarseiten aus - das ist nicht viel. Vor allem im Vergleich zum WM-Kampf zwischen Anand und Carlsen (39 Seiten am Mittwoch abend) findet es offenbar kaum Beachtung, selbst unter Schachspielern nicht.
Ist das nicht überraschend? Vor zwei Jahren sah die Welt noch anders aus - überall Europameisterschaft, und Deutschland vorne mit dabei. Was für Zeiten!

Mich würde darum interessieren, wie die LeserInnen des Schach-Welt-Blogs die laufenden Europameisterschaften in Warschau sehen. Sind sie langweilig, aufregend, egal? Und woran liegt das?

Gibt es allgemein vielleicht zu viel Schach im Angebot? Aktuell findet die WM in Chennai statt, parallel dazu die EM in Warschau, bald die Bundesliga, und dann gleich die Weltmeisterschaft der Mannschaften in Antalya. Sind die Turniere irgendwie austauschbar, und nicht mehr von großer Bedeutung?

Danke für Eure Eindrücke. Grüße in die Runde, und (na klar) nach Österreich!

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

Kommentare   

#1 Erich Weiß 2013-11-14 15:07
Interesse? ...
Deutschland hat ja nicht mal'n Bundestrainer!
#2 Krennwurzn 2013-11-14 16:44
Einfache Überlastung der Fans durch Terminkollision ist sicherlich eine Ursache!

Es käme ja auch niemand auf die Idee während der Fußballweltmeisterschaft die KO-Phase der Champions Liga laufen zu lassen.


Und da es schon schwierig ist mit einer Schachmeldung in die Medien zu kommen, so ist es unmöglich gleichzeitig eine zweite zu platzieren.
#3 Thomas Richter 2013-11-14 19:44
Terminkollision mit der WM spielt sicher eine Rolle - zumindest kann man (nicht nur Kollege Stefan Löffler) so wunderbar spekulieren, wer warum in Warschau fehlt. Bei Carlsen, Leko und Wojtaszek wissen wir es, zu Fressinet gibt es zumindest konkrete Gerüchte, die Liste ist allerdings noch viel länger.

Es gibt ja ohnehin Leute (siehe Kommentare auf Chessvibes) die sagen "Schach ohne Carlsen - interessiert mich nicht!". Der Carlsen-Boom hat so seine Risiken und Nebenwirkungen .... .

Ich mache es auf dem Schachticker ja bisher andersrum und widme mich vor allem der EM (wobei ich die WM natürlich auch verfolge).

@Erich Weiss: Man muss das doch nicht nur durch die deutsche Brille sehen? Ich sag' mal "Vive la France!".
#4 Krennwurzn 2013-11-15 21:31
@Olaf

Schwarzer Freitag für Deutschland und Ösireich! In Summe haben unsere Mannen heute einen Punkt geholt.

Du Armer musst nun ein Klagebuch statt einem Tagebuch von der EM schreiben!
#5 Olaf Steffens 2013-11-16 19:47
Hallo Krennwurzn (oder sagt man besser Grüß Gott?),

jaja, das ist alles nicht schön. Heute wieder 2:2 gegen Polens Jugend, und falls SF Shengalia nun noch sein Turmendspiel für Österreich gewinnt und sie damit Spanien schlagen, haben Deutschland und Österreich beide sieben Punkte vor der letzten Runde.
Ich möchte nicht das böse Wort "Cordoba" in den Raum stellen, aber ... wohl ist mir bei dieser möglichen Paarung nicht!
#6 Thomas Richter 2013-11-16 23:00
Knapp daneben Olaf, zum Abschluss spielt Deutschland gegen die Schweiz und ist da eher Aussenseiter angesichts Schweiz-Türkei 2-2 früher im Turnier.

Bei den Damen kann man oder auch frau der Ukraine schon zu Gold gratulieren, bei den Herren wird es morgen (früh um 11:00) noch spannend.
#7 Krennwurzn 2013-11-17 11:12
Ja - wenn, wenn ... die Schweizer gegen die Deutschen gewinnen und die Österreicher gegen die goldenen Polen gewinnen, dann ... würde sich auch nichts ändern:

ein schlechtes Turnier für beide Mannschaften :lol:

Obwohl so unzufrieden darf man eigentlich auch nicht sein, wenn man nicht nur auf die Resultate blickt! Denn in den Partien waren auch gute Ansätze zu erkennen. Klar die Deutschen konnten ihr EM2011-Konzept mit knappen Siegen nicht wiederholen, aber sie waren teilweise dennoch auf diesen Kurs - und Fehler passierten.

Bei den Österreicher zeigte Ragger, dass er mit 2700+ mitspielen kann und auch der Rest der Mannschaft zeigte, dass Potential vorhanden wäre - dies zu heben erfordert aber noch viele Anstrengungen.

ad Grüß Gott dem bei uns üblichen Gruß noch ein kleiner Witz zum Abschluss: Zwei Bergsteiger treffen sich sagt der Abwärtsgehende zum Aufsteigenden: Grüß Gott. Sagt dieser: so weit will ich heute nicht gehen!
#8 Thomas Richter 2013-11-17 16:54
@Krennwurzn - Mal unabhängig von der letzten Runde (Deutschland-Schweiz 3-1, Österreich-Polen Goldies 2-2): warum ist es ein schlechtes Ergebnis, wenn der 27. der Setzliste ungefähr da landet? Entweder weil sie Deiner Meinung nach "eigentlich viel besser" sind, und/oder weil es in den ersten drei Runden (einschliesslich der knappen Niederlage gegen Armenien) besser lief!?
Insgesamt hatten sie einige Erfolgserlebnisse gegen stärkere Teams (Sieg gegen NL, Unentschieden gegen Rumänien und Spanien), eine drastische Niederlage gegen Russland und eine Katastrophe gegen Israel - das hält sich grob die Waage.

Deutschland dagegen: stärkere Teams - bis auf England Fehlanzeige, knappe Ergebnisse etwas unter dem Soll gegen annähernd gleichwertige Gegner und eine Katastrophe gegen die Türkei. Vor allem letzteres wird hängen bleiben (ein Tag dominiert den Gesamteindruck?), selbst wenn sie bei der anstehenden Mannschafts-WM denselben Gegner 4-0 wegputzen sollten.

Wie im Fussball zwischen Deutschland und Österreich - Cordoba bleibt hängen, dann noch das armselige deutsche 1-0 bei irgendeiner anderen WM (Österreich war's auch zufrieden), und nicht der weit grössere Rest.
#9 Krennwurzn 2013-11-17 20:05
Oh Thomas, die österreichische Seele ist ein unbekanntes Wesen - nur außergewöhnliche Ergebnisse sind normale und extra außergewöhnliche sind gute ... ein normales Ergebnis ist schon schlecht, weil Träume nicht erfüllt wurden. Eine Reporterlegende (der Freiherr Heinz von Prüll) prägte dafür den passenden Ausdruck: sentimentaler Favorit!

Links

Wiki http://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Pr%C3%BCller

leider vergriffenes Buch http://www.loewenzahn.at/page.cfm?vpath=themen/buchdetail&titnr=2260

Zitate http://www.motorsport-magazin.com/community/fun-ecke-f12/noch-ein-paar-prullereien-t3592.html

Und nicht vergessen darf man den Satz von Billy Wilder (österreichisch-US-amerik anischer Filmregisseur)

"Die Österreicher haben das Kunststück fertiggebracht, aus Beethoven einen Österreicher und aus Hitler einen Deutschen zu machen."

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