Dirk Paulsen

Dirk Paulsen

Dienstag, 06 September 2011 11:26

Das Scheveninger System

Eine Laudatio auf das...

Scheveninger System

Als etwa Mitte der 70er Jahre einmal eine Schachdelegation aus einem (halbwegs) fernen Land und einer fremden Stadt – aus der Erinnerung heraus war es Stockholm – zu einem Aufenthalt in Berlin weilte und ihre Kräfte messen wollte mit den Spitzenspielern aus Berlin, es jedoch anscheinend organisatorische Probleme gab und weder Räumlichkeiten noch Schiedsrichter noch Spielmaterial verfügbar gemacht werden konnten, beratschlagte in dem damals am Nollendorfplatz gelegenen Schachcafé, wie man denn nun diese Hindernisse aus dem Weg räumen könnte und die freundlichen Besucher nicht etwa unverrichteter Dinge nach Hause schicken müsste.

Die Idee war geboren, Peter Teubert, damaliger Inhaber des Treffpunkts für Schachspieler hatte selbstverständlich sowohl Figuren und Bretter als auch Uhren, aber auch Räumlichkeiten, inklusive Verköstigung anzubieten. Da nun die Notationspflicht und auch andere Kleinigkeiten – an erster Stelle wohl der Krach des mit dem Treff verbundenen Billardsalons zu nennen – nicht das Hindernis darstellen sollten wurde, für den Autor erstmals gehört, das so genannte Scheveninger System zur Austragung vorgeschlagen. Die gespitzten Ohren transportierten die Informationen, was das denn nun sein, alsbald an das aufnahmebereite Gehirn weiter.

Alle 8 schwedischen Schachfreunde würde gegen die verfügbaren 8 verfügbaren „Spitzenspieler“ aus Berlin antreten, jeder gegen jeden, aber eben nur jeder Stockholmer gegen jeden Berliner Spieler. Man entschied sich für eine heute sehr häufig anzutreffende Bedenkzeitregelung, mit jeweils 15 Minuten pro Spieler, so dass man von einer Austragungszeit von etwa 8*30 Minuten = 4 Stunden ausgehen konnte, vergleichbar, aber etwas geraffter, einer Turnierpartie.

Die riesige Freude und Begeisterung über ein derartiges System hat sich bis heute gehalten, selbst wenn der Ausgang des Kampfes völlig entfallen ist und, sagen wir es ruhig, auch beinahe zur Nebensache geriet. Man hatte eine recht ernsthafte Auseinandersetzung und hatte die Gelegenheit, mit JEDEM angereisten Schachfreund die Kräfte zu messen.

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Als sich gegen Ende des Jahres 1989 das geteilte Deutschland vereinigte war ebenfalls alsbald eine Idee entstanden, dass man doch dringend den Westteil der heutigen Hauptstadt mit dem Ostteil einmal in einem schachlichen Duell der räumlich so nahen, aber politisch so fernen und von daher gänzlich unzugänglichen Nachbarn, zu einem Kräftemessen laden müsste.

In dieser Aufbruchzeit gab es allenthalben auch nur Wohlwollen und Freude, so dass die noch getrennten Verbände im Nu übereinkamen – eine Tatsache, die vielleicht ein paar Monate zuvor noch undenkbar war. Auch die von beiden Seiten angeschriebenen, angesprochenen Spitzenspieler (diesmal wirklich die Spitze) waren zuhauf nicht nur bereit, nein, sie waren begeistert von der Idee. Als sich logischerweise die Frage nach dem Austragungsmodus (an möglichst vielen Brettern) stellte, hatten die Veranstalter eine absolut geniale Variante gefunden, präsentiert – und letztendlich durchgeführt:

Die Verbände stellen ihre Mannschaften in Vierergruppen auf. Brett 1-4, 5-8, etc. Und die jeweils vier spielen untereinander, jeder von dieser Seite gegen jeden von der anderen Seite, eine Partie mit jeweils 30 Minuten Bedenkzeit. Eine Veranstaltung, die bis heute höchsten Erinnerungswert hat, waren doch auch die für eine derartig spannende Veranstaltung gefundenen Räumlichkeiten Zentrumsnah und bestens geeignet, ein gehobenes Ambiente.

1989-011250

Foto: Dimitri Gerasimou

Reichlich Zuschauer beim Kampf Berlin (W) - Berlin (O)

Vorne Dirk Poldauf - Panagiotis Cladouras, dahinter Karsten Volke - Mladen Muse, an 3 Raj Tischbierek - Dirk Paulsen und an 4 Hans-Ulirch Grünberg - Robert Rabiega


Auch hier ist der Ausgang nicht mehr in Erinnerung geblieben, abgesehen von dem Faktum, dass der Autor in den Genuss kam, sich mit den vier Topspielern des Ostteils zu messen, welche da waren Hans-Ulrich Grünberg, Karsten Volke, Dirk Poldauf und Raj Tischbierek, und dort mit zwei Remisen und zwei Siegen aufwarten konnte (ja, sicher, es MUSSTE doch andere Gründe geben für sowohl Verfassung des Textes als auch Liebe zu dem Modus), welches unterm Strich in der Gruppe das beste Einzelergebnis darstellte (ach, diese Eitelkeit, oh je).

Im Anschluss saß man übrigens im damals an der Lietzenburger Straße gelegenen Café „Remis“, wobei der Name richtigerweise andeutet, dass auch dort Schachspieler willkommen waren – es hat sich nicht gehalten --, welche bei einem Buffet und natürlich diesem oder jenem Bierchen, mit welchem sie zur Wiedervereinigung anstießen, zusammen saßen und die ersten Freundschaften entstehen ließen.

Übrigens fühlte sich der zuvor etwas weniger freiheitliche Teil natürlich bemüßigt, einige Zeit später einen „Revanchekampf“ auf eigenem Territorium durchzuführen. Mit Verlaub und ausgesprochener Entschuldigung an die zahlreichen Freunde aus den neuen Bundesländern: diese Veranstaltung konnte bei weitem nicht an jene im Westteil heranreichen, was eventuell so ein wenig plastischer gemacht werden kann: als man, in einer Gruppe von vielleicht fünf, sechs zu jener Zeit schon äußerlich als „Wessis“ auszumachenden Personen die zur Austragung verfügbare Schule per Fußmarsch (vermutlich nach Ausstieg aus Bahn oder Bus) suchte und nicht recht weiter wusste, war doch alles neu um einen herum, befragte man einen Passanten. Seine Auskunft war höchst amüsant. Ja, er kannte die Schule, so meinte er, man müsse „da vorne, bei dem grauen Haus, rechts abbiegen“. Nun war er zwar freundlich und auch sicher ortskundig, jedoch erstaunlich, dass er es für erhellend und hilfreich hielt, uns „bei jenem grauen Haus“ um die Ecke zu schicken, waren doch ALLE Häuser in der Gegend AUSNAHMSLOS grau. Geschmunzelt wurde jedenfalls auf Seiten der arroganten Wessis – und diese kleine Geschichte bis heute gerne jedem Ossi unter die Nase gerieben. Grau, grau, alles grau, so war es nun mal....

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Banner-JH-Sonnenalp2Ein weiteres Ereignis gab es, als einmal ein Mannschaftskampf der letzten Runde in der Oberliga Nord nach wenigen Zügen (ohne vorherige Absprache) an allen Brettern Remis vereinbart wurde, so beschloss man, einmal angereist – übrigens war es in Oberschöneweide, gelegentlich von Westlern auch zuvor schon als „Oberschweineöde“ verballhornt; jedoch ist es wirklich malerisch schön dort und weder schnöd noch öd... --, sich dennoch die Zeit mit einem Mannschaftskampf zu vertreiben.

Endlich hatte der Autor einmal die Gelegenheit, das so hoch geschätzte System einzubringen, vorzuschlagen und zur Durchführung zu bringen.

Ja, es hat Spaß gemacht. Und wie. Allen Spielern, von denen sich übrigens alle auch für den Mannschaftskampf gemeldeten bereit erklärten, mitzumachen. 15 Minuten, jeder gegen jeden, macht 8 Partien pro Nase – und einen ehrlichen Vergleich, wie man hier gerne als Ansicht vertritt.

(Kein Schelm, wer denkt, dass es keinen Zusammenhang gibt: auch hier erzielte der Autor mit 6.5 aus 8 das beste Ergebnis ALLER Spieler).

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Sollte es denn nicht möglich sein, derartige Veranstaltungen regelmäßig, vielleicht sogar in Turnierform, durchzuführen? Man meldet eine Mannschaft, 10 Mannschaften finden sich, alle vier Wochen ein Kampf, machte 9 weitere Termine, sicher. Nur könnte man es ja, als Alternative, einfach mal ausprobieren? Wer wäre dabei? Sicher spielt doch dieser oder jener auch ab und an ein Schnellturnier, welches vom Zeitaufwand her keineswegs geringer wäre?