Von IM Dirk Schuh!

Wer schon die eine oder andere Rezension von mir gelesen hat, weiß um meine Launen, wenn es um die Eröffnungsphase geht. So spiele ich nach 1.e4 manchmal längere Theorievarianten, unter anderem in den offenen Spielen nach 1. ...e5 oder diversen sizilianischen Abspielen nach 1. ...c5, bin aber auch für allerlei seltenere Systeme empfänglich. Mir gefallen dann vor allem frühe Springerzüge sehr. Neben dem etablierten 1.e4 Sf6, von dem ich viel halte und das mir trotz schlechter Form immerhin eines meiner wenigen Bundesligaremisen einbrachte, packe ich dann auch gerne 1.e4 Sc6 aus.

Die Nimzowitschverteidigung wird aus mir unerfindlichen Gründen extrem selten gespielt und begleitet mich als Überraschungswaffe bereits seit über 20 Jahren. Nun gibt es mit "The Modernized Nimzovich Defense 1.e4 Nc6" von Großmeister Christian Bauer aus dem Hause Thinkerspublishing ein neues Werk zu dem Thema. Der Autor spielt diese Variante selbst, weiß also, wovon er schreibt.
Er schätzt, wie er zugibt, Stellungen, die nicht so gut erforscht und recht flexibel sind. Die Nimzowitschverteidigung kann in dem Bereich gut überzeugen. In vielen gut kommentierten Modellpartien zeigt er sehr gut die Ideen, die Schwarz nach den Abspielen nach 1.e4 Sc6 haben kann. Dabei wird kein enges Eröffnungsrepertoire, sondern eher ein Potpourrie aus verschiedenen Strukturen und Möglichkeiten geboten, bei denen Schwarz die Partie oft in die Stellungen lenken kann, die ihm gefallen.

bundesarchiv bild 102 14194 emanuel lasker
Spielte noch selbst gegen den Namensgeber von 1...Sc6: Chief Lasker

Nach 1.e4 Sc6 2.d4 beginnt es bereits, da Schwarz sowohl den klassischen Nimzowitschzug d5 wählen oder mit e5 im Zentrum gegenschlagen kann. Nach ersterem kann 3.e5 Lf5 zu einer interessanten Blockadestellung führen, in der Schwarz häufig eine Französischstellung mit einem guten weißfeldrigen Läufer erreichen kann.
3.Sc3 kann nach e6 direkt in ein Abspiel der Französischen Verteidigung übergehen, das im Buch nicht näher erläutert wird, man kann aber auch mit 3. ...dxe4 4.d5 Sb8 5.Sxe4 c6 ganz schnell eigene Wege beschreiten, die GM Bauer analysiert, oder nach 3. ...Sf6 4.e5 Sd7 5.f4 Sb6 6.Sf6 Lg4 wieder eine blockiertere Stellung anstreben, in der Schwarz versucht, erst den weißfeldrigen Läufer zu aktivieren, ehe er mit e6 eine Französische Struktur baut. 3.exd5 Dxd5 riecht hingegen sehr Skandinavisch!

Nach 1.e4 Sc6 2.d4 e5 hingegen landet Schwarz nach 3.Sf3 in den offenen Spielen, hat aber natürlich viele Weißvarianten ausgespart. Nach 3.d5 Se7 kann Schwarz früher oder später auf den Hebel f5 spielen und am Königsflügel angreifen und nach 3.dxe5 Sxe5 4.Sf3 wird die Stellung wieder offener, aber auch schnell unerforscht. Dieses Abspiel ist in den Augen des Autors allerdings recht kritisch und etwas besser für Weiß, auch wenn das in der Praxis der meisten Spieler wohl kaum eine Rolle spielen wird.

Ein wenig problematisch finde ich persönlich für Schwarz die Variante nach 1.e4 Sc6 2.Sf3. Objektiv am besten ist hier wohl der Übergang in die offenen Spiele nach 2. ...e5, aber das ist etwas unkreativ. Im Blitzschach vertraue ich auf das Colorado Gambit nach 2. ...f5, das in dem Buch leider keine Erwähnung findet. Stattdessen werden die Züge 2. ...Sf6 und 2. ...d5 ein wenig unter die Lupe genommen.

Nach 2. ...Sf6 3.e5 kann Schwarz entweder mit Sd5 in eine seltene Variante der Aljechinverteidigung übergehen, die ich ganz nett finde, oder sogar 3. ...Sg4 spielen, das nach 4.d4 d6 5.h3 Sh6, das zu sehr eigenem Spiel führt. Beides wird aber nur sehr kurz abgehandelt. 2. ...d5 mit einem Übergang in eine seltene Skandinavische Verteidigung findet GM Bauer noch ganz ok, aber seine Hauptempfehlung ist hier 2. ...d6 3.d4 Sf6 4.Sc3 g6 mit dem Übergang in eine Art Pirc-Verteidigung. Das Chamäleon hat wieder zugeschlagen! Für Schwarz spricht hier aber, dass die gefährlichsten Pircabspiele solche mit f4 oder f3 sind und Weiß sich schon auf Sf3 festgelegt hat.

Nimzo Christian Bauer

Insgesamt kann sich der Leser hier selbst ein schönes Schwarzrepertoire nach 1.e4 Sc6 basteln, wobei Vorkenntnisse in den offenen Spielen, der Französischen Verteidigung oder allgemein Blockadestellungen, der Skandinavischen Verteidigung oder auch der Pirc-Verteidigung sicher sinnvoll sind, um die flexible Nimzowitschverteidigung optimal zu beherrschen.

Man kann sich die Ideen aber auch von GM Bauer erklären lassen und dann eigene Schlüsse ziehen. Ich denke, dass das Buch ab 1700 DWZ für jeden Leser verständlich sein sollte. Man sollte allerdings hier und da später vielleicht etwas nacharbeiten, da durch die Fülle an Ideen auf nur 261 Seiten einige Oberflächlichkeiten in den Variantenbäumen aufkommen. In den wichtigen Abspielen bekommt man als Leser aber ein gutes Rüstzeug geliefert, um mit Schwarz einige Punkte zu sammeln!

IM Dirk Schuh, November 2020

Christian Bauer, The Modernized Nimzovich Defense bei Schach Niggemann (wir grüßen ins Münsterland!)

 

Anmerkung der Redaktionsassistenz:

Wir umranken diese Rezension mit drei kämpferischen Partien der jüngeren Schachgeschichte - eine aus dem Wirken von IM Dirk Schuh, eine Weitere von IM Christoph Scheerer (früher Wisnewski), der zu 1...Sc6 ebenso wie GM Christian Bauer ebenfalls ein bemerkenswert schönes Buch geschrieben hat, sowie eine Dritte aus regionalem Anbau.

 

Montag, 25 Januar 2021 13:17

DSOL- Auftakt: Her mit dem Pokal!

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Am vergangenen Montag war es endlich soweit – hunderte SchachspielerInnen scharrten landauf, landab mit ihren Computermäusen, bereit für den ersten Zug an den virtuellen Schachbrettern der Deutschen Schach-Online-Liga.

Was folgte, waren 200 intensive, hakelige Mannschaftskämpfe mit Teams aus allen Ecken des Landes zwischen Flensburg, Füssen, Forst und Fölk Völklingen.

Am Brett dabei die Großen unseres Spiels, Lichtgestalten, ELO-Riesen, allein die SF Deizisau versammelt vier Nationalspieler in ihrer Entourage – das macht sie sicherlich zu dem Favoriten der DSOL 2.0.

Mit den SF Berlin, dem FC Bayern, dem SK Zehlendorf, der SG Solingen, dem ruhmreichen Hamburger SK, Werder Bremen, der SG Porz und! dem SC Tigerli PP Aachen sind weitere wohlklingende Namen im Rennen.

(Und wo wir bei reizvollen Namen sind: Grüße natürlich auch an die SG BiBaBo Leipzig in Liga 7B!)

Weiterlesen bei Chessbase.de

Mittwoch, 20 Januar 2021 19:54

Abschied von FAKE NEWS ?!

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Der Großmeister der „FAKE NEWS“ und Selbstüberhöhung Donald Trump ist nun als Präsident vorerst einmal Geschichte. Im Trump Tower in New York gab es schon ein paar Schachveranstaltungen, beispielsweise die Viertelfinali des Kandidatenturniers für die Schachweltmeisterschaft 1995. Damals so wird gemunkelt sollte Trump gesagt haben, dass er in ein, zwei Jahren sicherlich auf diesem Niveau spielen könnte, wenn er denn wollte. Aber was hat das mit Schach zu tun? Nun es gibt auch in der Schachwelt so einige FAKE NEWS, die sich hartnäckig halten und gepflegt werden.

Mehr Partieverläufe als Elementarteilchen im Universum

Schon mit der Reiskornlegende kamen gigantische, ja astronomische Zahlen ins Spiel und viele Schachfreunde haben eine große Freude diese unglaublichen Zahlen noch extra überhöhen zu müssen und begehen dabei zwei Denkfehler. Erstens ist es nicht wirklich redlich etwas möglicherweise Unendliches wie das Universum mit etwas Endlichem zu vergleichen. Schach wird auf einem endlichen Brett mit einer endlichen Anzahl von Figuren gespielt und egal wie astronomisch die Zahlen auch werden, sie sind endlich. Der zweite Denkfehler ist, dass nicht die Spielverläufe das Thema sind, sondern die möglichen legalen Schachstellungen. Auch hier bewegen wir uns in astronomischen Dimensionen, denn es sollten 10^43 legale Schachstellungen existieren. Der Streit ob Schach jemals berechenbar wird, bewegt die Schachwelt seit dem Eintritt der Computer intensiv.

Fangen wir klein an: ein Tag hat 86.400 Sekunden und ein Rechenmonster wie Deep Blue schafft 200 Millionen Stellungen pro Sekunde. Das sind um die 10^13 Stellungen am Tag, in einem Jahr dann 10^15. Wäre gleichzeitig mit dem Urknall Deep Blue entstanden und würde seit damals ununterbrochen rechnen, so wären fast 10^26 Stellungen berechnet. Viel, verdammt viel, aber schauen wir uns die Zahlen – und außer Konkurrenz zuerst die Zahl der bereits berechneten 7-Steiner Tablebasestellungen als Voreinordnung der Dimensionen:

423.836.835.667.331
87.102.432.000.000.000.000.000.000
10.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000

als Diagramm an:

2021fakenews01

Das wären dann wie im Exceldiagramm sehr grob gerundet 0% - oder um die 8,7^-16 Prozent für jene, die auf genauere Zahlen schielen möchten - der möglichen 10^43 Stellungen. Zusätzliche Übertreibungen sind wirklich absolut unnötig ? „So big – so sad“

Dem Schach droht der Remistod

Auf diese FAKE NEWS oder soll ich besser sagen auf dieses Märchen sind schon Weltmeister und viele Weltklassespieler hineingefallen und mit ihnen massenhaft Schachfreunde aus aller Welt. Nun es gilt für jede Schachstellung, dass sie entweder gewonnen, verloren oder remis ist. Definitiv wissen wir Menschen nur für sehr wenige Stellungen, aber selbstverständlich gilt dies auch für die Grundstellung.

2021fakenews02 

Da die Annahme, dass die Grundstellung REMIS ist, nach heutigem Wissenstand die wahrscheinlicher ist als dass Weiß oder Schwarz gewinnt, kann man seriöser Weise meinetwegen von einer Remisgeburt sprechen, aber der Remistod ist definitiv FAKE NEWS.

Gewinnen aus eigner Kraft

Diese FAKE NEWS wird ebenfalls von der Grundstellung schonungslos aufgedeckt. Da die Bewertung einer Stellung vorgegeben ist und nicht verändert werden kann, muss es mindestens einen Zug geben, der dieses Ergebnis weitervererbt. Aus bitterer eigener Erfahrung wissen wir aber, dass es relativ leicht ist, durch einen Zug eine Stellung herzustellen, die schlechter bewertet ist. Wer hat nicht schon Gewinnstellungen ins Remis oder gar in den Verlust verdorben. Theoretisch unmöglich ist es aber mit einem Zug eine bessere Stellungsbewertung (1,0 oder =) zu erzielen. Eigene Kraft ist purer Nonsens – weder der stärkste Mensch noch ein Supercomputer können beispielsweise aus einer Remisstellung heraus einen Gewinnzug finden – das ist einfach theoretisch unmöglich! Eigene Fehler sind die unangenehme Realität für uns Menschen und auch die heutigen Maschinen sind nicht unfehlbar, das sollten wir auch nicht vergessen, obwohl die schon teuflisch stark sind. Die gute Nachricht für uns Menschen ist, dass wir Unfehlbarkeit nicht erreichen können und daher noch lange Freude am Schach haben werden, auch wenn die Maschinen schon lange nur mehr Remisen gegeneinander schieben.

Schwarz muss sich zuerst um Ausgleich bemühen

Da wird es bei einigen schon Klick machen – Ausgleich? Richtig Schwarz hat schon Ausgleich egal mit welchem Zug Weiß die Partie beginnt. Natürlich hat Weiß ein Mehrtempo aber verloren ist Schwarz dadurch nicht. Auch wenn in der Praxis Weiß um die 55% der Punkte holt, braucht man keine Aversionen gegen Schwarz entwickeln. Die Partie ist ausgeglichen und kann nur durch Fehler aus diesem Gleichgewicht gekippt werden – aus menschlicher Sicht sind Fehler mit Schwarz ein wenig wahrscheinlicher oder leichter zu machen.

Die Stellung ist unklar

Nun das ist ein klarer Fall von FAKE NEWS – jede Stellung hat genau eine Stellungsbewertung (1,0 oder =), da existieren keine Unklarheiten nur Unwissenheit unserseits – gemein irgendwie.

Der beste Zug

Das ist ein sehr schwieriges Thema. Wir wissen nun ja, dass wir mit einem Zug maximal die bereits feststehende Stellungsbewertung (1,0 oder =) weitervererben können – verschlechtern ja, verbessern nein! Verschlechtert sich die Stellungsbewertung (1,0 oder =) so ist der Zug objektiv schlecht, wobei er aber praktisch durchaus gefährlich sein kann. Jene Züge die weitervererben sind theoretisch gleichwertig, praktisch gibt es aber doch viele Unterschiede. Wieder so ein Beispiel wo sich Theorie und Praxis ein wenig auf die Füße steigen. Den „besten Zug“ gibt es wohl nicht, aber den besten Zug in dieser Situation und gegen diesen Gegner zu diesem Zeitpunkt … das könnte existieren.

Wir brauchen neue Schachformen – 960er, ohne Rochadeschach, …

FAKE NEWS in reinster Form!! Wir haben mit klassischem Schach ein Spiel, dass beiden Seiten in der Praxis gute ähnlich gleiche Chancen bietet. Weiß erreicht 55% der Punkte – das liegt nicht so weit weg vom theoretischen Wert 50% - diese Voraussetzung müssen die anderen Schachvariationen erst einmal nachweisen. Und Schach ist für uns Menschen immer noch kompliziert genug – denken wir an das kreative Spiel von Dubov oder an die aktuellen Schlachten von Caruana gegen Duda und Tari gegen Firouzja beim Tatasteelchess in Wijk.

Was wir wirklich brauchen, ist uns die Angst vor dem Verlieren zu nehmen, denn diese treibt uns zu unattraktivem Schach, falschem Ehrgeiz und damit einige leider auch zum Cheating! Verabschieden wir uns von unnötigen FAKE NEWS, Übertreibungen usw. und erkennen wir, dass noch niemand eine Schachpartie gewonnen hat, ohne dass ein anderer diese verloren hätte. Verlust und Gewinn sind untrennbar miteinander verbunden. Also erfreuen wir uns am Spiel, am Wettkampf, an der Spannung, … und nicht an den Elopunkten!!

2021fakenews03

Kommen wir zu einem der schlechtesten Verlierer aller Zeiten – und hoffentlich kein Vorbild mehr für die nachkommende Schachgenerationen – Donald Trump zurück, der statt versöhnlicher Worte zum Abschied lieber drohte:

"We will be back in some form" – das gilt leider wohl auch für FAKE NEWS.

Mittwoch, 13 Januar 2021 09:07

Endspielmagie - Studien für die Praxis (Folge 02)

geschrieben von

Von Dr. Oliver Höpfner, Bremen

Nach der ersten Folge der kleinen Kolumne „Endspielmagie - Studien für die Praxis“ soll diese Artikelserie nun fortgesetzt werden.

Vorgestellt werden sollen dabei gemäß dem Credo des früheren Trainers der Schachabteilung von Werder Bremen Claus Dieter Meyer (1946 – 2020) – von allen nur C. D. genannt – Studien, die auch eine gewisse Praxisnähe haben.

Wie schon in der ersten Folge der Kolumne kurz ausgeführt, war C. D. ein großer Freund der praxisnahen Studien des französischen Schachmeisters und Studienkomponisten russischer Herkunft Alexei Sergejewitsch Selesnjow (1888 – 1967).

Selesnjow
Alexei Selesnjow (1888 - 1967)

Studien von Selesnjow verwendete C. D. deshalb auch regelmäßig in seinen Trainingsstunden. So daher auch die folgende Studienkomposition von Selesnjow aus dem Jahr 1912.

Sie zeigt – ebenso wie die erste Aufgabe dieser Kolumne – ein Turmendspiel. In diesem materiell völlig ausgeglichenen Endspiel spielen allerdings ganz andere Motive eine Rolle als in der ersten Aufgabe. Nun sind also die LeserInnen am Zug.

Selesnjow 2 Diagramm

Schwarz scheint in der Diagrammstellung – mit seinem aktiven König und seinem gut positionierten Turm hinter dem weißen Freibauern – sogar ein wenig besser zu stehen. In Wahrheit ist es aber der Anziehende, der diese Position mit präzisem und kreativem Spiel für sich entscheiden kann. Viel Spaß bei der Lösung der Aufgabe.

Dienstag, 05 Januar 2021 12:05

Spartak on tour: IM Titel in Aarhus!

geschrieben von

von (so gut wie) IM Spartak Grigorian

Einmal mehr bekam ich in einem sonst so mauen Turnierkalender die Gelegenheit ein Turnier am richtigen Brett zu spielen. Das GM-Turnier in Aarhus, organisiert im ortseigenen Chess-House der zweitgrößten Stadt Dänemarks, war in der Vergangenheit ein erfolgsversprechendes Pflaster für Werderaner.
So erzielten Bundesligaspieler Martin Zumsande sowie unser Coach Jonathan Carlstedt, der mir die Teilnahme ermöglichte - vielen Dank noch mal an dieser Stelle! - jeweils eine GM-Norm in Aarhus. Voller Zuversicht, meine letzte IM-Norm dort zu verwirklichen, bin ich dementsprechend die Reise angetreten.

Sicherheitshalber machte ich mich schon einen Tag vor Turnierbeginn auf den Weg nach Aarhus, da ich während Schachreisen schon die eine oder andere lange Grenzkontrolle auf mich nehmen musste. Um die Grenze überqueren zu dürfen, war ich verpflichtet, einen negativen Corona-Test und die offizielle Turniereinladung mit im Gepäck zu haben.
Angekommen an der Grenze verlief die Kontrolle nicht nur überraschend zügig, auch enttarnte sich der Grenzkontrolleur in unserem kurzen Gespräch als ehemaliger Schachspieler. Bei offenem Autofenster und kalten Außentemperaturen bekam ich seine abenteuerliche Geschichte zu hören, wie er als Startnummer 80 den Erstgesetzten des Turniers bezwingen konnte. Erfrischt ging es dann weiter in den Norden, nach Aarhus.

Angekommen begegnete ich zum Turnierbeginn den Favoriten und aus Aarhus stammenden GM Jesper Thybo. Schon vor drei Monaten hatten Jesper und ich das Vergnügen, eine sehr spannende Partie in Innsbruck zu spielen, mit dem glücklicheren Ende für mich.
Dieses Mal konnte ich keinerlei Initiative erlangen, kam nicht mal zur Rochade und gab nach 28 Zügen auf. Kein optimaler Start, doch die Erkenntnisse aus dieser Partie waren für den weiteren Turnierverlauf sehr wichtig. Ich muss meine Figuren besser koordinieren und noch viel wichtiger, schneller rochieren!

In den beiden darauffolgenden und richtungsweisenden Partien für mögliche Normen konnte ich aus den Lehren der ersten Runde und der daraus resultierenden besseren Figurenharmonie 1,5 Punkte erzielen.

Spartak Grigorian - IM Filip Boe Olsen 1–0

Spartak Bericht 1 
 

GM Jonas Bjerre - Spartak Grigorian ½–½

 Spartak Bericht 0


Nach drei Runden stand ich bei 50% und begegnete bereits zwei von drei GMs – alles noch möglich. Entschlossen konnte ich in der nächsten Partie gegen WFM Ellen Fredericia Nilssen einen schönen Angriffssieg erzielen. Meines Erachtens nach hat Ellen die beste Partie des Turniers in Runde 9 gespielt hat.

Deutlich schwieriger wurde es in den Runden 5 bis 7. Alle drei Partien hatten einen ähnlichen Verlauf. Trotz nicht optimal gespielten Mittelspielen schaffte ich nach langen Bemühungen, die Partien in ausgeglichene bzw. unklare Endspiele zu führen.

Während ich in Runde 5 gegen FM Jens Ramsdal ein extremes Risiko eingegangen bin und dafür belohnt wurde, hatte ich in Runde 6 großes Glück. GM Henrik Danielsen führte seinen 40. Zug, trotz mehr als fünf Minuten auf der Uhr, nicht aus.
Das Endspiel in Runde 7 war nach der Zeitkontrolle sicherlich vorteilhafter für die starke Schweizerin WIM Lena Georgescu. Allerdings spürte ich im weiteren Verlauf, dass sie überhaupt keine Gewinnversuche unternimmt. Zwar hatte ich an mehreren Stellen die Möglichkeit, Züge zu wiederholen, dennoch probierte ich in nachteiliger Stellung einen interessanten Gewinnversuch - mit Erfolg. IM-Norm sicher!

FM Jens Ramsdal - Spartak Grigorian (Runde 5)

Spartak Bericht 1

51.Kf5 Kg7 52.Rg6+ Kf7 53.Rf6+ Ke8 [Der sehr riskante Versuch auf Gewinn zu spielen. Bereits bei 50...a5 hatte ich das Figurenopfer geplant. Während ich das Opfer berechnen konnte, waren mir die Varianten nach 54. Ke6! unklar] [53...Kg7 erlaubt die Zugwiederholung] 54.Ke6! [54.Nc7+ Ke7 55.Nxb5? Rf1+–+] 54...Kd8 55.Kd6 a4 56.Kxc5 a3 […] 85. 0–1

Aber wie der Name des Turniers schon andeutet, es gibt mehr als nur eine IM-Norm zu holen. Nächster Angriff - GM-Norm!

norisko
No risk-o, no fun-o - auch bei Normtunieren ist das so  (Foto: OSt)

Um diese zu erlangen, brauchte ich noch 1,5 Punkte aus den zwei verbleibenden Partien. Runde 8 war demnach eine enorm wichtige Partie für mich, zum einen war ich Favorit und zum anderem meine letzte Weiß Partie.
Meine Eröffnungswahl brachte meinen Gegner schon nach fünf Zügen an die Grenzen seiner Theoriekenntnisse. Drei Züge später beging er einen Fehler, der mir 2017 auch widerfahren ist. Den Mehrbauern konnte ich sicher zum vollen Punkt verwerten.

 SpartakBericht 2
 

Wie schon beim CD Meier Gedenkturnier brauche ich in der letzten Runde mindestens ein Remis. In einer zweischneidig angelegten Partie überspielte ich meinen Gegner mit dem Minoritätsangriff am Damenflügel, kennzeichnend für die Richter-Rauzer-Variante im Sizilianer.

Mit sechs Siegen in Folge stand ich demnach bei 7,5/9 Punkten und überfüllte die IM-Norm um zwei Punkte, die GM-Norm um einen halben Punkt. Ein weiteres Turnierhighlight ist der sehr leckere Kaffee gewesen, den ich jetzt schon vermisse und welcher wahrscheinlich mein gutes Abschneiden erklärt. ;)

Kaffee Meisterkaffee
Die Marke für junge IMs ...  (Foto: OSt)

Großes Dankeschön an die Organisatoren und Helfer aus Aarhus, ein wirklich großartiges Schachturnier mit optimalen Spielbedingungen in familiärer Atmosphäre.

Danken möchte ich auch Werder Bremen, insbesondere meinem Trainer Alexander Markgraf. Aber auch meinem ehemaligen Schachklub Wildeshausen und ersten Trainer Jens Kahlenberg, die mich bis zum heutigen Tage unterstützen. Alex und Jens begleiten mich schon seit über zehn Jahren und haben einen großen Einfluss auf meinen Werdegang.

Ergebnisseite Chess House Aarhus 2020

Samstag, 02 Januar 2021 09:45

Spiel um Platz 3: Heute morgen live!

geschrieben von

Im Spiel um die Weltherrschaft Platz 3 des Werdertiger Cup 2.0 treten am heutigen Samstagmorgen an:

Stephan Buchal - Collin Colbow

Die beiden Werderaner erweisen sich mit ihrer Terminansetzung als frühe und furchtlose Vögel, denen auch die allerfrüheste Uhrzeit schachlich keine Steine in den Weg zu legen vermag. Beeindruckend, mehr als!

Gespielt wird ab 10 Uhr auf dem Playchess-Server unseres Vertrauens, in der Werderlounge.

Und wir übertragen auf dem altbewährten Twitch-Kanal der Werdertigers. Schaut vorbei und sendet einen Gruß, wir freuen uns!

Donnerstag, 31 Dezember 2020 08:34

The Danny Gormally Show

geschrieben von

Bye bye 2020 - hello 2021. Ein schweres Jahr liegt hinter uns, schräg und belastend wie lange nicht, und wir können nur hoffen, dass in den nächsten Monaten Licht am Ende des Corona-Tunnels aufscheinen wird.

Und selbst dann ist noch nicht alles wieder gut - denn parallel oder im Anschluss harren unser weitere herkulische Aufgaben, sei es das prophylaktische Retten der Welt nun endlich mal, oder die enorme Kraftanstrengung, die eigene ELO/ DWZ mal wieder nach oben zu biegen.


Gewinnen kann ganz schön sein - hier in einem wilden Video, zuerst gesehen bei den hochgeschätzten Kollegen von den Bodenseeschachperlenfischern

Bis es aber soweit ist mit dem neuen Jahr, können wir uns eigentlich noch ein wenig zurücklehnen und den heutigen Silvestertag genießen.
Berliner essen, das Luftsachen Masters gucken (zusammen mit Magnus Carlsen, der ja schon im gestrigen Viertelfinale von Daniil Dubov stilvoll verabschiedet wurde), Sekt kaltstellen.
Und vielleicht einen Blick werfen auf das wunderbare Kleinod der Danny Gormally Show, in der der britische Großmeister seine Berufskollegen liebevoll porträtiert und tja, wie das so ist, ein paar ihrer Eigenheiten spiegelt. Eine sehr schöne Parodie, es geht langsam los und wird dann noch immer besser.

The Danny Gormally Show! Und - guten Rutsch ins neue Jahr!

 

Dienstag, 29 Dezember 2020 09:14

Grigorian - Carlstedt im Finale: Tonight's the night!

geschrieben von

Finale, und sogar ein Finale dahaom, denn alle sitzen wir ja nach wie vor im Hoamoffice. Möge der Lockdown bald vorüber sein, und Corona sowieso!

Bis es aber soweit ist, müssen wir alle wohl noch ausdauernd Online-Schach spielen. Zwei, denen dies aktuell und auch sonst besonders gut von der Hand geht, treffen sich am heutigen Abend zum großen Endspiel des Werdertigers-Cup 2.0:

Jonathan Carlstedt! - Spartak Grigorian!

spartak chess house 
Den IM-Titel frisch mitgebracht aus Dänemark: Spartak beim Chess House Turnier in Aarhus (Foto: Mads Boe)

Carlstedt Werderstadion
Der Coach in seinem Wohnzimmer: Jonathan Carlsenstedt (Foto: André Colbow)

Beide haben seit der Vorrunde dieses weltweiten Turniers alle/ alles aus dem Weg geschaufelt, was Rang oder zumindest Namen hatte:

Vorrunde

Jonathan Carlstedt - Alexander Bräutigam 6 - 0 (puh!)
Jonathan - Daniel Elias Ochs 6- 1
Spartak - Holger Burhhart 6 - 1

Achtelfinale

Jonathan - Olaf Steffens 6,5 - 0,5 (arrgh)
Spartak - Veaceslav Cofmann 6 - 5

Viertelfinale

Jonathan - David Höffer 6,5 - 2,5
Spartak - Jari Reuker 6,5 - 3,5

Halbfinale

Jonathan - Collin Colbow 6,5 - 3,5
Spartak - Stephan Buchal 6,5 - 3,5

Nun stehen sie im Finale, und in einem letzten Match Best of Werder's Eleven können wir uns heute auf einen wahrlich titanischen Showdown freuen. Der Sieger qualifiziert sich möglicherweise direkt für das Luftsachen-Turnier mit Magnus Carlsen.

Los geht es um 20 Uhr, die Spiele finden statt in der Werdertigers Lounge bei Playchess. Live übertragen und dumm reingeredet wird wie immer bei den Werdertigers live auf Twitch. Kommt vorbei, drückt die Daumen und fachsimpelt mit!


Nicht nur beim Blitzschach gilt: Aufgepasst bei Standardsituationen!

Montag, 28 Dezember 2020 13:11

DSJ-Weihnachtsturnier amoi anders

geschrieben von

Traditionell trifft sich die deutsche Schachjugend zwischen Weihnachten und Neujahr in relativ kleinem Kreis bei den deutschen Jugend-Vereinsmeisterschaften in Magdeburg. Das wurde dieses Jahr, warum auch immer, abgesagt bzw auf "Ende April bis Ende Juni 2021" verschoben. Stattdessen gibt es nun Turniere an einem anderen Ort, nicht ganz klar wo: der Chessbase-Server ist wohl in Hamburg, aber der Turnierleiter stammt aus dem Münchner Bezirksverband. Da durften alle Vereine melden, auch mehrere Mannschaften, und viele taten dies.

"Daten und Fakten" zum U12-Turnier stehen hier, darunter wer alles mitspielte oder mitspielen wollte und auch der Zeitplan. Nur zu ein paar Teams: Welche Schachfiguren haben mitgespielt? Blaue Springer kommen aus Paderborn. Rote Türme fehlten dagegen, auch wenn es diesen Verein in München an der Isar und Halle an der Saale gibt. Der Münchner Verein ist mir ein Begriff: da habe ich mal ein Schnellturnier gespielt - wenn auch keinen Mannschaftskampf. Weisse Damen waren an allen Partien beteiligt, bis sie abgetauscht, eingestellt oder geopfert wurden. Das zweite war wohl häufiger als das dritte, derlei gibt es aber auch unter Weltklassespielern und da heisst es dann "mouse slip". Auch danach spielten sie noch an zwölf Brettern mit Beteiligung eines Berliner Vereins. Doppelbauern waren wohl ab und bis zu einem gewissen Zeitpunkt in einigen Partien vorhanden, durchgehend nur wenn ein Kielär Verein beteiligt war. 

Welche Landesverbände waren beteiligt? Alle, mehr oder weniger. Baden nicht allzu zahlreich, dafür haben sie einen sehr lokalpatriotischen Verein - die nennen sich Baden-Baden. Bayern-Bayern hat dagegen nicht mitgespielt, aber immerhin Bayern München, in anderen Altersklassen hat auch Bavaria Regensburg gemeldet. Es gab noch mehr Fussballer im Turnier, neben Bayern München war auch Werder Bremen vertreten. Hamburger SK im HSV, das war einmal, aber auch sie haben mitgespielt. Das Bundesland Preußen gibt es meines Wissens nicht, aber auch Borussia Lichtenberg aus Berlin war mit dabei.

Der stärkste Spieler war sicher Siegbert Tarrasch (Emanuel Lasker war wohl verhindert), daher der Rest des Berichts aus der Perspektive dieses meines Münchner Vereins.

Ein Team hatten wir frühzeitig, kurz vor Meldeschluss zeigten noch zwei weitere Spieler Interesse. Also brauchte ich als Jugendleiter noch zwei für eine zweite Mannschaft, bekam fünf und brauchte noch einen für eine dritte Mannschaft. Es hat geklappt, damit verbundene Turbulenzen kurz vor Weihnachten bleiben - auch wenn andere Münchner Vereine etwas involviert waren - gerne vereinsintern. Danach noch etwas Bürokratie: Formular für Mannschaftsaufstellungen digital ausfüllen, herunterladen, ausdrucken, unterschreiben, einscannen und wieder hochladen. Auch einen Ehrenkodex habe ich unterschrieben. Da muss man u.a. hoch und heilig versprechen, dass man der Jugend ein gutes Vorbild ist betrifft (kein) Doping und (kein) Missbrauch von Medikamenten - Schach ist schließlich Sport! Zunächst konnte ich mich nicht selbst als Mannschaftsführer angeben, da dieser Teil der DWZ-Liste nur auszugsweise erscheint. Aber auch das hat sich geklärt, und dann war zunächst Weihnachten.

Da konnte ich ausschlafen, heute mussten aber alle für Ferienzeiten recht früh aufstehen: Anwesenheitskontrolle um 9:00, und vorher vereinsintern überprüfen ob auch alle da sind. Das war der Fall - die meisten wohl irgendwo in München, zwei Geschwister aus dem Weihnachtsurlaub in Ägypten zugeschaltet. Da ist es offenbar etwa 20 Grad wärmer bei niedrigeren Corona-Fallzahlen. Digitales Multitasking war angesagt: Zoom-Konferenz für das gesamte Turnier, vereinsintern GotoMeeting und noch einige Details per WhatsApp, Email oder telefonisch klären. 

Pünktlich um 9:15 begannen dann die ersten Partien - wie sich schnell herausstellte nicht alle insgesamt zweihundertzwölf Partien. Zwecks Auslosung wurden die Teams übrigens nicht etwa nach DWZ-Schnitt sortiert, sondern alphabetisch. So übernahm zunächst ATSV Oberkotzau die Tabellenführung, musste sie aber direkt an VSG 1880 Offenbach abgeben - die bekamen in Runde 1 das Freilos und gewannen so schnell 4-0. Zugzwang hat wohl nicht bereut, dass sie mit vollem Namen MSA (Münchner Schachakademie) Zugzwang heissen - schließlich will man Schach spielen und nicht kampflos gewinnen. Letzteres schafften aber dann wohl noch einige weitere Vereine. Partien sollen (mit Klarnamen) in die Chessbase-Datenbank aufgenommen werden, einige (1.e4 1-0) sind da nicht allzu aussagekräftig. SK Tarrasch 1945 München spielte so doppelt gegen den bereits erwähnten SC Borussia Lichtenberg, im ersten Fall war das Nummer 15 gegen Nummer 2 laut DWZ-Setzliste. Tarrasch3 traf auf den SC Brandeck-Turm Ohlsbach (wo ist das denn?).

Runde 2 verzögerte sich etwas: erst wiederholte Versuche, Partien doch noch zu starten, dann Meldung fehlender Ergebnisse (in einigen Partien einigte man sich auf kampflose Remisen), dann nochmals Anwesenheitskontrolle - einige Teams hatten sich bereits verabschiedet. Um 11:00 war es dann soweit. Tarrasch1 spielte nun gegen Karlsruhe aus dem Südweschten. Tarrasch2 blieb gegen Kirchseeon im Münchner S-Bahn Bereich, und Tarrasch3 machte sich auf die weite Reise nach Lübeck. Aus Lübecker Kreisen habe ich im Turnierchat erfahren, dass zwei von vier Partien zustande kamen. Ähnlich war es offenbar in einigen anderen Matches, und weitere Teams verabschiedeten sich. Längere Diskussionen, und um 11:45 wurde das Turnier abgebrochen. Gab es derlei bereits? Jaha, im Kandidatenturnier - da wurden immerhin sieben von vierzehn Runden gespielt, nun ein bis zwei (Ergebnisse der zweiten Runde nicht vorhanden) von sieben.

Woran lag es? Meine Theorie: Der Chessbase-Server wurde positiv getestet (nicht auf Stabilität unter diesen Turnierbedingungen), dann verschlechterte sich sein Zustand rapide und nun muss er beatmet werden. Ich wünsche gute Besserung, schließlich soll ab 15:00 das nächste Turnier (Altersklasse U16) stattfinden. Offiziell lag es an der schlechten Internetverbindung der Teilnehmer: wenn sie mal für einige Millisekunden ausfällt meckert das System, und wenn derlei gehäuft vorkommt bricht alles zusammen.

Montag, 28 Dezember 2020 12:03

Hannover All Stars Reloaded

geschrieben von

Grüße, liebe Leute, von zwischen den Jahren. Unser Redaktionsbetrieb ruht ein wenig, der Kaffee ist uns auch ausgegangen, und darum wärmen wir ein paar Kamellen auf, kleine Porträts zur Lage der Welt, von denen in den vergangenen Jahren ja einige über den Äther gegangen sind.

Denn unglaublich ... seit wirklichen 10 Jahren schon bin ich hier mit am Schreibtisch der Jörg-Hickl-geführten Schachwelt, und was war da nicht alles los .. ein neuer Weltmeister hat den Thron bestiegen, ein Verein aus Baden-Baden konnte Deutscher Meister werden, Schachpolitik, Präsidenten, Deutsche Meisterschaften, Schachjugend, WerderBremenBundesliga, und und und.

Zur Feier des Tages, nach zehn Jahren bei der Schachwelt, bietet sich ein Artikel aus dem Jahre 2014 an, mit dem wir unser Nachbarstädtchen Hannover zugleich grüßen (moin!) und würdigen möchten (siehe unten).
Die Zukunft liegt vor Euch, Jungs - und Sieger der Quarantäneliga wart Ihr ja bereits, mit dem HSK Lister Turm. Aller Ehren wert!

Hannover All stars

Als Gott die Welt erschuf, nahm er sich auch etwas Zeit für die Großstadt Hannover. Zentral gelegen inmitten von Hamburg, Berlin, Wuppertal und Walsrode, ist sie seitdem bekannt für guten Fußball, sommerliche Feuerwerkskunst, gutes Wetter, ein schönes Schloss und allerlei mehr, das mir aber im Moment nicht einfällt. Der gesamte europäische Keksausstoß wird von den Hannoveraner Bahlsenwerken bestritten, zudem regiert Erbprinz Ernst-August von Hannover aus das gesamte Bundesland Niedersachsen, oder würde es vielleicht zumindest gerne tun. Rein schachlich, und damit sind wir wieder beim Thema, läuft es für Hannover aber seit langem nicht mehr ganz so prächtig.

Wir kennen zwar alle Ilja Schneider, den berühmten Sohn der Stadt, der einst mit dem HSK Post Hannover alle Ligen des Nordens rockte und zu den kühnsten Hoffnungen Anlass gab. Dann aber, eines Tages, machten verwegene Späher aus Berlin ihre Aufwartung im Hause Schneider und entführten den jungen Meister an die Spree, wo er fortan in der Bundesliga um Punkte spielen musste – weiterhin bei Schachfreunden, aber diesmal in Berlin.

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Hier wird noch so richtig nachgedacht: Ilja Schneider kämpft um den nächsten Punkt

Früher auch war es, noch in der Kohl-Ära, da hatte Hannover sogar einen veritabeln,, handelsüblichen Weltmeister in seinen Reihen –Anatoli Karpov absolvierte für Hannover-Stadthagen diverse Einsätze in der ersten Bundesliga. Ruhm und Ehre für die Stadt! Dann aber verschwand der Verein von der Bildfläche, und Karpov mit ihm gleich mit.

Die Hannoveraner Topklubs tummeln sich derzeit entweder in den zweiten und öfter noch in den dritten Ligen des Landes. Doch wer weiß – vielleicht wird die Stadt bald zu neuer schachlicher Blüte streben? Nur sehr sehr knapp zum Beispiel scheiterte in der vergangenen Spielzeit der HSK Lister Turm am Aufstieg in die 2.Liga, letztlich lediglich ein halber Brettpunkt fehlte für den ersten Platz, und was ist das denn schon, ein einziges Remis!
Da hätte der Bundesturnierdirektor doch mal ein Auge zudrücken können und auch den Zweitplatzierten hochwinken können in die höhere Klasse. (Doch wir kennen das ja schon – auch in Abstiegsfragen gibt es beim Schachbund keine Kulanz.)

 Hannover, meine Liebe! Und überhaupt – was sind das nicht alles für starke Spieler, die sich dort in der Region tummeln? Daraus könnte man glatt eine eigene Bundesliga-Mannschaft formen. Wir schauen kurz genauer hin:

- Ilja Schneider: Zwei GM-Normen bislang, schlug neulich erst Laurent Fressinet am Brett 1 der Liga, leuchtender Stern der SF Berlin, und - ursprünglich aus Hannover

Anatoli Karpov: geboren zwar irgendwo in der russischsprachigen Hemisphäre, doch als temporärer Wahl-Hannoveraner wäre seine erneute Aufstellung im Hannover All-Stars-Team natürlich klar gerechtfertigt. Es fehlt eigentlich nur noch die Freigabe aus Hockenheim.

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Ob man ihn mit Keksen nach Hannover locken kann? Einen Versuch wäre es wert.


- Dennes Abel: amtierender niedersächsischer Meister im 960-Schach, und darüber hinaus ein weiterer Bundesligaspieler, der jetzt zwar in Berlin, in der jüngeren Vergangenheit aber für den HSK Post Hannover spielte. Was ist da in Gange – wie machen die Berliner das? Sind alle Berliner in Wirklichkeit ehemalige Niedersachsen? Vielleicht müssen wir auch bei Robert Rabiega nochmal nachfragen – am Ende kommt er, was ich schon lange vermutete, doch aus Papenburg an der Ems?

Nikolas Nüsken: jung, dynamisch, und ein Hannoveraner Jung´. In Ausübung seines Amtes als Spitzenbrett des HSK Lister Turm erzielte er hochrespektable 5 aus 8 Punkte und unterlag fast nur einmal in der entscheidenden Aufstiegspartie gegen den gefährlichen IM Martin Breutigam aus Oldenburg. Sonst aber, Respekt, Nikolas Nüsken! Immerhin war es ihm als Einzigem vergönnt, den für Turm Lüneburg spielenden Falko Bindrich zu besiegen (Falko holte insgesamt 8 aus 9).

 Jörg Hickl: ein würdiger Großmeister, der durch seine Schach-Trainingsreisen bekannt und in der ganzen Welt zu Hause ist. So steht zu vermuten, dass er sicherlich auch schon einmal in Hannover gewesen ist. Er könnte einem All-Stars-Team als Spieler und qualifizierter Trainer zur Seite stehen, und seine Erfahrung aus dem Schachreisen-Business prädestiniert ihn vermutlich so wie niemand anderen als Mannschaftsführer.

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Schachreisen mit Jörg Hickl - was mehr kann man noch wollen im Leben?

- David Höffer: das Kopfball-Ungeheuer aus Delmenhorst, das, wenn man nicht gut aufpasst, mit 1.Sb1-c3 sofort das Brett in Flammen setzt und auch vor den allerverwegensten kombinatorischen Verwicklungen nicht zurückschreckt. (Das musste auch René Stern einräumen, der bei den Deutschen Blitz-Mannschaftsmeisterschaften von David ausgedribbelt wurde. David wurde dort übrigens fünftbester Spieler am Zweiten Brett.)
Im Fußball nennt man solche Spieler „Knipser“, und was könnte einem All-Stars-Team besseres passieren, als so einen Mann zu den Seinigen zu zählen? David wohnt zwar nicht in Hannover, doch wer tut das schon, und andererseits kennt er eine Menge von Menschen, Sportlern und auch Schachspielern dort in der Stadt. Das sollte doch fürs Erste reichen.

Frank Hoppe: Der Webmaster des Deutschen Schachbundes liebt nicht nur das Schachspielen, nein, auch die Webseite des Verbandes liegt ihm am Herzen. Frank scheiterte vor zwei Jahren knapp an der Nominierung zur Schach-Olympiade in der Türkei und musste dabei Arkadij Naiditsch, Georg Meier und anderen in der Nationalmannschaft nur knapp den Vortritt lassen. Für Hannover aber, da sollte es reichen, und von Berlin nach Niedersachsen ist es ja auch gar nicht so weit. -         

Magnus Carlsen: Hannover gilt ja gemeinhin als norddeutsche Großstadt (auch wenn sie aus Bremer und Hamburger Sicht schon eher zum Süden gehört). Nicht jedermanns Sache ist es, im nordischen Klima Schach zu spielen, doch wenn jemand damit gut umgehen kann, dann wird es Magnus Carlsen sein. Carlsen hat bekanntermaßen vor nichts Angst, weder vor Anand noch vor langweiligen Turmendspielen, und so sollte auch Hannover keine Hürde mehr für ihn sein. Carlsen wird zwar im Spätherbst durch einen vorübergehenden WM-Kampf verhindert sein, wäre ansonsten allerdings einsatzbereit, denn Baden-Baden hatte aufgrund einer Vielzahl von anderen starken Meistern im Kader keine Verwendung mehr für ihn. Hannover also! Eine zweite Chance für den jungen Weltmeister!

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Ahnt noch nichts von seinem Glück, doch die Bundesliga
wartet schon auf ihn: Magnus Carlsen (HSK Post Hannover)  
                                                              
Foto: Ray Morris-Hill

Last but not least Torben Schulze: gefährlich, gefährlich, dieser Mann, und ebenso wie Carlsen eine Verstärkung für jedes Team. Könnte, wenn Carlsen gegen Anand spielt, von Mannschaftskapitän Hickl als mindestens gleichwertiger Ersatz aufgeboten werden. Torben Schulze besticht durch die mutige Wahl seiner Eröffnungen. Er selbst schlug mit 1.e4 – Sc6! bereits den einen oder anderen verblüfften Titelträger, und mit 1.Sc3-David Höffer  hat er ja schon einen Seelenverwandten im Team. Und natürlich: Torben kommt aus Hannover!

Hannover, man merkt es, bietet mehr als Kekse und Autobahnanschlüsse. Wir bedauern die aktuelle schachsportliche Durstphase, doch zeigen unsere Analysen, dass das Potential da ist und es schon bald wieder aufwärts gehen kann. Auf geht´s, Jungens, in die Bundesliga!

Wie wir hörten, zieht morgen bereits zieht ein Tross junger, hungriger Hannoveraner aus ins benachbarte Barsinghausen. Anlässlich der Norddeutschen Blitzmeisterschaften (ab 11 Uhr, VHS-Haus für Bildung und Freizeit,  Längenäcker 38,  30890 Barsinghausen) wird ein beachtliches Kontingent aus der oben umrissenen Mannschaft mit am Start sein. Das macht es nicht gerade einfacher für den Papenburger Robert Rabiega und alle anderen Teilnehmer (geschweige denn für mich), sich mit einem vorderen Platz für die Endrunde der Deutschen Blitzmeisterschaften zu qualifizieren.
Doch so sind sie, die Hannoveraner  - nette Menschen, doch wenn es irgendwo um Punkte geht, hört der Spaß auf. So ist eben Sport, und das wollen wir ja eigentlich auch so.

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