Tarrasch vs Französisch

Die letzten beiden Buchbesprechungen in diesem Jahr widme ich The Tarrasch Defence, von IM Sam Collins und Playing the French von GM Aagaard/Ntirlis.
Vorsorglich wünsche ich allen Lesern (weil ich es zum Schluss bestimmt wieder vergesse) noch angenehme Feiertage und ein glückliches und gesundes 2014. 

Sam Collins
The Tarrasch Defence: Move by Move
254 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2013.

Erhältlich bei Schach Niggemann

Die Tarrasch-Verteidigung entsteht nach der Zugfolge 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 c5 und jetzt führt die Hauptvariante 4. cxd exd 5. Sf3 Sc6 6. g3 Sf6 7. Lg2 Le7 8. 0-0 0-0 9. Lg5 zu einem schwarzen Isolani und einer Schwächung der schwarzen Bauernstellung. Als Gegenwert erhält der Nachziehende ein freies, aktives Figurenspiel (siehe zum Beispiel die Partie Rotlewi-Rubinstein, Lodz 1907. Dort folgte Weiß nach 1. d4 d5 2. Nf3 e6 3. e3 c5 4. c4 Nc6 5. Nc3 Nf6 der von Tarrasch empfohlenen Fortsetzung 6. dxc5. Nach 6. … Bxc5 entwickelte sich eine der schönsten Partien der Schachgeschichte, es folgte 7. a3 a6 8. b4 Bd6 9. Bb2 O-O 10. Qd2 Qe7 11. Bd3 dxc4 12. Bxc4 b5 13. Bd3 Rd8 14. Qe2 Bb7 15.O-O Ne5 16. Nxe5 Bxe5 17. f4 Bc7 18. e4 Rac8 19. e5 Bb6+ 20. Kh1 Ng4 21. Be4 Qh4 22. g3 Rxc3!! 23. gxh4 Rd2!! 24. Qxd2 Bxe4+ 25. Qg2 Rh3 0-1).

Bekannteste Vertreter dieser Spielweise sind, bzw. waren Kasparov, Spassky, Gligoric und Grischuk.

Der Autor des vorliegenden Buches, IM Sam Collins, ist ein erfahrener Schachbuchautor und ausgewiesener Eröffnungsexperte. In seiner bisherigen literarischen Arbeit finden sich mehrheitlich Werke weniger über künstliche Theoriegebilde jenseits des 30.Zuges sondern über Strukturen, Zentrumsformationen und Schachstrategie im Allgemeinen. Bei seinen Eröffnungsbüchern (z.B. French Advance, The c3-Sicilian) war es ihm immer ein Anliegen, das der Leser das geschriebene Wort nachvollziehen, verstehen, anwenden kann. Keine computergenerierten Zugfolgen die kein Mensch versteht sondern Ideen, Pläne, Strategien waren und sind die Hauptbausteine seiner Bücher.

In diesem Werk hat er das Thema in 9 Kapiteln aufgeteilt bezüglich der verschiedenen Zugfolgen bzw. weißen Aufbauten (symmetrische Tarraschvariante, Reti-Aufbau). In den 25 vorhandenen Musterpartien sollen alle relevanten Pläne und Ideen dargestellt werden, Collins erklärt sehr viel und geht dabei auch viele strategische Besonderheiten dieser Eröffnung ein. Garniert wird das Ganze noch durch ein dazwischen geworfenes Frage- und Antwortspiel. Hier ist der Leser aufgefordert, sich aktiv zu beteiligen!

Sehr gut gefallen haben mir auch die zahlreichen Querverweise auf vergleichbare Literatur (Avrukh, Aagaard/Ntirlis, Kaufmann, Carlstedt). Collins zeigt dort recht gute Antworten und Wege gegen die dort teilweise vertretenen Meinungen und gibt dem Leser somit ein vergleichsweise stabiles Grundgerüst mit auf den Weg.

Fazit: Ein Buch das mehr auf Verstehen Wert legt als auf die akribische Darstellung sämtlicher Theoriezüge. Sam Collins bezieht den Leser sehr gut mit ein durch immer wieder dazwischen geworfene Fragen und widerlegt nebenbei auch angenehm unaufgeregt die These, irgendwelche Eröffnungen seien unspielbar oder zumindest sehr schwer zu handhaben geworden nach der Veröffentlichung hochtrabender Repertoirebücher. Empfehlenswert für Neu- und Quereinsteiger in dieses interessante Eröffnungskonzept. Erfahrene Tarraschspieler könnten durchaus noch so manche Anregung aus dem Buch mitnehmen, ob es aber in diesem Fall letztendlich einen Kauf rechtfertigt, muss jedem selbst überlassen sein. 

Jacob Aagaard, Nikolaos Ntirlis
Playing the French
464 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2013.

Erhältlich bei Schach Niggemann

Nach gefühlten 35 Französischpublikationen in den letzten 2 Jahren erscheint nun im Quality-Chess Verlag ein weiteres Mosaikstein in dieser Reihe, bzw. Tradition. Erstaunlicherweise macht der Verlag sich selbst, bzw. GM Emanuel Berg Konkurrenz. Jener veröffentlichte er vor kurzer Zeit die ersten beiden Teile seiner geplanten Französisch-Trilogie im gleichen Verlag. Nun also legen Aaagard/Ntirlis nach, wobei Letzterem die Aufgabe des Computeranalysen-Spezialist (was für ein hässliches Wort) zukommt. Aagaard hat hier eher die Rolle des Kommentators übernommen. Er war hauptsächlich für den Text, Ntirlis für die Analysen verantwortlich, wobei diese sicher auch noch von Aagaard begutachtet wurden.

Das Buch will dem Leser ein möglichst stabiles Französischrepertoire aus schwarzer Sicht bieten. Die Auswahl der Varianten begrenzte sich bei den Hauptabspielen auf die McCutcheon-Variante gegen 3.Sc3 (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Lb4, 4. …Le7 wird ebenfalls behandelt) und gegen die Tarrasch-Variante 3.Sd2 auf 3. …c5. Bei der Vorstoßvariante 1. e4 e6 2. d4 d5 3. e5 c5 4. c3 Sc6 5. Sf3 wird der Zug 5. …Ld7 bevorzugt und gegen die anderen restlichen Systeme (Königsindischer Angriff, Flügelgambit und ähnliches) werden ebenfalls bewährte Systeme empfohlen. Insgesamt 65 relevante Partien werden eröffnungstheoretisch auseinander genommen und mit eigenen Analysen ausführlich kommentiert.

GM Aagaard stellt dabei viele wertvolle Anschauungen und Gedanken zu dieser Eröffnung in den Raum, seien sie nun von taktischer/strategischer Natur als auch von schachhistorischem Interesse. Die Analysen scheinen nach einigen Überprüfungen/Stichproben ziemlich genau und verlässlich. Nicht umsonst genießt jemand wie der griechische Computerspezialist und GM-Sekundant Ntirlis einen sehr guten Ruf in der Branche!

Vorbei die Zeiten, als Analysen noch dem menschlichen Geist entsprangen, zwar fehlerbehaftet aber doch dem Kerngedanken folgend, das Wesen der Stellung zu entblößen. Heutzutage haben viele Eröffnungsanalysen etwas Endgültiges, Destruktives. Gebündelt wird dieses „abholzen“ jeglicher menschlicher Intuition in solchen furchtbaren Gebilden wie „LetsCheck“. Irgendwann zwar fast fehlerfrei und gottgleich in vielen Stellungen aber doch kalt, emotionslos, hässlich, vernichtend.

Doch das soll nicht dem Autorenduo angelastet werden.

Gehetzt von einer ganzen Meute enginebestückter Houdinijünger und kritischen Rezensenten mit Computerunterstützung gehorchen sie nur dem Lauf der Dinge. Sie orientieren sich am Erfolg, gehorchen dem Gesetz der vermeintlich absoluten Wahrheit. Vielleicht sind wir selbst schuld an dieser Entwicklung, der menschliche Drang immer alles schneller, besser, genauer und weiter zu machen führt letztendlich doch wieder nur in eine Sackgasse. Vielleicht sollten wir endlich damit aufhören alles, aber auch wirklich alles bis ins kleinste Detail zu erforschen, zu analysieren. Vielleicht sollten wir einfach nur mit dem Erreichten zufrieden sein und uns der Schönheit des Augenblicks gewahr werden?

Playing the French ist ein sehr gutes Eröffnungswerk das den derzeitigen Stand der Dinge widerspiegelt. Sehr weitgreifende Analysen und tiefsinnige Anmerkungen lassen den Leser tief eintauchen in die Geheimnisse dieser Eröffnung.

Ob man das Buch aber unbedingt braucht steht auf einem anderen Blatt. Zu viele gute bis sehr gute vergleichbare Werke sind in letzter Zeit auf den Markt gedrängt. Diese Entscheidung muss in letzter Konsequenz der Leser dieser Zeilen treffen.

Ich persönlich habe bei mir Zuhause noch den guten alten Watson (Play the French, 1988) herumliegen und bin damit immer noch gut gefahren…

Die Rezensionsexemplare wurden freundlicherweise von Schach Niggemann überlassen

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