April 2021
Das waren Zeiten: Hübner vs Petrosian, Januar 1971 in Wijk aan Zee
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Beim Aufräumen, Umsortieren, Staub aufwirbeln in meinen Gemächern stolperte ich über ein lang vermisstes Exemplar der englischen Schachzeitung Not the British Chess Magazine (N.T.B.C.M.), mutmaßlich aus dem Jahr 1984, als die Welt noch eine andere war - genügend Elefanten in Afrika, noch keine tödlichen Neonicotinoide auf den Feldern, die alle Insekten und bald dann auch uns dahinraffen werden - darum, Leute, kauft und unterstützt BIO-Lebensmittel, dringend dringend dringend.

Und 1984, Bayern wurde noch nicht jedes Jahr Meister in jenem Jahrzehnt, stattdessen auch mal der ... Hamburger SV! (bedauerlicherweise nur war ich zu dieser Zeit noch nicht HSV-Supporter, sondern, sorry about that, ein Anhänger des FC Bayern München - so ist das manchmal in der Jugend, bei mir jedenfalls).

Doch ich schweife ab? Und in der Tag, das ist ja das Problem in diesem Internet, dass immer genug Platz ist zum Schreiben und die Sätze ewig weitergehen können, denn es gibt keine Seitenbegrenzung und mein Schachwelt-Blog-Präsident und Großmeister Jörg Hickl sieht das auch nicht so eng, so dass man theoretisch schreiben und schreiben und schreiben und schreiben könnte, und schreiben und schreiben und schreiben, bis irgendwann mal der Strom ausfällt oder man in die Küche muss, um abzuwaschen und damit den häuslichen Frieden zu wahren oder aber um ein kaltes Getränk aus dem Kühlschrank - aber genug der langen Worte.
Jetzt wieder Schach, versprochen!

 Not the British Chess Magazine

Das Not the British Chess Magazine also von 1984, es erscheint nach eigenen Angaben ansonsten alle 150 Jahre. Noch ist also etwas Zeit, ehe die nächste Ausgabe auf den Markt kommt. Vorbestellen lohnt.
Denn in diesem wunderschönen Magazin wird Investigation noch ganz groß geschrieben - man findet aktuelle Recherchen zu Bobby Fischer, eine Einführung für das große WM-Match Karpov - Kasparov sowie einige Ausführungen zu vegetarischem Schach.
Ergänzt wird dies unter anderem um einen historischen Blick auf die längste Fernpartie wohl aller Zeiten, begonnen zur Zeit der Kreuzzüge zwischen einem französischen und einem englischen Ritter - und weitergespielt über die Jahrhunderte bis heute. Der Postweg kann zäh und langsam sein, wir kennen das.

Eine Meldung neben anderen erregte nun meine Aufmerksamkeit, denn es geht dabei um Robert Hübner, Großmeister und Legende wie Jörg Hickl und Vincent Keymer. Das N.T.B.C.M. berichtet:

The fastest double default. Hubner and Rogoff were paired together on Board 1 for the World Students Team Championship, playing for West Germany and the USA respectively.
Hubner had just finished an extremely long game and asked to be rested but his match captain would not agree.
They first agreed an instant draw but the arbiter told them they must play a game of reasonable length. Now over 200 moves were played at breath-taking speed. As usual a 0-0 result.

Flott online übersetzt mit Dank an www.pons.de (das hätte sich 1984 so auch noch niemand vorstellen können):

Die schnellste doppelte Voreinstellung. Hubner und Rogoff waren zusammen an Board 1 für die World Students Team Championship, jeweils für Westdeutschland und die USA.
Hübner hatte gerade ein extrem langes Spiel beendet und bat darum, ausgeruht zu werden, aber sein Match-Kapitän wollte nicht zustimmen.
Sie stimmten zunächst einem sofortigen Unentschieden zu, aber der Schiedsrichter sagte ihnen, sie müssten ein Spiel von angemessener Länge spielen. Jetzt wurden über 200 Züge mit atemberaubender Geschwindigkeit gespielt. Wie üblich ein 0-0 Ergebnis.

Beide Spieler also, Rogoff und Hübner, wurden offenbar genullt, weil sie den Turnierregeln mit ihrem Verhalten (200 schnelle Züge!) keinen Respekt erwiesen.

Wir fragen: Wahr oder Legende - stimmt diese Geschichte, oder ist sie einfach nur sehr schön ausgedacht? Einschätzungen bitte kostenfrei unten im Kommentarbereich. Wir lösen auf in 113 Jahren, sobald das nächste N.T.B.C.M. erschienen ist!


Könnte man gerne mal wieder ins Programm aufnehmen - Schach der Großmeister (hier aus dem Jahr 2002)

Das Damengambit
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Wir wandeln nicht auf Beth Harmons Spuren. Doch zugegeben, Netflix erfolgreichste Miniserie aller Zeiten, Das Damengambit, inspirierte, ein längst überfälliges Projekt anzugehen.

Michael Prusikins erfolgreichem Erstlingswerk "Feuer frei! Angriffsstrategien für Vereinsspieler" folgt nun ein Buch zur Eröffnungstheorie:

Das Damengambit - ein Schwarzrepertoire für Vereinsspieler

Schachreisen-Verlag, April 2021, 206 Seiten, deutsch, VKP 24,90 €, ISBN 978-3-9817134-3-5


Jetzt versandkostenfrei (nur D) bestellen in unserem SHOP oder ab nächster Woche im Buchhandel.


Ein komplettes Schwarzrepertoire gegen geschlossene Systeme

cover damengambit front 200Michael Prusikins „Das Damengambit“ bietet eine sichere, aber durchaus kämpferische Waffe gegen geschlossene Eröffnungen wie Katalanisch oder das beliebte Londoner System. Außer 1. e4 wird nahezu alles behandelt. Selbst Exoten wie Grobs Angriff, Bird und der Nimzowitsch-Larsen Angriff finden Beachtung.

Neben konkreten Empfehlungen beinhaltet das Buch eine ausführliche Besprechung relevanter Bauernstrukturen und Mittelspielideen.

Der aus 36 Aufgaben bestehende Test unterstützt die Leserschaft bei der Überprüfung des Lernfortschritts.

Großmeister schreiben oftmals für Großmeister. In der „Für Vereinsspieler“-Reihe adressiert Michael Prusikin jedoch ein breites Spektrum der Schachspieler.

Bei überschaubarem Aufwand profitieren Amateure wie Turnierspieler gleichermaßen von seinem Repertoirebuch.

 

Großmeister Michael Prusikin gehört mit einer Elozahl von 2550 zu den besten deutschen Schachspielern. Als Trainer verhalf er diversen deutschen Nachwuchstalenten zu internationalen Titeln.

2018 wurde Prusikin der Titel des FIDE Senior Trainers verliehen. Beinahe zeitgleich erschien in derselben Reihe sein Erstlingswerk „Feuer frei! Angriffsstrategien für Vereinsspieler“.

 

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort 7

Teil 1: Typische Bauernstrukturen und allgemeine Ideen 9

  1. 1. Die Karlsbader Bauernstruktur 11
  • Schwarze Angriffsideen am Königsflügel 12
  • Die Capablanca-Formel 20
  • Den Botwinnik-Plan wirksam bekämpfen 26
  • Entgegengesetzte Rochaden 28
  • Verteidigungsideen gegen den Minoritätsangriff 31
  1. 2. Typische Strukturen im Tartakower-System 40
  • Der Isolani 40
  • Die hängenden Bauern 43
  • Die „weiche“ Karlsbader Struktur 47
  • Schwarze Bauernmehrheit am Damenflügel 55
  • Offene Linien c und d 57

Teil 2: Eröffnungstheorie 61

Karlsbader Variante 63

Harrwitz-Angriff (4.Lf4) 72

  1. 4. Sf3 a6!? 76

Tartakower-Variante 85

Katalanisch 98
Londoner System 114
Colle-System 120
Zukertort-System 123
Damenbauernspiel 127
Hodgson-Angriff 127
Torre-Angriff 131
Blackmar-Diemer-Gambit 137
Veresov-Angriff 138
Königsindischer Angriff 146
Reti-Eröffnung 148
Bird-Eröffnung 157
Nimzowitsch-Larsen Angriff 165
Der Linksspringer 167
Grobs Angriff 170
Orang-Utan 171

Der Abschlusstest 173

Der Abschlusstest - Antworten 180

Variantenverzeichnis 198

Trainieren, trainieren, trainieren
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Von IM Dirk Schuh

Ich denke, mein schachlicher Werdegang ist recht ähnlich zu dem anderer Schachspieler. Über die Schach-AG an meinem Gymnasium kam ich (natürlich viel zu spät) mit 14 in den Schachverein. Dieser konnte zwar kein regelmäßiges Training anbieten, aber die beiden Betreuer Klaus und Frank haben mir immer wieder bei schachlichen Fragen weitergeholfen. Ansonsten war ich auf mich allein gestellt und habe alles an Schachinformationen eingesaugt, was ich beschaffen konnte.

Da dies natürlich kein geordneter Trainingsplan war, beschäftigte ich mich vor allem mit Dingen, die mich interessierten, also Eröffnungen und Taktik. Endspiele übte ich gar nicht, da ich davon ausging, dass ich meine Partien vorher entscheide oder im Endspielbereich mit ein wenig Rechnen auch so klar komme. Aus heutiger Sicht bin ich sehr überrascht, dass ich es mit dieser Strategie auf eine DWZ von über 2200 und eine IM-Norm brachte. Danach merkte ich gegen stärker werdende Gegner aber, dass ich taktisch, wenn überhaupt, höchstens Kleinigkeiten wie Bauern gewann und regelmäßig gute Stellungen im Endspiel versemmelte. Das Nachholen der Endspielfertigkeiten war gar nicht so einfach und ich bereute ein wenig, dass ich damit nicht eher begonnen hatte. Bei meinen Schachschülern lege ich heute darum einen großen Wert auf das regelmäßige Berechnen und Ausspielen von Endspielen, damit sie es später einmal leichter haben.

Luke Adams
Bis zum Endspiel ist es oft ein weiter Weg

Zum Glück gibt es heutzutage einige exzellente Endspielbücher, die einem weiterhelfen können. Eines davon ist "The 100 Endgames You Must Know" von GM Jesus De La Villa, zu dem bei New in Chess jetzt das "Workbook" erschienen ist. Der ambitionierte Endspiellernwillige erhält hier insgesamt 300 Endspielaufgaben mit jeweils ansteigenden Schwierigkeitsgraden in 12 Kapiteln. Die jeweiligen Aufgabenstellungen geben dabei gewisse Hilfestellungen. Mal soll man einen Remisweg finden, dann muss man sich zwischen zwei Zugkandidaten entscheiden oder ausrechnen, ob sich ein bestimmter Abtausch lohnt.

100 Endgames

Ich habe mich nach der Lektüre der Einleitung, die noch einmal den hohen Stellenwert von Endspielkönnen erklärt, gleich ans Werk gemacht und die ersten Aufgaben zu lösen versucht. Zu Beginn gibt es gemischte Endspiele, die typisches Wissen erfordern. Die meisten habe ich zum Glück geschafft, aber gerade bei dem Endspiel Turm gegen Läufer ohne Bauern auf dem Brett hat es mich erwischt, obwohl ich die Endstellung sogar kannte. Mir schwante da schon Böses, aber zum Glück gibt es ab Kapitel zwei nicht nur feste Themen, in diesem Fall Springer gegen Bauern, sondern auch jeweils eine Einleitung, die noch einmal wichtige theoretische Stellungen erklärt und den Geist des Lesers auf die kommenden Aufgaben einstimmt. Danach kann jeder schauen, wie weit er kommt, aber ein paar Aufgaben sollten auch wenig erfahrene Endspieler schaffen.

Für mich ist dieses Konzept sehr gelungen. Man kann anhand der einzelnen Themen gut sehen, was einem liegt oder was man lieber wiederholen sollte und lernt nebenbei noch weitere Endspielfeinheiten. Die Lösungen sind nicht nur reine Varianten, sondern erklären auch kurz und knapp die wichtigen Themen der Stellungen. Hier und da hätte ich mir ein paar mehr Nebenvarianten in den Lösungen gewünscht, da nicht alle meine Fragen geklärt wurden, aber das ist auch immer Geschmacksache!

Die Auswahl der Aufgaben ist auch praktischer Sicht in meinen Augen hervorragend gelungen und bietet einen guten Überblick über typische Probleme, die in Endspielen zu lösen sind. Gerade im Spiel gegen stärkere Gegner ist das Halten von schlechteren Endspielen zum Beispiel eine wichtige Fähigkeit, die man anhand der Fragestellungen in diesem Buch sehr gut üben kann.

Insgesamt ist dies ein gutes Trainingswerkzeug für Leute, die meinen, dass sie ganz gut im Endspiel sind und dies überprüfen möchten, für Leute, die an ihren Defiziten im Endspiel arbeiten wollen oder einfach jene, die gerne knobeln und Aufgaben lösen. Bei einer Spielstärkeuntergrenze bin ich nicht ganz sicher, aber ab 1300 DWZ sollten zumindest die ersten Aufgaben der Kapitel kein Problem sein. Bei den letzten wurde auch ich stark gefordert, nach oben hin kann also jeder mit diesem Buch arbeiten!

IM Dirk Schuh, Schachtrainer

Mai 2019

Jesus de la Villa, The 100 Endgames you must know Workbook bei Schach Niggemann