Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben

Die Krennwurzn spielt zwischen Weihnachten und Neujahr traditionell beim Donauopen in Aschach nahe Linz mit und gibt dort auch noch regelmäßig seinen Senf zu den Runden dazu. Aufgrund einer unbedachten Äußerung muss die Krennwurzn – obwohl schachlich nicht dafür geeignet – in der A-Gruppe spielen, bis sie einmal durchgenullt wird – aber all das sollte heute nicht unser Thema sein.

Wie spielt die Krennwurzn eigentlich Schach? Nun ein Held vor dem Herrn ist die Krennwurzn nicht und sie mag lieber ruhige Stellungen und die Krennwurzn ist wie so viele schwächere Spieler auch ein wenig ängstlich. Angst vor Niederlagen hat die Krennwurzn eigentlich nicht wirklich und viel Erfahrung mit Niederlagen hat sie auch genug, dennoch verliert niemand gerne und genau das kann zu „unnötigen“ Niederlagen führen – aber lassen Sie sich kurz in die Gedankenwelt der Krennwurzn entführen:

Die Krennwurzn (1800) spielte mit den weißen Steinen gegen einen gut bekannten „unkonventionellen Angreifer“ (1900) – die Bilanz vor der Partie (+1,-1,=2) war ausgeglichen und die letzte Partie konnte die Krennwurzn im Endspiel nach überstanden Angriff gewinnen. Also auf ins Endspiel und wenn es geht ohne große Stürme im Vorfeld.

1.c4 Bitte kein Benoni, Wolga- oder andere Gambits 1...e5 2.Sc3 Lb4 3.Sd5 Ld6?! 4.d3?! möchte e4 verhindern 4...c6 5.Sc3 f5!?

2019Tode01

 

Genau solche Angriffsstellungen wollte Weiß verhindern, aber nun gibt es kein Zurück mehr. 6.e4 f4 Bleibt Weiß jetzt passiv, dann wird er überrollt, das leuchtet sogar einer Krennwurzn ein und widerwillig wird nach aktiven Möglichkeiten gesucht. 7.g3 Die Alternativen (7.c5 Lc7 (7...Lxc5?? 8.Dh5+) 8.d4 und 7.d4 exd4 8.c5) hätten alle in ungeliebte Stellungen geführt.

7...Sf6 8.d4 Diese Idee wäre mit dem Tausch auf f4 besser gewesen (8.gxf4 exf4 9.d4 Lb4 und nun gibt es eine taktische Lösung für das Problem auf c3 10.e5!! Se4 11.Ld3 Sxc3 12.Dh5+! Kf8 13.Ld2 Sxa2 14.Txa2 Lxd2+ 15.Kxd2 so was zählt nicht zu den Lieblingsstellungen der Krennwurzn)

8...Lb4 9.Lg2 fxg3 10.hxg3 exd4 11.Dxd4 d6

2019Tode02 

Den Eröffnungskampf hat Weiß klar verloren auch wenn er laut Computer besser steht, aber Schwarz hat Angriffsmarken und Weiß muss taktische Probleme lösen – beides gefällt der Krennwurzn nicht.

12.Le3 ist noch kein Fehler, aber mir gefällt die Stellung nicht mehr. 12.Lg5 gefiel mir nicht 12...Sbd7= aber Schwarz kann in Ruhe angreifen und der Computerzug 12.Lf4 kam mir gar nicht in den Sinn. 12...0–0 13.f3?! Die taktische Lösung 13.c5 dxc5 (13...Lxc5 14.Dc4+ Kh8 15.Lxc5 dxc5) 14.Dc4+ Kh8 15.a3 b5 16.Db3 sah ich nicht – die Angst hat bereits vollständigen Besitz über die Krennwurzn gewonnen.

13...d5?

2019Tode03

Ein verfrühter Angriff, aber durch die Angst sind viele Auswege dem geistigen Auge schon verstellt, obwohl sie offenstehen. Stattdessen hätte Schwarz mit 13...Sbd7 14.a3 Lc5 15.Dd2 Db6 die Daumenschrauben schon etwas anziehen können. Das hat wohl Phantomschmerzen bei der Krennwurzn ausgelöst und im Zusammenhang mit der fehlenden Königssicherheit den Panikzug 14.0–0–0? ausgelöst. Aber hätte es noch Rettung gegeben? Natürlich und einfach noch dazu 14.cxd5!! und Schwarz muss einen wichtigen Angreifer abtauschen und einige seiner Figuren stehen ja noch in der Garage 14...Lxc3+ (14...a5 15.a3; 14...Db6 15.Dd3) 15.Dxc3 cxd5 16.e5! (16.exd5?? Sxd5) 16...d4 17.Dxd4 Dxd4 18.Lxd4 Sc6 19.Se2 und weicht der Springer mit 16. … Se8 zurück, so steht Weiß auch wieder die kurze Rochade zur Verfügung.

14...c5? wieder ein aggressiver Fehler. 15.Dd3 d4 keine der weißen Figuren kann genommen werden und eigentlich steht es gar nicht so schlecht um Weiß, aber die Angst hat sich schon tief in das weiße Denken eingefressen. Die offensichtliche "Rettung" 16.Lg5 der Figuren verstellt den Blick auf die Tatsache, dass ja auch die weiße Stellung Trümpfe hat - der komplette schwarze Damenflügel noch schläft.

2019Tode04

Das sofortige 16.e5 stellt Schwarz sehr unangenehme Fragen 16...g6 17. exf6 Lf5 habe ich am Brett gefürchtet und übersehen, dass ich nun in aller Ruhe meine bedrohten Figuren wieder ins Spiel bringen kann.

Und es gibt für Weiß viele andere taktische Probleme zu lösen (16...De7 17.f4! Schwarz kann keine Figur vorteilhaft schlagen 17...h6

a) 17...dxe3 18.exf6 gxf6 19.Ld5+ Kh8 20.Le4 f5 21.Ld5;

b) 17...dxc3 18.exf6 cxb2+ 19.Kb1! Txf6 20.Ld5+ Kf8 (20...Kh8 21.Dxh7#) 21.Txh7 Th6 (21...Lf5 22.Th8#) 22.Sf3+–) 17.exf6 Lf5 (17...Lxc3 18.Lg5 Db6 19.De2 (19.bxc3 Lf5! 20.De2 Db1+ 21.Kd2 dxc3+ 22.Ke1 c2 23.Tc1) ) 18.Se4+–]

Wie sollte man das schaffen, wenn man Angst hat und mit der Stellung und sich selbst total unzufrieden ist?

2019Tode05

16...Da5 Schwarz greift mit natürlichen Zügen an und Weiß verliert den Faden komplett. Der Partiezug 17.Sb5 geht auch noch im Remissinne, Weiß hat immer noch andere Möglichkeiten, aber vollkommen von der Angst in Besitz genommen und dem Schicksal ergeben wird nur mehr reagiert nicht mehr agiert.

Mit 17.Lxf6 Txf6 noch einen schwarzen Angreifer nicht ins Spiel kommen lassen möchte Weiß auf keinen Fall. ABER halt 18.Sd5 stellt doch Schwarz vor Probleme? 18...Dxa2 (18...Ta6 19.e5 Dxa2 20.Dxh7+ Kf7 21.Sxb4 Da1+ 22.Kd2 Dxb2+ 23.Sc2 Dc3+ 24.Ke2) 19.Sxf6+ gxf6 20.f4 Sc6 21.Sf3 La5 (21...Sa5 22.e5 Dxc4+ 23.Dxc4+ Sxc4 24.exf6 Lf5 und die Mattgefahren sind weniger geworden) 17.e5 nach 17...g6!? (17...Lxc3 18.exf6 g6 19.f4 Lf5 20.Ld5+ Kh8 21.Sf3 Lxd3 22.Txh7+ Kxh7 23.Th1#) 18.exf6 Lf5 muss Weiß erkennen können, dass die Dame geopfert werden kann 19.f4!! Lxd3 20.Ld5+ Kh8 21.Txh7+ Kxh7 22.Sf3 mit Matt]

In der Partie folgte nun nach 17...Dxa2 mit 18.Sc7?? der letzte Fehler. Natürlich will Weiß nicht den Turm auf a8 schlagen - das Feld e6 muss irgendwie unter Kontrolle gehalten werden – aber es ist schon zu spät?

Eigentlich immer noch nicht – die weiße Stellung war gar nie so schlecht und sogar jetzt hätte es noch einen Ausweg gegeben – und wieder wäre das Motiv 18.e5!!

2019Tode06

ein letztes Mal noch möglich gewesen.

18...g6? 19. Sd6 und Weiß steht besser

a) 18...Da1+ 19.Kc2 Da4+ 20.Kb1 Lf5!! 21.Dxf5 Dxd1+ 22.Ka2 mit Dauerschach;

b) 18...Se4 19.f4 (19.fxe4?? Tf2–+) 19...Sxg5 20.Ld5+ Kh8 21.Sd6 f5 und e6 sind unter weißer Kontrolle;

In der Partie bringt Schwarz mit 18...Sc6 eine weitere Figur mit diversen Mattdrohungen ins Spiel 19.Sd5 [19.Lxf6 Txf6 brächte nun einen weiteren Angreifer wirklich ins Spiel. 19...Sxd5 20.exd5 Lf5 und Weiß muss aufgeben. Ja zu Tode gefürchtet ist tatsächlich auch gestorben!!

Was können wir schwachen Spieler daraus lernen? Nun einmal Angst ist ein sehr schlechter Berater und hemmt das eigene Spiel. Steht man einmal wie das Karnickel vor der Schlange ist die Partie schon vorbei – auch wenn es noch viele Auswege gibt. Werden wir dann all die Computervarianten am Brett finden? Natürlich nicht, aber mit weniger Angst haben wir nicht zwingenderweise mehr Erfolg, aber vielleicht mehr Freude am eigenen Spiel.

Nun hat die Krennwurzn ein wenig geflunkert, denn so erfahren mit Niederlagen ist sie nun auch wieder nicht, denn 70% meiner Partien verliere ich eben nicht. Könnte das Problem nicht doch an den mangelnden Erfahrungen mit Niederlagen liegen. Ich denke ja und es ist ein generelles Problem im Schach. Wir lesen immer nur von Siegen und Erfolgen und vergessen komplett, dass es ohne Verlierer keine Sieger geben kann und wir unsere Einstellung zu Sieg und Niederlage ändern müssen: beides sind „part of the game“ und daher möchte ich Sie mit Berthold Brecht ein wenig nachdenken lassen:

Reicher Mann und armer Mann
standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
„Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“


Die Partie zum Nachspielen:

 

Krennwurzn

Anonymer aber dennoch vielen bekannter kritischer Schachösterreicher! Ironisch, sarkastisch und dennoch im Reallife ein netter Mensch - so lautet meine Selbstüberschätzung! Motto: Erfreue Dich am Spiel, nicht an der Ratingzahl! Das Leben ist hart, aber ungerecht (raunzender Ösi)!
 
Kontakt: krennwurzn@yahoo.de Internetseite: www.krennwurzn.gnx.at (uralt)

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