Wie ich Letzter wurde und trotzdem aufstieg

Einer muss der Letzte sein Einer muss der Letzte sein OSt

Werder Bremen II wieder in der Zweiten Bundesliga (!)

Es ist ja immer ein Leiden mit den Schachturnieren. Wenn man doch nur vorher wüsste, wie sie ausgehen und ob man erfolgreich ist – man könnte sich lange Tage am Schachbrett und viele enttäuschende DWZ-Auswertungen ersparen. Indes, vor dem Turnier ahnen letztlich nur die Schachgöttin Caissa und/ oder der Turnierleiter, wie ihre Schäfchen im Turnierrennen abschneiden werden.

Erst gestern wieder fasste ich mir ein Herz und reiste ins nahe Städtchen Achim. Dieser Ort hat nur einen Vornamen und war gestern Schauplatz eines Quickstep- Schachturniers.
Quickstep, die älteren Leser erinnern sich möglicherweise, trägt man hier im rauhen Nordwesten mit Vorliebe aus. Zwischen Oldenburg, Aurich, Wildeshausen und Bremen treffen sich die Apologeten des vierundsechzigfeldrigen Wahns in schöner Regelmäßigkeit und hauen an einem einzigen Tag drei stramme Turnierpartien aufs Brett. Bei einer Bedenkzeit von 60 Minuten für 30 Züge und weiteren 30 Minuten für den ganzen Rest ist es eine Art extensives Schnellschach-Rundenturnier, gefolgt von einer intensiven  DWZ-Auswertung.owensmall                                      Wenn es schnell gehen soll, empfehlen sich Bauernzüge (aber kein Doppelschritt!)

Und hier liegt auch zugleich das Problem – denn wenn es mal nicht läuft, verliert man zwischen Sonnenauf- und untergang gerne mal so um die 30 bis 40 Ranglistenpunkte.
Andererseits – it´s a free country, und wo Verlierer sind, gibt es auch Gewinner. Bei wem es gut läuft, der fährt mit einem feinen DWZ-Plus zurück nach Oldenburg, Aurich, Wildeshausen und Bremen, und auch ein kleines Preisgeld ist Teil der Anreizstruktur.

Ohne Vorwarnung fand ich mich am gestrigen Tag leider in der Gruppe der Verlierer wieder. In einer Runde zusammen mit IM Tobias Jugelt (DWZ 2378), Sven Charmeteau (DWZ 2250) und Dirk Bredemeier (DWZ 2220) hatte ich reichlich gute Chancen, nutzte sie aber allesamt nicht und ritt am Abend ohne jeglichen Punkt einsam und einmal mehr als Tabellenletzter dem Sonnenuntergang entgegen.

QuickstepAchim
Hier stehe ich wohl schon ganz gut,
     fuhrwerkte mich bei knapper Zeit aber noch zielsicher zu einer schönen Niederlage.

Meine Gegner hingegen teilten sich lächelnd den ersten Platz mit je 2 Punkten aus 3 Partien und versüßten sich den Abend mit ihrem Teil des Preisgeldes, für jeden waren es genau 11,-€.

Ein Blick auf die Tabelle belegt, wie ungerecht die verfügbaren Punkte aus dem Gesamtbudget aufgeteilt wurden:

1.-3. Tobias Jugelt, Sven Charmeteau, Dirk Bredemeier   je 2 Punkte

4.     Olaf Steffens                                                                    je 0 Punkte

Auch wenn dieses Ergebnis einen guten Anlass böte, endlich mit dem Schach aufzuhören und stattdessen Katzen zu züchten oder einen Teich zu bauen – diese edlen Projekte müssen noch ein wenig warten. Letztlich ist jedes maue Turnier ja auch Ansporn, noch ein paar Schachbücher zusätzlich unters Kopfkissen zu legen und es beim nächsten Mal einfach wieder zu probieren. Es muss ja nicht gleich wieder der letzte Platz werden.

Und damit kommen wir zu den guten Nachrichten, denn die gab es gestern ja auch – unbedingt!

Werder II ist zurück

Denn es war während der späten Abendrunde des Turniers, als jemand in den Raum fragte, wie denn eigentlich der HSV gespielt habe. Jemand antwortete, drei zu zwei gewonnen gegen Augsburg! – und ich wusste, der Tag war gerettet, egal wie meine letzte Partie ausgehen würde. Neue Hoffnung im Abstiegsrennen – gut gemacht, Hamburger!

hsv2

Und dann war da noch diese Mail. Vor zwei Wochen hatte meine Mannschaft, der SV Werder II, in der letzten Ligarunde gegen Tabellenführer Hannover 96 gewonnen und war dadurch Meister geworden in der Oberliga-Nordwest (man ahnt es schon – ebenso wie Quickstep-Turniere wird auch diese Liga vornehmlich im Nordwesten ausgetragen).

Allerdings hatte Werderzwo eines seiner Spiele kampflos mit 8 : 0 gewonnen, als Turm Lüneburg in der siebten Runde kurzfristig nicht angetreten war. Diese kampflosen Brettpunkte führten nun zu Ungemach, denn das nordwestdeutsche Titelrennen wurde nur sehr knapp aufgrund von Brettpunkten entschieden.
Turnierleiter Jürgen Kohlstädt sah daher in dem 8 : 0 eine Benachteiligung der Hannoveraner und nahm das Ergebnis aus der Wertung, ebenso wie das 4,5 : 3,5, das Hannover im Spiel gegen die Lüneburger erreicht hatte. Mit einem Mal also stand Hannover auf Platz Eins, und nichts war es also mit einer Rückkehr von Werderzwo in die zwote Liga?
Man kann beide Sichtweisen verstehen – Werder allerdings protestierte und argumentierte dagegen, schrieb einen langen Brief an das Norddeutsche Schiedsgericht, und so wurde das Geschehen gestern in Hamburg von berufener Seite gesichtet und bewertet.
Und am Abend dann eine Mail von Werder-Kapitän Stephan Buchal – das Schiedsgericht hatte für uns entschieden! Werderzwo ist zurück in der Zweiten Liga – hurra! Oder: HURRA!

ElfKekse1
                    Rückkehr in die zweithöchste Etage

Es war ein sehr spannendes Jahr in der Oberliga, und nun kommen wieder Spiele in Hambuuurch, gegen die aus der Bundesliga zurückgekehrten Rostocker und auch gegen unsere Berliner Freunde von König Texel. Wir freuen uns!

So kam es, dass ich gestern vom Quickstep als verdienter Tabellenletzter nach Hause fuhr, und dann doch in die Zweite Bundesliga aufstieg!
Wenn auch Juristen einwenden mögen, dass beides nicht ursächlich miteinander zusammenhängt – ist egal!

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Herzlichen Dank!

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

Kommentare   

#1 MWoltmann 2015-04-26 19:41
Lieber Olaf!

Meinen Glückwunsch zum Aufstieg an Dich und das Team von Werder!
#2 Umumba 2015-04-27 03:46
Glückwunsch zum Jetzt-doch-noch-Aufstieg. Vielleicht kann 96 ja alternativ in die Bundesliga aufsteigen, da werden doch immer Kandidaten gesucht (und ihr habt dort ja schon ein Team).

Im einen Turnier Letzter und gute Stellungen vergeben - aber dafür bist du in einem anderen Turnier ja gerade souveräner Erster und das trotz nicht immer ganz klar gewonnener Stellungen zwischendurch.
#3 Frank Hoppe 2015-04-27 07:52
Diese Regelung eine Mannschaft zu bestrafen, deren Gegner nicht antritt, finde ich unerträglich.
#4 easyrider 2015-04-27 09:02
Nicht antretende Mannschaften in einer Bundesliga - in welcher Sportart gibt es das noch? Dazu die leider übliche Praxis, in unteren Klassen Bretter frei zu lassen, z.B. weil man zu viele Mannschaften gemeldet hat und sich Spieler in oberen Klassen festspielen, oder weil gerade Champions-League läuft. Solche Erscheinungen tragen nicht dazu bei, dem Schachsport die Anerkennung und Förderung zu geben, die er verdient hätte. Trotzdem herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg!
#5 Thomas Richter 2015-04-27 10:03
Hat Lüneburg eigentlich begründet, warum sie "kurzfristig" nicht antreten konnten? Wenn man das annähernd, eventuell mit viel sehr gutem Willen, als höhere Gewalt interpretieren konnte, war es möglich den Wettkampf zu einem anderen Termin nachzuholen? Vielleicht wäre es am besten, das jetzt noch zu tun - wobei (Absteiger) Lüneburg wohl kaum motiviert wäre. Es sei denn, und das wäre wieder ein Problem, sie könnten mit mindestens 4-4 gegen Bremen den Abstieg doch verhindern.

Bremen ist insofern verdient Aufsteiger, da sie das direkte Duell gegen Hannover 6-2 gewonnen hatten. Dennoch ist die entstandene Situation irgendwie unbefriedigend und schade für Hannover.

@easyrider: Das war nicht die Bundesliga, "nur" die Oberliga. Was die von Dir als "leider üblich" bezeichnete Praxis betrifft: wie man's macht ist es eventuell falsch. Wenn man weniger Mannschaften meldet, können einige Spieler die gerne spielen wollen das wenig bis gar nicht tun. Bei mehr Mannschaften besteht das Risiko, dass die Spielerdecke, wenn im Saisonverlauf das eine oder andere unvorhergesehen passiert, später zu dünn ist.
#6 Krennwurzn 2015-04-27 11:09
Gratulation zum Aufstieg und zum Finden eines "Wurmloches" vom Abstieg zum Aufsteiger :-))

Noch ein kleiner Urlaubstipp: in der Nähe von Elos gibt es schöne Strände zum Erholen und vielleicht bleiben da auch ein paar Elos hängen? Ich wünsche es Dir jedenfalls von ganzem Herzen!!
#7 Dennis Calder 2015-04-27 20:25
Hallo Olaf!
Wie man sich als Werderaner für den HSV freuen kann, ist mir als Ex-Bremer ein Rätsel. Ich würde Deine Worte als Schockreaktion nach Deiner schmerzhaften Niederlage beim Quickstep interpretieren, wenn ich nicht wüsste, dass Du eher zum bekannten hanseatischen kühlen Kopf neigst. Es bleibt demnach nur hanseatisches Zusammengehörigkeitsgefüh l übrig. Allerdings hast Du einen ganz wichtigen Punkt beim Ausdruck Deiner Freude übersehen: Der HSV will absteigen! Dafür mache ich Dir keinen Vorwurf, verstehst Du doch nachweislich so viel von Schach wie ich vom Fußball und umgekehrt. Jetzt eine Begründung für meine kühnen Worte, um Dein Fußballwissen zu erweitern:
1. Bruno L., der seit seiner professionellen Trainerkarierre immer nur kurzfristig erfolgreich war, ist schon alleine deswegen eine schlechte Wahl.
2. 6 (in Worten: Sechs) Trainer seit September 2013 und satte 15 Trainer seit Februar 2007 zeigen, dass die HSV-Spitze eine Politik des kontinuierlichen Wechsels betreibt. Wo doch bewiesen ist, dass ein Verein immer besser wird, je länger ein Trainer ungestört wirken kann. Hier grüßt Otto der I. als hanseatisches Vorbild. Welcher Bremer kennt und ehrt ihn nicht, den zum griechischen Gott gewordenen?!
3. Ruhe im Verein führt zu besseren Ergebnissen in der Mannschaft. Auch hier beweist der HSV durch stete Aktivität, dass er absteigen will.
4. Didi Beiersdorfer hat mehrfach schon gezeigt, dass er der ehrlichsten Einer nicht ist. Dieses unhanseatische Verhalten gehört bestraft. Hmm, allerdings erklärt es, warum Du nicht erkannt hast, dass der HSV ein ganz anderes Saisonziel hat (Abstieg) als öffentlich angegeben (Klassenerhalt). Offiziell hat ja niemand gesagt, dass das Saisonziel der Abstieg ist...

So. Jetzt bleibt mir nur noch, Dir / Euch zum Wiederaufstieg in die zweite Liga zu gratulieren. Schöne Sache, das!

PS: Gerade in diesem Moment kommt mir der Gedanke, dass Deine Freude über den Sieg des HSV Ironie zum Ausdruck bringt und Du in Wahrheit das wahre Saisonziel des HSV kennst und Du Dich daher über den Fehltritt auf dem Weg dorthin gefreut hast... In dem Fall nehme ich natürlich sämtliche Andeutungen auf nicht ausgeprägten fußballerischen Sachverstand wieder zurück und behaupte wahrheitsgemäß, dass ich diesen Text im Fieberwahn geschrieben habe. :lol:
#8 Krennwurzn 2015-04-28 10:46
Diese Diskussion zeigt, dass wir uns generell gerne in Regeldiskurse verzetteln und dadurch sowohl der Hausverstand als auch die sportliche Basis als Entscheidungsgrundlage außer Acht gelassen werden!

Dabei ist hier mM ganz einfach und klar!
B und H96 gleiche Mannschaftspunkte, aber Achtung B hat ein 8-0 am grünen Tisch dabei, also sollte man Vorsicht bei der Bewertung walten lassen - komplette Streichung könnte auch ungerecht sein, wie wäre es mit einem Stichkampf ... irgendwie auch kompliziert
ABER niemand kam auf die Idee zu schauen wie denn die direkte Begegnung B-H96 ablief - oops da haben die Bremer 6:2 gewonnen - der Hausverstand würde sagen: hier ist die Meisterschaftsentscheidun g sportlich gefallen!

ABER so einfach muss man sich das ja nicht machen - es gibt ja noch Schiedsgerichte und ordentliche Gerichte und dann den CAS und den Menschenrechtsgerichtshof und und und ...
#9 Olaf Steffens 2015-04-28 12:00
Moinmoin,
danke für die vielen Glückwünsche zu unserem Aufstieg!

@Umumba: Ein guter Einwand von Dir - irgendwann gleicht es sich aus mit Glück und Pech, da hast Du Recht. Nach den drei Nullen an einem Tag hatte ich das ein bisschen aus den Augen verloren.

@Krennwurzn: Wo ist denn genau dieser ELO-Steinbruch? Ist der Eintritt frei, und kann man ELOs ernten, wie man möchte, und kostenfrei außer Landes bringen? Wenn überall "ja" die Antwort ist, komme ich gerne mal mit. Allerdings bleibt die Frage - wie erklärt man dann den großen ELO-Unterschied zur DWZ?

@Dennis: Ja, Du bist nicht allein, viele Bremer verstehen das nicht mit dem HSV. Es gibt aber auch Bremer hier ganz in der Nähe, die sogar Borussia Dortmund die Daumen drücken (schlimm, natürlich). Deine These, dass der HSV absteigen will, finde ich beachtlich. Doch Du weißt - mit einem Präjudiz ist das immer so eine Sache, und ich hoffe, Hamburg widerlegt Deine These in der Realität. Wird aber sehr schwer!
#10 Krennwurzn 2015-04-28 13:17
@Olaf Steffens: wie erklärt man dann den großen ELO-Unterschied zur DWZ?

Elos liegt in Kreta ist auf Google und im Artikel leicht zu finden, ob es auch ein antikes Dwzos gibt, könnte nur eine kostspielige Krennwurzn-Expedition herausfinden :P

https://www.google.at/maps/place/Elos+730+12,+Griechenland

Achtung: EKO auf der Karte ist eine Tankstelle für Autos und nicht für Schachspieler ... die ELO-Tanke liegt etwas außerhalb und ist streng geheim :cry:
#11 Dennis Calder 2015-04-29 12:03
@Krennwurzn: Das antike Dwzos - der traf mein Humorzentrum :lol: Bei einer Croudfunding Aktion zur Entdeckung beteilige ich mich...
Vielleicht sollten wir aber vorher erst durch ein Spiel in Monopoli (50 km östlich von Bari, Italien) das Geld zusammentragen? Oder wollen wir östlich von Tianjin ein großes Bohai drum machen?
@Olaf: Die Griechen sind wie die Türken sehr empfindlich mit dem Außerlandesschaffen von antiken Dingen, mögen sie im Land noch so nutzlos sein. Daher: Vorsicht mit etwaigem Elo-Klau!
Und zum HSV: Wahrscheinlich werden sie ihr Ziel dieses Jahr wieder nicht erreichen, obwohl sie sich so doll anstrengen :-*

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