„Schach ist einfach – wenn man kann“ so oder ähnlich ließ es Vlastimil Hort seine zahlreiche Fangemeinde wissen. Auch beim Weltranglistenersten Magnus Carlsen wunderte mich, wie er seine illustren Gegner zuweilen alt aussehen lässt. Und dabei legt er die Partie gern harmlos an, als wolle er seine Widersacher in Sicherheit wiegen. Die Hauptaussage meines Artikels, den ich eigentlich schon gestern beenden wollte, ist nun etwas konterkariert worden durch den Ausgang der gestrigen 1. Runde in London: da ist Carlsen tatsächlich auf ähnlich glatte Weise vorgeführt worden von Luke McShane, und zwar ebenso mit einer völlig anspruchslosen symmetrischen Englischen Eröffnung – passend zum Ort des Turnieres!
Nichtsdestotrotz rechne ich damit, dass sich Carlsen im Turnier noch berappeln und ein paar Siege einfahren wird. Ich will trotzdem versuchen, Ihnen was vielleicht Charakteristisches des jungen Norwegers aus seinem letzten Turnier im fernen China aufzuzeigen:
 

Carlsen,M (2825) - Bacrot,E (2715) Schottisch [C45]

3rd Pearl Spring (1), 2010

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.d4 exd4 4.Sxd4 Lc5 5.Sb3 Die erste Überraschung. Zwar hat Carlsen schon öfters Schottisch hervorgeholt, aber dann mit 5.Le3. Fast immer auf Superniveau sieht man entweder das komplexere 5.Le3 Df6 6.c3 oder die Holzhackervariante 5.Sxc6 Df6 6.Dd2 bzw. 6.Df3, um schnellstmöglich die Damen vom Brett zu bekommen und auf leichte strukturelle Endspielvorteile zu hoffen. Der Partiezug gilt als wenig ambitioniert. 5...Lb6 6.Sc3 Sf6 Schwarz muss die Fesselung durch Lg5 nicht zulassen, er kann auch erst 6...d6 ziehen und auf das ruhige 7.Le2 warten, womit Weiß im Prinzip zu erkennen gibt, dass er die kurze Rochade anpeilt. 7.De2!?

 Aber hallo! Dass Weiß so einen hässlichen Zug wählen kann verblüffte mich – ich mutmaßte, dass es sich um eine Neuerung handeln würde. Doch dem war nicht so. Ganze 25 Partien wurden zuvor schon mit diesem Zug gespielt! Aber genauer betrachtet ist das nicht so viel, denn Lg5, der Hauptzug, kam schon rund 6xhäufiger vor und alle möglichen anderen Züge wurden auch noch gespielt, also es ist nicht unbedingt ein zu erwartender Zug. Viel interessanter ist die Strategie dahinter! Weiß strebt offenkundig die lange Rochade an – und dann droht dem schwarzen König, falls er kurz rochieren sollte, ein Bauernstrum auf dem Königsflügel. Weiß will mattsetzen - dieser Plan ist somit ebenso riskant wie einfach! Übrigens fällt mir dabei eine alte Geschichte ein. Als ich noch Jugendlicher war spielte mein Mannschaftskollege in einer etwas anderen, aber doch in mancher Hinsicht ganz ähnlichen Situation auch De2. Dabei sah die Alternative Dd2 viel vernünftiger aus, zumal schon ein Läufer auf e3 stand. Auf meine Anfrage, warum er diesen skurril aussehenden Zug gespielt habe, antwortete er zuversichtlich: „das steht in meinem Theoriebuch!“ Hinterher stellte sich heraus, dass es sich um einen Druckfehler handelte.  
7...0–0!? Nimmt die Herausforderung an, sicherer erscheint schon 7...d6 nebst …Le6, was die lange Rochade  noch offen lässt.
8.Lg5! h6 9.Lh4!

Erst das war wohl die Neuerung. Aber die versteht sich von selbst! Die Fesselung ist recht unangenehm für Schwarz, nachdem er rochiert hat und sein Schwarzfelder auf b6 vor der Verteidigung platziert ist. Manchmal muss man einfach simpel spielen und Carlsen scheint es gegeben zu sein, solche Linien auf dem Brett oder zuhause in weniger erforschten Stellungen zu finden. Der Rest jedenfalls ist schnell erzählt, Carlsen gewann die Partie im Sturmangriff: 
a5 10.a4 Sd4 11.Dd3 Sxb3 12.cxb3 Te8 13.0–0–0 d6 14.Dc2 Ld7 15.Lc4 Le6 16.The1 De7 17.e5 dxe5 18.Txe5 Df8 19.Lxf6 gxf6 20.Te2 Dg7 21.Lxe6 Txe6 22.Txe6 fxe6 23.Td3 Kh8 24.Tg3 Dh7 25.Dd2 Lc5 26.Se4 Le7 27.Th3 Kg7 28.Dd7 Kf7 29.Sg5+ fxg5 30.Tf3+ Kg8 31.Dxe6+ Kh8 32.Tf7 Ld6 33.Txh7+ Kxh7 34.Df7+ Kh8 35.g3 Ta6 36.Kb1 Lb4 37.f4 gxf4 38.gxf4 1–0

Am Bildschirm nachspielen:


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Magnus Carlsen                                                                     Foto: Jarchov

Beeindruckend fand ich auch, wie er ein paar Runden später den früheren Weltmeister Topalov, der anscheinend meilenweit von seiner früheren Form entfernt ist, mit einer praktischen Eröffnungswahl überspielte:

Carlsen,M (2825) - Topalov,V (2800) [C84]

3rd Pearl Spring (5), 2010
 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0–0 Le7 6.d3(!)

Geht den forcierten Möglichkeiten, die nach 6.Te1 b5 7.Lb3 0-0 aus dem Wege, wie dem Marshall-Gambit nach 8.c3 d5. Früher, beim Blitzen, galt so was wie 6.d3 als „Patzerzug“. Wer so spielte gab zu erkennen, dass er von Theorie keine Ahnung hat. Ich wunderte mich trotzdem jedes Mal, wenn ich gegen so eine „Type“  mit Schwarz blitzte, wie schwer ich mich trotzdem tat. Jedenfalls ist es so, dass Weiß gar nicht erst versucht, einen Vorteil aus der Eröffnung nachzuweisen. Es reicht ihm völlig, eine ordentliche Stellung zu haben, die eher dem Weißen Aussichten einräumt, später doch noch die Initiative zu ergreifen. Nach ein paar indifferenten Zügen von Toppi schnappt sich Carlsen später das Läuferpaar und eröffnet mit f2-f4 den Kampf um Zentrum und Initiative.
b5 7.Lb3 d6 8.a4 Tb8 9.axb5 axb5 10.Sbd2 0–0 11.Te1 Ld7 12.c3 Ta8 13.Txa8 Dxa8 14.d4 h6 15.Sf1 Te8 16.Sg3 Dc8 17.Sh4 Lf8 18.Sg6 Sa5 19.Sxf8 Txf8 20.Lc2 Te8 21.f4 Lg4 22.Dd3 exf4 23.Lxf4 Sc4 24.Lc1 c5 25.Tf1 cxd4 26.cxd4 Dd8 27.h3 Le6 28.b3 Da5 29.Kh2 Sh7 30.e5 g6 31.d5 Sxe5 32.dxe6 1–0 
Alles wirkt kraftvoll, aber ebenso einfach wie verständlich. 

Am Bildschirm nachspielen:

Mittwoch, 01 Dezember 2010 00:07

Medienrummel um Marc Lang

Alle Achtung: das hat Marc Lang gut gemacht! Der Blindschachspezialist ist in unzähligen Medien präsent. Etliche regionale und einige überregionale Blätter wurden auf das außergewöhnliche Thema aufmerksam und berichteten vom Reihenspiel ohne Spielsteine.

Das Medium Radio vertrat das „Schwabenradio“ (SWR 4, immerhin!), welches gleich zwei Beiträge sendete, einen davon am Sonntagmorgen direkt nach geschlagener Schlacht. radio

Und sogar das Fernsehen zeigte Schach. Im SWR wurden dem außergewöhnlichen Anlass rund 5 in der Landesschau eingeräumt.

http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=5940412http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=5940412

Um das Ganze noch mal kurz zusammenzufassen. Lang war bereits Deutscher Rekordhalter in der Blindsimultandisziplin, am Wochenende hat er seine eigene Bestmarke nun auf 35 Bretter hinaufgeschraubt. Eine Wahnsinnstat, doch damit nicht genug. Dies soll nur eine Durchgangsstation sein; im nächsten Jahr will er sich an 46 Gegner herantrauen, was eine Verbesserung des offiziellen, noch von der Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg herrührenden Weltrekords von Miguel Najdorf bedeuten würde. Najdorf wollte damit einst die Aufmerksamkeit der Welt auf sich lenken in der Hoffnung, von seinen in Polen zurückgebliebenen Angehörigen Lebenszeichen zu erhalten. Die Hoffnung, die Lang lenkt, ist eine, die uns alle umtreibt: die, Schach populärer werden zu lassen und von der Öffentlichkeit wahrgenommen und geschätzt zu werden.

Für das Schach hat er beste, nämlich durchweg positive Werbung betrieben und dafür sind wir dankbar.

werbung

Es braucht scheinbar eine verrückte Idee, um die Aufmerksamkeit der Medien zu erreichen. Wenn tausende Schachspieler aus aller Welt irgendwo in Sibirien zur Schacholympiade zusammenkommen, dann ist das der Presse kaum einen Einspalter wert. Auch Kämpfe zwischen Großmeistern, selbst wenn es um die Weltmeisterschaft geht, verlieren schnell an Reiz. Es muss schon aberwitzig und wider der Natur sein, wenn man die Medien zum Atufhorchen bewegen will.

Wir wollen nicht anfangen, über Sinn und Unsinn solcher Jahrmarksszenerien nachzudenken. Wohl muss man nicht verrückt sein, um sich einem solchen kräftezehrenden Ringen auszusetzen, aber vielleicht können durch die enorme Anspannung der geistigen Kräfte die Sicherungen durchbrennen. Schon Tarrasch hat solcherlei gemutmaßt, jedenfalls ist eine gute Physis wie eine starke Psyche vonnöten.

Zudem ist es wichtig, eine Utopie zu haben und das Durchhaltevermögen, diese dann umzusetzen. Bei Lang vereinen sich glücklicherweise ein paar  günstige Eigenschaften. Unabdingbar ist sein Talent für solche Blindsimultanvorstellungen. Aber der Rummel um seine Person wäre nicht so groß, wenn er nicht als dieser „Normalo“ rüberkommen würde: der fürsorgende Familienvater von nebenan, unkapriziös, weder abgehoben noch arrogant. Keiner der üblichen Psychopaten, als die die Schachspieler ansonsten in Wort und Bild immer dargestellt werden, weder der zerstreute Professor noch der egozentrische Machtmensch, der das Ego der Gegner zertrümmern will. Einer von uns mit einer kleinen, wenngleich faszinierenden Begabung. So also kann man die Medien für sich einnehmen, auch wenn man es gar nicht will. Denn wenn er geahnt hätte, wie viele Anrufe er bekommen würde und wie viele Interviews Arbeitsplatformer führen müsste, hätte er sich vielleicht doch lieber diskret im Hintergrund gehalten, so Lang. Bescheiden eben, aber sicher auch mit einer ordentlichen Prise Koketterie durchzogen. Um einen lustigen Spruch ist der gebürtige Ditzinger selten verlegen. Unterhaltsam schreiben kann er übrigens auch, man sehe die Artikel auf seinem Blog:   http://www.schach-sontheim.de/blindsimultan/blog

Nicht zu vergessen ist die gewichtige Rolle, die der Schachklub Sontheim/Brenz bei der Realisierung der Veranstaltung spielte. Der Verein und seine Führung gaben Langs verrückter Idee volle Rückendeckung und setzten sich engagiert für das Gelingen des Ganzen ein. Und der Aufwand, der hierfür betrieben wurde, war sicher kein geringer! Hier noch der Hinweis auf die Homepage dieses umtriebigen Vereins auf der Ostalb, gerade am Rande von Baden-Württemberg: http://www.schach-sontheim.de/

Nichtsdestotrotz war die Provinz (Sontheim hat kaum mehr als 5000 Einwohner) für ein Wochenende der Nabel der deutschen Schachwelt. Herzlichen Glückwunsch und viele Grüße in meine alte Heimat!

Freitag, 26 November 2010 03:21

FIDONIA Forever

Iljumschinow klebt an der Macht. Wie zu befürchten war wurde der FIDE-Boss in seinem Amt bestätigt. Die vereinigten Herausforderer um Karpow blieben letztlich chancenlos.

Beim FIDE-Kongress anlässlich der Olympiade zu Chanty-Mansijsk im letzten Monat offenbarte die Führungsriege wieder mal ihr wahres Gesicht. Wie ein außerirdischer Heilsbringer regiert Iljumschinow seinen Operettenstaat, verteilt generös Geschenke an fragwürdige Delegierte von Kleinststaaten, lässt Kritiker mit Zwischenrufen einschüchtern und Mikrophone abschalten, wenn ein Vertreter der Gegenpartei sich mal bis zu einem solchen durchgeboxt hat. Ein Mummenschanz –  grotesk und beinahe lustig anmutend. Man fühlt sich an „Die Marx-Brothers im Krieg“ erinnert. Da hieß das Konstrukt, das es zu retten gab, übrigens Freedonia. Jetzt ist es die korrupte Fideführung, die ihren maroden Kahn durch den Morast stochert. Das Lachen bleibt einem im Halse stecken und wird zur ohnmächtigen Wut, wenn man noch mal die Geschehnisse rekapituliert und zum Beispiel Dirk Jan ten Geuzendams Artikel zum Thema in New in Chess liest.

Ein respektabler Mann wie Professor Robert von Weizsäcker, der Begriffe, Inhalte und Umgangsformen einer Demokratie quasi mit der Muttermilch aufgesogen hat, ist solcherlei Tiefschlagstrategien nicht gewohnt; kein Wunder, dass er, hilflos inmitten von Feinden im sibirischen Niemandsland, einen Schwächeanfall oder etwas Vergleichbares erlitt. Über die genaueren Umstände kann nur spekuliert werden.

Die Zukunft des organisierten Schachs sieht alles andere als rosig aus und mit einem Stimmungsumschwung in absehbarer Zeit ist nicht zu rechnen. Der Nabel des Schachs wird weiter gen Osten verlegt werden. Es sei denn, Iljumschinow würden aus welchen Gründen auch immer die Moneten ausgehen, mit denen er seine Getreuen bei der Stange hält. Oder es wird ihm irgendwann zu lästig, dass ihn dauernd gierige Parteigänger umschwirren wie Motten das Licht. Sein persönlicher Trost an den unterlegenen Karpow war (laut NIC, 7/2010) „…you are lucky that you don`t have to work with these people who want to take your money all the time.”

Na dann prost Fidonia, freuen wir uns auf weitere Possenspiele in Nachthemd und Zipfelmütze!

http://www.youtube.com/watch?v=j5lU52aWTJ