Verloren in Moskau

Niclas Huschenbeth bei der Schacholympiade 2008 in Dresden Niclas Huschenbeth bei der Schacholympiade 2008 in Dresden Frank Hoppe

Mit einigem Interesse habe ich in den letzten Tagen den Auftritt vom jungen Deutschen Meister Niklas Huschenbeths beim Aeroflot-Open in Moskau verfolgt. An meine erste Begegnung mit Niklas kann ich mich noch gut erinnern. Es war Sommer 2002 oder 2003 in Hamburg, am ersten Brett eines (für uns alle) bedeutenden Jugendmannschaftsschnellturniers und wir spielten mit dem HSK-Post Hannover gegen Eppendorf. Ich führte die Brettwertung an 1 überraschenderweise mit etwa 7/7 oder so an, als mir dann ein extrem kurzgeschnittener, etwas verschüchterter Junge gegenüber gesetzt, der (wie der Russe sagt) fast noch zu Fuß untern Tisch gehen konnte. Ich kann nicht sagen, dass ich diese Aufgabe im ersten Moment besonders ernst nahm, aber im nächsten, an den ich mich erinnern kann, hatte ich beretis zwei Bauern weniger... Reingefallen war Niklas dann im tiefsten Endspiel wirklich auf den allerallerletzten Trick, der ihm dann dummerweise nicht nur den halben, sondern gleich den ganzen Punkt kosten sollte. Der Kleine war schon da extrem enttäuscht, und wie mir zugetragen wurde, fing er später auch noch an, richtig zu weinen - als er erfuhr, dass er gegen Ilja Schneider gespielt hatte... :) Später traf man sich dann auf Turnieren aller Art und im Dezember sogar beim B-Kader-Training des Deutschen Schachbundes. Niklas ist mittlerweile mindestens einen Kopf größer als ich und hat in der Zeit alle möglichen Jugendmeisterschaften sowie eine kleine DEM und 3 Großmeisternormen gewonnen und leistet gerade in der Sportfördergruppe der Bundeswehr seinen Wehrdienst - kann ich alles nicht gerade von mir behaupte, ich war ja nicht einmal an der Waffe... Aber zurück nach Moskau.

Zuerst sollte man feststellen, dass es gewiß einiger Chuzpe bedarf, überhaupt im A-Open bei Aeroflot mitzuspielen. (Ich selbst würde mich das schon gar nicht trauen, denn es droht auch in "Mother Russia" der Wehrdienst - anderes Thema! :). Aber mal im Ernst: Wieviele Turniere haben Sie persönlich schon mitgespielt, wo Sie von 86 Personen zunächst auf dem vorletzten Platz der Setzliste zu finden waren? Ich mit Sicherheit kein einziges... Es gehört schon eine enorme Bereitschaft zur Leidensfähigkeit dazu - denn wenn es da mal nicht richtig läuft, gibt es auf gut Deutsch richtig aufs Maul. Verlockend sind auf der anderen Seite die Aussicht auf spannende Kampfpartien gegen Spieler, die einen von Anfang an fertigmachen wollen und - natürlich - die fehlenden ELO-Punkte zum GM-Titel.

Der Auftritt von Niklas lag irgendwo im unteren Drittel vom Querschnitt der ganzen geschilderten Szenarien. Es gab zwar erfreulicher Weise nicht das befürchtete "Aufs Maul" - dafür waren die 2/4 zum Start einfach zu gut. Dann folgte allerdings in den Runden 5-8 doch noch der allseits befürchtete "Audi" und zum Abschluss eine Punkteteilung gegen das Mitschlusslicht der Setzliste Sami Khader aus Jordanien, durch das man auch nicht mehr keine ELO-Reichtümer anhäufen kann. Fazit: 2,5/9, -5 ELO, Platz 81/86, kein Sieg.

Niklas' Schwarzpartien haben mich halbwegs überzeugt. Der Hamburger ist bereits vor einiger Zeit endlich von seinen angestammten "schwarzfeldrigen" Systemen (zumeist KI), wo es meist wenig zu holen gab, abgekommen und stellt nun gegen 1.d4 (was ihm mit einer 1.Sf3-Ausnahme von Ragger in Moskau ausschließlich vorgesetzt wurde, 1.e4 vermeiden seine Gegner wohlweislich) konsequent alles auf Weiß - angenommenes Damengambit, Stonewall. Das alles klappte beim Aeroflot insgesamt ganz gut, die Niederlage gegen Romanov war durchaus vermeidbar und fußte auf einem taktischen Versehen, nachdem Niklas lange Zeit über recht deutlichen Vorteil verfügte. Nicht wirklich funktioniert hat einzig das Eröffnungs"exkrement" gegen Zhigalko (1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 c6 4.e4 Lb4?!), aber ich vermute, das wird Niklas auch nicht so bald wiederholen.

Die Schwierigkeiten lagen vielmehr in den Partien mit den weißen Steinen. In allen 4 Fällen bekam Niklas beim Aeroflot auf sein geliebtes 1.e4 Sizilianisch vorgesetzt und in den meisten Fällen entstanden getreu seinem Spielstil scharfe, recht hitzige Theoriediskussionen. Niklas' König hat im gesamten Turnier ein einizges Mal das Feld g1 gesehen, sonst wurde traditionellerweise immer lang rochiert und danach sofort die Königsflügelbauern in Gang gesetzt oder am besten gleich 'was auf e6/d6 reingeopfert.

Da die Gegner allerdings - wie in diesen Kreisen auch durchaus nicht unüblich - nicht sofort zusammenbrachen, hatte Niklas in den weiteren Phasen der Partien nur zu oft mit den immer wieder gleichen Verschleißprobleme und das sowohl struktureller als vermutlich auch körperlicher Natur. Schwachen, oder zu weit vorgeschobenen Bauern gesellten sich lose, nicht aufs Endspiel gepolte Figuren und auch ein etwas müder Kopf hinzu, was nur allzu verständlich ist, wenn bereits in den ersten 25-30 Zügen extrem viel Rechenarbeit geleistet werden muss. Verbunden damit, dass Niklas grundsätzlich immer auf Sieg spielt, versäumte er es leider mehr als nur einmal, den Trend der Partie zu erkennen und überzog seine Stellungen. Insgesamt fiel mir darüber hinaus ein gewisser Hang zu mangelnder Figurenharmonie auf, Figuren wurden recht kaltherzig auf Felder gestellt, wo sich sie normalerweise, frei nach Rowson "mit Händen und Füßen dagegen wehren sollten, dahin abgeschoben zu werden". Kann ein Zeichen sein, dass man dann und wann zu viel rechnet und zuwenig "hinguckt".

So, bevor ich mich nun mit meinem oberlehrerhaften Gelaber noch "beliebter" mache, als ich eh schon bin, lasst uns doch einfach schauen, ob an meinen Beobachtungen wenigstens irgendetwas Wahres dran ist oder nicht.

Huschenbeth - Bojan Vuckovic (2623), AEROFLOT 2011 (2)

huschenbeth 1

Ich habe im Prinzip keine Ahnung von dem, über was ich hier rede. Niemand hat mich bisher Zeit meines Lebens ernsthaft den offenen Sizilianer spielen sehen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich hier (angenommen ich werde von kleinen grünen Marsmännchen in diese Stellung hereingebeamt) vermutlich etwas wie 14.Kb1 in Betracht ziehen würde. Der Ansatz von Niklas ist höchst direkt, aber vielleicht nicht das Beste. Er schlachtet seine guten Steine ab und behält den Rest.

14.f5 e5 15.Se6! Wenn schon, denn schon. 15...dxe6 16.fxe6 Kb8 17.exd7 Dxd7 18.Dxd7 (das würde ich vielleicht wirklich mal unterlassen) 18...Txd7 19.Thf1 Tg7 20.Tf2 Im Nachhinein zieht man natürlich eher den Bauern nach g3.

huschenbeth 2

20...f5! Der GM nutzt sofort die Chance, das Spiel zu öffnen und sein Läuferpaar in Szene zu setzen. (Wobei einer der Läufer, der f8) bis zum 36 Zug auf seinem Platz verharren wird).

21.exf5 Txg2 22.Txg2 Lxg2 23.a4!? Hält dynamisch dagegen... 23...bxa4 24.f6 h4 Klar sichtbar: Der h-Bauer ist der künftige schwarze Held. 25.Lxa6 h3

huschenbeth 3

Die weiße Lage hat sich bereits verschlimmert. Sein f6 geht nirgendwohin und der h2 wird innerhalb der nächsten Zeit fallen. Eines der geringsten Übel wäre es nun vermutlich, wenigstens schon mal 26.f7 zu ziehen, um eine der Figuren an f8 zu binden. Nun kommt aber ein sehr unkonkreter, "loser" Zug.

26.Lc4? Th4! Man sollte eben im Endspiel nicht unbedingt seine Figuren auf ungedeckte Felder stellen - das rächt sich mit Zeitverlust.

27.b3?! Er hat es sich bestimmt nicht von Anfang an (23.a4!?) vorgestellt, den schwachen schwarzen a4 so abtauschen zu müssen. Vielmehr wollte er ihn später abholen und dann den b-Bauern laufen lassen - aber die Not ist groß. Der Läufer will auf c4 bleiben, wo er f7 und f1 im Blick hat. Und das geht nur mit 27.b3.

27...axb3 28.cxb3 Tf4 29.f7 Tf2 Turm auf der 2 Reihe! Schwarz hat Vorteil. 30.Td3 Niklas bindet wenigstens den Läufer an den Bauern h3 fest. 30...Lf3?! Eine Ungenauigkeit. Weiß kann aktuell nicht gut seine Stellung verbessern, also machte 30...Kc8! durchaus Sinn.

huschenbeth 4

Nun gleicht 31.Td2 mehr oder minder aus, weil der Turm keinen guten Rückzug hat. Spielt Schwarz 31...Tg2, so sollte Weiß noch 32.Tc2! finden (weicht 32...Lh6 aus) und hält sich.

31.Ld5?? Es erscheint wirklich unnatürlich, sich den Verteidiger des f7 wegtauschen zu lassen und dabei noch den h2 abzugeben.

31...Lxd5 32.Sxd5 Txh2 33.Tg3 Darauf hat er sich verlassen. Nun irrte Schwarz mit 33...Tf2?, wonach die Geiseln mit 34.Txh3 Txf7 wechselseitig erschossen wurden  und Schwarz durch den megaschlechten Läufer nicht mehr hoch gewinnen konnte. Den Rest hielt Niklas gut remis. Hätte Schwarz aber mit 33...Th1+ 34.Kb2 h2 35.Th3 Kb7 endgültig die Daumenschrauben angesetzt, wäre es für den Hamburger aus gewesen. Der Springer darf wegen eines Turmwegzugs von h1 nicht auf ungedeckte Felder gehen und 36.Th8 Kc6 führt dazu, dass am Ende in allen Variationen ein total verlorenes Turmendspiel entsteht.

 

Huschenbeth - Alexander Fier (2571), AEROFLOT 2011 (6)

huschenbeth 5

Der letzte Zug des brasilianischen Großmeisters war 15...Sf4-g6, so dass sich Niklas mit der starken Drohung ...d5 konfrontiert sieht. Der Königsflügelangriff findet also auch heute nicht statt - er tauscht die Damen.

16.Db6 Dxb6 17.Lxb6 Te8 18.h4 d5! 19.exd5 exd5

huschenbeth 6

Gut, es ist klar, dass Weiß nichts aus der Eröffnung hat. Muss ja auch nicht immer sein. Mir gefällt aber ohnehin die zerzauste weiße Stellung am Königsflügel nicht besonders und die "Entwicklung" lässt auch zu wünschen übrig. Müsste ich wählen, wäre ich klar lieber Schwarz. Aber den nächsten Zug - den verstehe ich einfach nicht. Mehr noch - ich glaube, ich könnte ihn einfach niemals ausführen:

20.Sh5?! Ok, er wäre gleich vom Läufer auf d6 angegriffen worden und müsste eh fliehen, aber doch nicht nach h5! Er greift da nichts an, deckt nichts, steht angreifbar und dafür dem h-Bauern im Wege. God gracious me!

Das Einzige, was dem Weißen in den nächsten Zügen über die Runden hilft, ist die im Schach fast unendlich hohe Remisbreite - manchmal kann man so einen Trash halt folgenlos machen.

20...Ld6 21.Ld4 Le5 22.Lxe5 Sxe5 23.Le2 Sc4

huschenbeth 7

Klopf Klopf! Der Springer h5 will zurück ins Spiel. Wenn er nun 24.Sf4 macht, ist noch nichts passiert...

24.Txd5?! Nein! Zum Preise des Bauern wird der Kollege im Exil versauern gelassen - und bekommt noch Besuch.

24...Lb7 25.Lxc4 bxc4 26.Tf5 Te3 27.Tf1 Tae8

huschenbeth 8

Das ist das, was ich mit "Harmonie" meine. Wenn ich eine Variante sehe, in der ich am Ende meine Figuren so anordnen muss, betrachte ich sie nicht weiter, sondern verwerfe sie. Einige machen das anders, aber dafür muss man gut rechnen können...

In Sachen b-Note haben die weißen Artisten schon verloren. Allerdings macht der Mehrbauer die Stellung noch durchaus erträglich. Dieser sollte auch langsam mal ziehen, denn es droht Matt.

28.b4(?) Nein, doch nicht dieser. Ich bin sicher, dass dieser b-Bauer bestimmt nicht so schnell nach vorne schreiten und dem Kollegen das Feld c3 überlassen wollte. Aber... Es geht alles noch. Die Remisbreite im Schach... 28...c3 Wieder droht Matt.

29.a3? Zu den strategischen Fehlern kommt der taktische dazu - das wars jetzt aber endgültig.

Als ob die Natur der Stellung es quasi extra auf mich abgesehen hätte, fast alles, was ich vorhin gesagt habe, zu widerlegen, sollte ich aber hinzufügen, dass das Endspiel nach 29.a4! Te1+ 30.Txe1 Txe1+ 31.Ka2 Lc8! 32.Td5! Le6 33.Sf4 (endlich!) Lxd5+ 34.Sxd5 einfach total unklar wäre. Womit wir beim Unterschied zwischen subjektiven 20.Sh5?! und objektiven 29.a3? Fehlern angelangt wären und nicht weiter in die Tiefe gehen.

29...Te1+ 30.Txe1 Txe1+ 31.Ka2 Lc8! und Niklas hatte genug gesehen, hätte es aber dank des verlorenen Tempos (29.a3 statt 29.a4!) eh schwer gehabt, im Endspiel nach 32.Td5 Le6 33.Sf4 Lxd5+ 34.Sxd5 (und nun etwa 34...Kf8! oder auch 34...Th1!, sagt die Maschine) , noch etwas zu organisieren. 0:1

Huschenbeth - Alexandra Kosteniuk (2498), Aeroflot 2011 (8)

huschenbeth 9

Klar, mit 2/7 und nach 3 Niederlagen in Folge will man natürlich mal auch eine gewinnen. Es fing auch (wenig überraschend, aber gut) an mit 12.Lxf6 gxf6 13.Lxb5 axb5 14.Sxb5 Dc8 15.Sxd6+ Lxd6 16.Dxd6, wo der Rechner sofort die weißen Steine verwalten will. Die ehemalige Damenweltmeisterin verlor immer mehr die Kontrolle und Niklas spielte sich eine Gewinnstellung heraus, aber die Varianten waren nicht immer einfach zu finden. Darüber wollte ich auch gar nicht reden, sondern zeigen, wie sich die Endphase der Partie entwickelte:

huschenbeth 10

Niklas hat seinen Vorteil bis ins Endspiel gerettet. Der Bauernklumpen sieht extrem robust aus und sollte irgendwann die Ziellinie einlaufen. Frau Kosteniuk kann nur noch verstohlen auf ihren e-Freibauern hoffen, aber normalerweise kann der nicht weit kommen. Statt etwas Normalem wie 42.Tc1, was man in jeder Schnellschachpartie spielt, kommen nun 3 Hammer hintereinander:

42.Td4? e5 43.Th4 Sf6 44.g4

Mir fällt dazu nichts ein. Ich verstehe es nicht, wie man auf die Idee kommen kann, freiwillig seinen Turm auf h4 einzusperren? Das ist doch keine Harmonie!

44...Tg8 45.b6 Kd7 46.Th6 Tg6 47.Txg6 hxg6

huschenbeth11

Viel ist für Weiß nicht mehr zu holen, aber 48.g5! sollte man aus praktischer Sicht doch mal versuchen.

48.Kb5? Verbissenes Spiel auf Gewinn? Es empfiehlt sich aber, nicht das Quadrat des Bauern zu verlassen... 48...e4 Nun aber schnell zurück ins Quadrat! Der Rechner zickt nach 49.Kb4 zwar noch ein wenig rum, aber die weißen Bauern beschäftigen den schwarzen Chef noch lange genug und die Partie endet remis. Stattdessen...

49.c5?? Er schaltet einfach nicht mehr den Hebel um. Dabei hält der Springer die paar Bauern doch mit der Mütze auf. Wenn das "Wollen" sich über das "Denken" stellt... 49...e3 50.c6+ Kc8 51.Ka6 Sd5! 0:1

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