Vive la France - allez vite

Maxime Vachier-Lagrave Maxime Vachier-Lagrave http://www.poloniachess.pl/amplico2012/en/gallery

London ist vorbei, dann also frohe Weihnachten? Dieses Wochenende waren diverse Grossmeister noch aktiv, darunter einige der Kategorie 2700+ und einer mit Elo über 2800, und das gleich auf zwei Kontinenten. Wir schauen nach Warschau, dann nach Peking, dann wieder nach Warschau. Wer der französischen Sprache mächtig ist weiss schon dass es um Blitz- und Schnellschach geht.

Bevor ich zu den Turnieren komme, ein paar Bemerkungen zum Spitzenschach im Allgemeinen und dem Jahrgang 1990 im Besonderen. Die Nummer 1 dieses, und nicht nur dieses Jahrgangs (heisst Magnus Carlsen und) ist in aller Munde. Die Nummer 2 Karjakin hat vielleicht auch das Zeug zu (noch) mehr. Dahinter wird es wie ich finde zu Unrecht stiller. Andreikin ist auch ein hochinteressanter und talentierter Spieler, wird aber von Spitzenturnieren bisher völlig ignoriert - vielleicht weil er Russe ist und da einer von vielen. Vachier-Lagrave hat schon Superturniere gespielt und durchaus erfolgreich, aber dann sackte seine Elo, zeitweise unter die magischen 2700, und damit ist er offenbar weg vom Fenster? Trotzdem heisst einer unserer heutigen Helden nicht Magnus sondern Maximus. MVL's Schicksal teilen Adams (der hat immerhin einen Stammplatz in London) und Shirov, zu dem komme ich auch noch. Zum Jahrgang 1990 gehört auch noch Nepomniachtchi, zuletzt erwähnt als Sekundant von Carlsen. Andere recht gute WeinSchachjahrgänge sind übrigens 1987 (Radjabov, Nakamura, Wojtaszek, Tomashevsky, Wang Yue, Vitiugov - dahinter Georg Meier und Gawain Jones) und 1983 (Grischuk, Jakovenko, Ponomariov, Jobava, Bacrot, Eljanov). Wird 1994 (Giri, Yu Yangyi, Swiercz, Robson, Hou Yifan, Robin van Kampen) der nächste? Ich schweife ab ... .

bannerostsee400Nun nach Warschau - mal wieder Schauplatz der Europameisterschaft im Blitz- und Schnellschach. Das Blitzturnier gewann, genau, Vachier-Lagrave mit 18.5/22 - er gewann fast alle Minimatches, nur Andriasian (ein relativ unbekannter Armenier) konnte ihm ein 1-1 abknöpfen. Gut, diesmal war MVL Favorit, der Titel ist vielleicht etwas weniger wert als 2010 denn damals landete er vor u.a. Ivanchuk, Ponomariov, Movsesian und Gashimov, aber auch ein Favorit gewinnt nicht immer. Silber holte mit Sargissian ein etwas bekannterer Armenier, Bronze mit Tkachiev wieder ein (Wahl-)Franzose. Aus deutscher Sicht: Fridman war lange ganz vorne mit dabei, verlor aber gegen alle drei Medaillengewinner und wurde am Ende elfter. Naiditsch schonte sich vielleicht für das anschliessende Schnellturnier [solche Bemerkungen sind nie ernst gemeint - aber letztes Jahr trat Jobava, obwohl gemeldet, im Blitz gar nicht an und wurde dann Europameister im Schnellschach]. Wie dem auch sei, raus kam Platz 30, schön eingerahmt von den beiden Jungspunden Nyzhnyk und Rapport. Der alte Bär Jussupow wurde 76. von 435 - damit ist klar, es war ein grosses Turnier mit auch noch mehr Deutschen, aber alle kann ich nicht erwähnen.

Jobava verzichtete darauf seinen Titel zu verteidigen denn er spielte parallel in Peking bei den World Mind Games - zumindest fast vergleichbar mit den legendären Amber-Turnieren aber irgendwie viel weniger im Rampenlicht. Das Schnellturnier ist vorbei, momentan wird geblitzt und danach noch blind gespielt. Ich fange beim Schnellturnier mal unten an in der Abschlusstabelle: Bologan 1,5/7 (damit konnte man rechnen), Mamedyarov und Ivanchuk 2/7, Aronian 2,5/7, ... (davor u.a. Namen die ich bereits erwähnte). Dass Nakamura geteilter Erster wurde damit konnte man rechnen, nicht unbedingt dass er sich den Platz mit Fressinet teilte und nach Wertung knapp hinter ihm lag.

Damit hatte ich Idee und Titel für diesen Beitrag, zurück nach Warschau zum Schnellschach. Nach dem ersten Tag hatten nur noch zwei Spieler 7/7, Vachier-Lagrave und Naiditsch. Damit spielten sie in Runde 8 natürlich gegeneinander, testeten sich gegenseitig aber - soweit ich es beurteilen kann - blieb es immer in der Remisbreite und wurde dann auch remis. In Runde 9 verlor MVL einen scharfen Sizilianer gegen Rublevsky, in Runde 10 wurde Naiditsch "Opfer" von Dreevs Endspieltechnik. Damit konnten sich auch andere Medaillenhoffnungen machen, u.a. diese beiden Russen. In der Schlussrunde endeten zwei russische Duelle (Rublevsky-Dreev und Motylev-Malakhov) schnell remis, aber alle anderen Partien an den Spitzenbrettern hatten einen Sieger. Danach waren vier Spieler punktgleich, nach Wertung bekam Dreev Gold, Vachier-Lagrave Silber, Shirov Bronze und Rublevsky Blech. Naiditsch wurde immerhin Fünfter - nach Wertung vor acht anderen Spielern denen ebenfalls ein halbes Pünktchen fehlte. Da es z.B. unsere österreichischen Leser interessieren könnte nenne ich sie alle: Malakhov, Tkachiev (der schon wieder), Motylev, Ragger, Rapport, Socko, Kovalev und Olszewski. Zu den anderen deutschen Spielern: Jussupow wurde 25., fast genau sein Platz in der Setzliste. Fridman wird sich wohl lieber an das Blitzturnier erinnern: durch zwei Niederlagen in den letzten beiden Runden (gegen Shirov und gegen einen gewissen IM Sotsky) fiel er auf den hundertersten Platz zurück.
Noch ein paar Worte zu einigen Spielern: Dreev spielte solide und blieb als einer von wenigen ungeschlagen, die anderen sind (auf den ersten Blick) Shirov (nicht immer solide aber eben ein starker Spieler), Malakhov (durchaus solide) und auch Markus Ragger. Rublevsky verlor früh gegen den Polen Sebastian Malec (Elo 2119) und rollte dann das Feld von hinten auf: achtmal hintereinander gewinnen ist eine Leistung auch gegen vergleichsweise schwache Gegner, aber sein Tiebreak war und blieb ruiniert. Auch Shirov kam von hinten da er früh remis spielte gegen FM Lukasz Licznerski, noch so ein unbekannter Pole. Überhaupt wimmelte es von denen, und auch die (z.B. aus der Bundesliga) bekannten waren fast alle dabei, vermisst habe ich nur Wojtaszek. Beeindruckend war Shirovs Sieg in der alles entscheidenden letzten Runde: gegen Sargissians Berliner verbrauchte er jede Menge Bedenkzeit und gewann am Ende mit einer Kombination von taktischen und strategischen Motiven. Grund genug um auch ihn zu "fotografieren" - da ich nicht vor Ort in Warschau war habe ich auch dieses Foto von der Turnierseite:

Shirov

 

Und jetzt was der Leser von mir auch kennt: Schachdiagramme. Die Blitzpartien aus Warschau sind, zumindest im Moment, nicht verfügbar, und alle Schnellpartien habe ich mir noch nicht angeschaut. Also zurück nach Peking mit Schwerpunkt filmreife Stellungen aber alle standen wirklich auf dem Brett (allerdings nur die  Schachfiguren):

Fressinet-Giri

Das war die Schlusstellung in Fressinet-Giri. Schwarz gab hier auf - obwohl er eine Qualität mehr hat und etwa 8 1/2 Minuten gegen Fressinets 30 Sekunden.

Jobava-Mamedyarov

Jobava spielte nicht das erfolgreichste, aber mit das kreativste Schach. Was hier (gegen Mamedyarov) geschah heisst im französichen Schachjargon reculer pour mieux sauter: 25. Dd1 und nichts hilft gegen 26.Da1+ (ausser rechtzeitig aufgeben, das tat der Gegner). Das war wohl schon im ersten Zug geplant: 1.b3!! öffnete diese Diagonale. Spass beiseite: so begann Jobava viermal (und damit immer) mit Weiss und holte +3-1 - es lohnte sich also dass er sich von einer Niederlage in der ersten Runde gegen Kamsky nicht beirren liess.
Wenn wir schon bei Eröffnungen sind: einen Leser könnte es interessieren dass Aljechin 100% holte (Bologan-Mamedyarov 0-1, Grischuk-Nakamura 0-1). Ein anderer findet es vielleicht schade dass Pirc gar nicht gespielt wurde: Bologan hat es gegen Ivanchuk angedeutet, aber das wurde dann - ja was denn eigentlich?

Ivanchuk-Bologan

1.e4 d6 2.g3 Sf6 3.Lg2 h5 4.h3 e5 5.Se2 h4 6.g4 g5 - noch Fragen? Dass Bologan später in dieser Partie zwei seiner drei halben Punkte holte lag nicht unbedingt an der Eröffnung.
Weiter mit Jobava:

Jobava-Giri

Das (Weiss gegen Giri) ist eine relativ normale Stellung, ich zeige sie wegen dem Motiv 26.Td8!
Manchmal klappte es für Jobava auch nicht, gegen Morozevich hatte er (aus seiner Sicht leider) Schwarz:

Moro-Jobava

Wenn er irgendwie die Damen und am besten auch noch die Türme entfernen könnte dann ja dann hätte er ein vielversprechendes Endspiel. So fällt auf dass für Schwarz Ta8 und Lb7 nichts aber auch gar nichts zur Verteidigung beitragen können während die weissen Figuren perfektes Teamwork abliefern: auch der ebenfalls etwas luftige weisse König hat seine Aufgabe, genau wie der abseits stehende Turm auf h6 (der natürlich mit Schuld war dass der schwarze König seine Rochadestellung verlassen musste). Übrigens hatte (s.o.) Mamedyarov gegen Jobava auch mal rochiert.

Das alles und noch mehr hat Schnellschach zu bieten, aber für heute isses genug.

Kommentare   

#1 Tiger-Oli 2012-12-16 19:35
Hi Thomas,

danke sehr für den umfangreichen Bericht und die vielen anregenden Diagramme. War schön, von Dir was über diese Turniere zu lesen.

Leider bin ich keiner aus diesen goldenen Schachjahrgängen. Das ist einerseits persönliches Pech, denn der Weg in die Weltspitze ist mir damit verbaut. Andererseits habe ich Korchnoi noch erlebt, als er gerade aus Russland abgehauen war - das ist ja auch was.

Und dann (wow) - Jobava spielt 1.b3? Na, dann dürfen wir das ja bestimmt auch mal machen!
#2 Thomas Richter 2012-12-16 21:34
Hallo Tiger-Oli,

Das mit dem falschen Jahrgang ist eine faule Ausrede: Aronian schaffte es in die Weltspitze obwohl sein Jahrgang 1982 sonst nicht allzu viel zu bieten hat (nix für ungut, Vallejo und Bruzon).

Umgekehrt ist es auch nur bedingt aussagekräftig: bester meines Jahrgangs 1967 ist (nicht etwa Olaf Steffens oder MiBu sondern) der Peruaner Granda Zuniga. Der Jahrgang 1969 hat Anand, Ivanchuk, Dreev (früher auch mal top20, seit heute Europameister) und Piket (vor seiner Frühpensionierung auch ganz gut). Trotzdem bin ich besser im Schach als mein zwei Jahre jüngerer Bruder - Kunststück, der spielt gar kein Schach.
#3 MiBu 2012-12-18 22:53
Der 67er Jahrgang ist vielleicht schachlich nicht absolut top, aber in der Humorwertung setze ich Olaf S., Thomas R. und völlig unbescheiden mich selbst auf Topplätze...

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