The First Move is the Deepest

It´s lonely at the chessboard It´s lonely at the chessboard O.St.

 

 

 

 

 

 

 

 

- Mit vielen Gedanken an die Situation in Japan -

Weiß beginnt, Schwarz gewinnt?
Es ist weithin bekannt, dass gute Kenntnisse des ersten Zuges im internationalen Spitzenschach unabdingbar sind. Schon Schachfreund Garry Kasparov war bekannt für die Sorgfalt, die er gerade diesem Auftaktzug immer wieder zukommen ließ.  Mal begann er mit 1.e2-e4, mal mit 1.Sg1-f3, und dann auch mal wieder ganz anders.

Jedoch darf man sich natürlich nicht nur auf den ersten Zug verlassen -  das wird so mancher Trainer gerne bestätigen. Das moderne Schach ist unergründlich, und neben dem Auftaktzug muss ein Allround-Spieler natürlich auch dem Mittelspiel und Endspiel genügend Trainingszeit widmen. („Aber wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Endspiel sehe!“, mahnte schon Wilhelm Busch.)

Ebenso wie beim Skat ("Wer kommt raus?") stellt im Schach der erste Zug entscheidende Weichen, auch wenn die meisten Partien erst viele Züge später enden. Dennoch: allzuoft wird gerade der Auftaktzug einer Schachpartie leichtfertig und unbedacht, ja beinahe schablonenhaft ausgeführt. Viele Spieler und auch Spielerinnen setzen bei ihren Vorbereitungen sträflicherweise erst beim sechsten, neunten oder neunundzwanzigsten Zug an, oder sie beschäftigen sich mit weit entfernten typischen Mittelspielstellungen und amerikanischen Fernsehserien. Erhebliche Vorsicht ist also geboten, denn dieser Zug will gut überlegt sein. Das wusste auch schon David Bronstein, der in einer Turnierpartie einst um die 55 Minuten für seinen Aufschlag verbrauchte.
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Schachwelt ist daher bestrebt, mit einigen (wenngleich eher subjektiven) Detailanalysen topaktuell und free of charge für Aufklärung zu sorgen.

Weiß kommt raus - aber wie?

1.e2-e4: Unsere Empfehlung des Tages. Selbst bei bester Verteidigung kann Schwarz diesen feinen ersten Zug nicht verhindern - ein wichtiger Aspekt ein klassikerin der psychologischen Auseinandersetzung mit dem Gegner. Hartkern-Positionsspieler werden vielleicht einwenden, dass 1.e2-e4 das Feld d4 unvorsichtig schwächt. Doch wir ignorieren das und erinnern uns, dass 1.e2-e4 ein Klassiker ist, und immerhin auch schon von Greco, Paul Morphy und Napoleon gespielt wurde (nach Zugumstellung 1.Sc3, e5 2.Sf3, d6 3. e2-e4!).
Dieser Auftaktzug macht darüber hinaus einigen Spaß - man vergleiche das nur mit den Stellungen, die nach 1.d2-d4 entstehen! Hinzu kommt, dass schon einige berühmte Partien mit 1.e2-e4 gewonnen wurden (Napoleon - Mme de Remusat, 1804 , Anderssen – Kieseritzky, 1851, Fischer – Spassky, Reykjavik 1972) oder gegen spätere Weltmeister für ein Remis genügten (Kasparov – Kramnik, London 2000). Und das will schon was heißen.

1.d2-d4? Warum überhaupt Schach spielen, wenn man dann doch mit 1.d2-d4 beginnt? Das Leben bietet soviel mehr!

1.c2-c4: Die wundervolle Bremer Eröffnung (auch wenn dieser Name langsam in Vergessenheit gerät). Kann man spielen (besonders als Bremer oder in Bremen), doch ganz ehrlich: dieser Zug leistet nichts für die weiße Entwicklung. Weiß kann nun im folgenden Zug höchstens die Dame nach c2 (oder nach b3? oder nach a4?) ins Spiel bringen, aber so richtig gefährlich ist das nicht. 1.c2-c4 kann daher nicht gut sein. Zumindest nicht so gut wie 1.e2-e4.

1.Sa3! Wurde schon mal von Vadim Zvjaginsev bei den Russischen Meisterschaften 2005 gespielt, allerdings erst im zweiten Zug. Zusammen mit e2-e4 eine interessante Variante gegen die Sizilianische Eröffnung, mit der er dort sogar gegen Ex-Weltmeister Khalifmann, den bärenhaftesten aller russischen Schachbären, gewann.

1.g2-g3: Ein vegetarisches Eröffnungssystem (gemäß Not the British Chess Magazine, 1984). Weiß bleibt in der Deckung, beginnt mit dem bedenkzeitsparenden Aufbau 1.g3, 2.Lg2, 3.Sf3 und 4.0-0 und bietet bald Remis an.
Schwarz dagegen muss das Mittelspiel mit Nerven aus Stahl bestreiten, denn Weiß kann überall auf dem Brett ein bisschen herumspielen, bevor das Spiel Remis wird. Komplex und zweischneidig. Wir empfehlen 1…h5, um zumindest den weißen Bedenkzeitverbrauch vor dem Friedensschluss in die Höhe zu treiben.

1.b2-b4 - der gefährliche Orang Utan! Ein feiorang-utan mit dh4ner Zug, immer wieder gerne gesehen, aber zwingend zum Gewinn ausanalysiert ist es für Weiß noch nicht. Alle Mannschaftsführer runzeln daher bei 1.b2-b4 gerne die Stirn und machen skeptische Gesichter. Das allein macht es dem empfindsamen Weißspieler nicht leicht. Aber selbst wenn er dann mit dem Orang-Utan gewinnt – die Skepsis im Schachvolk bleibt allgegenwärtig und vielleicht auch berechtigt.
Eine zumindest unter ästhetischen Gesichtspunkten sehr schöne Antwort ist zum Beispiel 1….e7-e6, 2.Lc1-b2, Dd8-h4! (mit der Idee, nach 3.a2-a3, f7-f5 4.Sg1-f3 die Dame nach h6 zu spielen und den Läufer von der Deckung des g-Bauern zu befreien)


1.b2-b3: wenn dieser Zug schlecht wäre, hätte Larsen ihn nicht gespielt, und Fischer auch nicht, und manch anderer auch nicht. -
GM Gennadiy Fish erinnert sich gerne an einen Zweitliga-Kampf der Bremer Schachgesellschaft vor einigen Jahren, bei dem Pavel Blatny, Martin Breutigam und der Autor mit 1.b2-b3 bzw. 1.b2-b4 eröffneten. Geballte Kraft der Seitenbauern, und dieser Kampf wurde sogar gewonnen! Was will man mehr? Empirisch gesehen scheinen die b-Bauern-Züge den übrigen ersten Zügen also weit überlegen – zumindest wenn man besagten Mannschaftskampf zugrundelegt.

1.f2-f4: sieht gefährlich aus - aber was ist mit 1…Sh6?

1.g2-g4: Weiß lässt von Anfang an einen scharfen Wind in seine Stellung wehen, und das sollte man sich in diesen unruhigen Zeiten wirklich zweimal überlegen. Allerdings lacht das Schachspielerherz, wenn das überraschende 2.Lg2 aufs Brett gezaubert wird. Vielleicht ist es doch alles nicht so ungefährlich für Schwarz?
 
Alle Schachspieler haben ihre Vorlieben, und daher wollen wir natürlich nicht sagen, es würde DEN richtigen Eröffnungszug geben. It´s a free country. Dennoch: unsere Forschungsarbeit geht weiter. Als nächstes besprechen wir den fünften Zug von Schwarz im Blackmar-Diemer-Gambit.

Abschließend eine kleine Partie - natürlich mit 1.e2-e4! (Philidor-Eröffnung, allerdings mit Zugumstellung)


Napoleon - Mme de Remusat

 (Chateau Malmaison, 1804)
1.Sb1-c3, e7-e5 2.Sg1-f3, d7-d6 3.e2-e4!, f7-f5 (gewagt) 4.h2-h3, fxe4 5.Sc3xe4, Sb8-c6 6.Sf3-g5, d6-d5 7.Dd1-h5, g7-g6 8.Dh5-f3, Sg8-h6 9.Se4-f6+, Ke8-e7 10.Sf6xd5+, Ke7-d6
napoleon - mme de remusat

Und nun!?

11.Sg5-e4+!, Kd6xd5 12.Lf1-c4+!, Kd5xc4 13.Df3-b3+, Kc4-d4 14.Db3-d3 Schachmatt! 
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Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

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