Wer kann Weltmeister? (mit Tippspiel)

Levon Aronian auf dem Weg zum nächsten Zug Levon Aronian auf dem Weg zum nächsten Zug Ray Morris-Hill, thanks a bunch!

Nun, da der neue Papst gewählt ist, kann auch die Schachwelt nachziehen und in London beruhigt einen Herausforderer für Weltmeister Vishy Anand küren.
Während das Kandidatenfinale vor zwei Jahren noch mit K.O.-Partien und anschließendem Hauen und Stechen im Schnell- oder gar Blitzschach ausgetragen wurde, sehen wir nun auf der britischen Insel ein doppelrundiges Turnier zehn Teilnehmern. Bis zuletzt wurden die Namen der Spieler geheim gehalten, doch nach einigen Recherchen präsentieren wir heute hier live im Schachwelt-Blog die Teilnehmer.

Wir schauen nach London, und wir sehen:

-    1) Vladimir Kramnik:

Kramnik kann Weltmeister, das wissen wir schon seit dem Jahr 2000, als er den unglaublichen Garri Kasparov vom Thron schubste. Seit seiner Heirat vor einigen Jahren musste er den Titel zwar an den (ebenfalls verheirateten) Vishy Anand abgeben, hat sich dann aber wieder gefangen und spielt seitdem nicht nur wieder erfolgreich, sondern sogar sehr unterhaltsam und wagemutig. Gefällt mir, auch wenn ich nicht immer alles verstehe.

                          Kandidatometer: 8,5 von 10 Punkten

2) Boris Gelfand:

Hatte Anand schon am Haken und wäre letztes Jahr in Moskau beinahe neuer Weltmeister geworden. Beeindruckend! Der Israeli wirkt auf mich konzentriert und ruhig, dabei gleichzeitig inspiriert und bereit zu interessanten Experimenten schon in der Eröffnung. Mal sehen, was er für London ausgekocht hat. Manche sagen, sein hohes Alter (so um die 40 …) würden es unmöglich machen, dass er der neue Herausforderer wird. Allerdings wurde er mit demselben Argument auch schon vor zwei Jahren nicht ernst genommen – und hat sich dort dennoch durchgesetzt.

                          Kandidatometer: 8 von 10 Punkten

 3) Ilja Schneider:

Hat sich bei den Bremer Blitzmeisterschaften 2012 für London qualifiziert, ist aber leider verhindert aufgrund des sechsten Bundesliga- Wochenendes mit den Schachfreunden Berlin. Aus deutscher Sicht bedauerlich!

                Kandidatometer: schade, nicht dabei. Ansonsten 9,2 Punkte und ein angenehm hoher Kaffeehausfaktor

umkmpfte krone

                         Umkämpfte Krone

 4) Alexander Grischuk

Bei Grischuk weiß man nie, ob man seinen Namen mit „sch“ oder nur mit „sh“ shreiben soll. Er ist natürlich ein Mann der alten russischen Shachshule, verdient sich seine Punkte aber auffallend oft erst in den Tie-Breaks beim Schnellschach. Ob es in London auch für die langen Partien reichen wird? Vor zwei Jahren in Mainz immerhin hat er meinen Mannschaftskollegen Joachim Asendorf im Schnellschach geschlagen. Allerdings kam dieser auch knapp zehn Minuten zu spät zur Partie und eröffnete dann auch noch mit 1.c2-c4. Eine Prognose ist hier also ausgesprochen schwer. Wir halten uns bedeckt und sagen

                           Kandidatometer: 7 Punkte von 10

5) Magnus Carlsen

Erst als Nachrücker für Ilja Schneider ins Turnier gekommen, aber dennoch ein mehr als aussichtsreicher Kandidat für unterhaltsame Partien. Stefan Löffler weiß allerdings zu berichten, dass Magnus mitunter ein klein wenig trainingsfaul ist. Außerdem waren die Norweger bisher noch nie so richtig weit vorne, wenn es um Kandidatenwettkämpfe gegangen ist. Und was ist, wenn er in London die Frau seines Lebens kennenlernt? Er ist ja noch recht jung. Da werden dann auch Carlsens gute Endspielkenntnisse nichts mehr rausreißen können.

                  Kandidatometer: 4,5 Punkte

(Mit Grüßen von Stefan Löffler: hier ist der Link zu seinem Artikel "Ein bisschen Gott, ein bisschen Schlange".)

6) Vassily Ivanchuk

Chucky wird entweder alle sechzehn Partien gewinnen oder im hinteren Mittelfeld landen. Nach so vielen intensiven Jahren im Profischach hätte er es allemal verdient, um die WM-Krone zu spielen. Wie so viele unter uns ist er nicht mehr ganz der Jüngste, und da sollte man auch mal sagen dürfen, dass er einfach mal dran ist. Daumen gedrückt für Ivanchuk!

                              Kandidatometer: 6,8 Punkte

7) Emanuel Lasker

bansem300Seit langer Zeit mal wieder ein deutscher Vertreter in den Finals! Das gute Ergebnis in Nottingham 1936 dürfte ihm Sicherheit geben für das Kandidatenfinale in London, auch wenn die junge Generation natürlich mit den neuesten Tricks ans Werk gehen wird. Doch das hat Emanuel Lasker schon früher nie sehr gestört. Auch drohen für London nicht diese hohen tropischen Temperaturen wie in Havanna 1921 gegen Capablanca. Seien wir also zuversichtlich!

                           Kandidatometer: 7,2 Punkte

laskers

Diese Laskers - immer für einen WM-Kampf gut! (Foto:Frank Eugene, Wikipedia)

8) Peter Svidler

Der sympathische Russe hat bei Baden-Baden viel von seinem Teamkollegen, dem Schach-Europameister Jan Gustafsson, gelernt. Seit er vor nicht allzu langer Zeit die russische Meisterschaft gewann, scheint er ernst machen zu wollen mit einem ernsthaften Anlauf zur Weltmeisterschaft. Manchmal gewinnen ja die, die vorher nicht so tief im Blickpunkt standen. Das Potential ist da. Mein Tipp: Peter Svidler!

                          Kandidatometer: 9,1 Punkte

 herr keller - anand

Ein WM-Kampf gegen Svidler? Noch hält Anand sich bedeckt.

9) Levon Aronian

Blitzweltmeister ist er schon geworden, er weiß also, wie es sich anfühlt an der Spitze. Aronian kann begnadete Züge aufs Brett zaubern, und er ist immer well-dressed. Wie man ja weiß, geben gute Anzüge und/ oder Krawatten auch Durchhaltevermögen, wenn die Königsstellung einmal kritisch ist. Und dennoch weiß ich nicht, ob das alles schon reicht bei so einem Turnier, wo es um alles geht und auch noch Magnus Carlsen mitspielt. Aus dem Bauch heraus – diesmal noch nicht, trotz aller Sympathie!

                           Kandidameter: 5,9 Punkte

10) Teimour Radjabov

Hat ähnlich wie Grischuk einen komplizierten Nachnamen, der dem Gegner schon die ersten Energien abverlangt, wenn das Partieformular ausgefüllt werden muss. Auch klingt der Name ähnlich gefährlich wie beispielsweise „Slepushkin“, „Nakamura“ oder „Schneider“, und das ist immer gut fürs Image und ein paar ELO-Punkte mehr. Aus Sicht der FIDE-Marketingabteilung wäre ein Weltmeister Teimour Radjabov allerdings nicht optimal, denn der Name ist für die breite Öffentlichkeit nicht so eingängig und leicht zu merken wie beispielsweise Kramnik, Kasparov, Anand oder Hickl. Eine genaue Prognose fällt daher schwer. Schach spielen allerdings kann der Mann, und er kann unbeschwert ins Rennen gehen.

                          Kandidatometer: 7,3 Punkte

 ten tenors

Zehn große Meister, doch nur einer wird sich qualifizieren

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Das Große Schach-Welt-Tippspiel (!)

Heute nun ist es soweit – die Kandidaten steigen in den Ring und kommen erst zu Ostern wieder heraus. Die Leser des Schachwelt-Blogs sind daher aufgerufen, einen Tipp abzugeben: Wer wird sich qualifizieren für das WM-Finale gegen Anand?

(Die Frage stellte sich auch Anish Giri in der ZEIT - Danke an Stefan Löffler für den Hinweis.)

 Zu gewinnen gibt es eine zehntägige Schachkreuzfahrt von und mit Großmeister Jörg Hickl oder eine kleine Schokoladenspezialität aus Bremer Landen. (Das wird noch entschieden - wir müssen uns da noch abstimmen!)

Einsendungen bitte wie immer diskret im Kommentarbereich. Bei mehreren richtigen Antworten entscheidet meine Frau, und Einsendeschluss ist nach der zweiten Runde! (= Samstag, 16.März, um Mitternacht).

Viel Glück!

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

Kommentare   

#1 Losso 2013-03-15 12:31
Ich mach dann mal den Außenseitertipp: Carlsen wird es ;-)
#2 Erich Weiß 2013-03-15 13:22
Carlsson ... Niemals :o
Der Große Vaforit ist

Василь Михайлович Іванчук
#3 Thomas Richter 2013-03-15 13:22
Bei der Papstwahl hiess es ja "wer als Papst die Sixtinische Kapelle betritt, geht als Kardinal wieder heraus" - mit anderen Worten, die Favoriten sind chancenlos (wie sich dann auch bestätigte).

Also hat Carlsen keine Chance - einige seiner Fans basteln ja schon an Ausreden wie "er kam mit dem Druck nicht zurecht" oder auch "die Sowjets haben sich gegen ihn verschwört". Mein Tip ist Ilja Schneider (mit sowjetischen Wurzeln!). Was der hat, wie Carlsen das letzte Mal, abgesagt? Dann wird es Boris Gelfand.
#4 Holger Hebbinghaus 2013-03-15 16:38
An sich müsste ich aufgrund des sympathischen Jahrgangs auf Svidler tippen, aber da Dänemark 1992 auch als Nachrücker Europameister geworden ist (nein, nicht im Schach), tendiere ich doch eher zu Magnus Carlsen.
#5 Krennwurzn 2013-03-15 16:54
Ich mag keine Schokolade (macht dick) und keine Kreuzfahrten (machen auch dick), daher tippe ich auf Ilja Schneider der wird den Rückstand auch nach der Bundesligarunde noch locker aufholen!
#6 Sven Joachim 2013-03-15 17:42
Ich tippe auf den Favoriten, also auf Carlsen. Die Schwarzpartie gegen Aronian hat er ja bereits unbeschadet überstanden.
#7 ta 2013-03-15 19:30
Es gibt nur einen: Vladimir Kramnik
#8 marcchan 2013-03-15 22:24
Turniersieger Carlsen überholt in der letzten Runde doch noch Vladimir Kramnik, nachdem Svidler mit Schwarz gegen Magnus im 163. Zug überraschend in ein Mattnetz läuft - im Endspiel König gegen König.
Der Live Rating Server bricht daraufhin zusammen, da ELO Zahlen über 3500 Systemfehler verursachen.
#9 MiBu 2013-03-16 12:29
Ich habe die Liste alphabetisch sortiert und siehe da, es kam ein prima Tipp dabei heraus: Sieger wird Aronian vor Carlsen!
#10 tigran_barmbek 2013-03-18 07:10
Ich weiß, wie das ist, gegen Carlsen zu verlieren :-| . Wer es noch nicht weiß, wird es in London lernen müssen. Ich habe die Liste nach Elo-Zahl sortiert und siehe da: Mega-Magnus ist vorne.
#11 Darth Frank 2013-03-20 14:28
Carlsen wird es. Ich spüre es, die Macht ist stark in ihm. Und wenn er zur dunklen Seite wechselt kann ihn auch kein Weißspieler mehr aufhalten…

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