Blitzschach und Poesie

by on05. Januar 2018
Michna-Paehtz nach 74 Zügen Michna-Paehtz nach 74 Zügen

Zur heute besprochenen Partie zunächst die Schlusstellung: Turm gegen Turm ist generell remis, Ausnahmen bestätigen diese Regel. Die beiden beteiligten Damen haben nicht etwa nach und nach, gepflegt und freundschaftlich, Figuren und Bauern getauscht bis es soweit war - nein, auch diese Stellung wurde auf Umwegen erreicht.

Dieser Artikel, Teil zwei einer Serie, war bereits geplant bevor ich von dichterischen Aktivitäten auf Facebook erfuhr. Angefangen hatte eine Schachspielerin, die auch singen kann - derlei Ambitionen habe ich nicht. Und auch das war Teil einer Serie, zuvor bekam ein Grossmeister gleich zwei Ständchen. Nun bin ich selbst dran, vorab eine kurze Zusammenfassung dieses und des vorigen Artikels - "ein jeder wird zum Dichter, und nun auch Thomas Richter":

Paehtz zweimal mit Mehrfigur,

was machte sie dann nur?

Es war nicht souverän,

doch kurios anzuseh'n.

Weiss sagte zweimal "niemals nie",

und einmal wurde es remis.

Lela ist das nicht gelungen,

doch Marta hat es dann erzwungen.

Sie konnte Paehtz "betrügen",

nach nicht mal hundert Zügen.

War das jeweils ein Witz?

Nun ja, es war halt Blitz!

"Betrügen" natürlich nur des Reimes wegen ... . Vorab noch das: Zuvor gewann Paehtz im Schnellschach Bronze - vor allem durch einen starken Schlusspurt. Ein sehr gutes, dabei nicht unbedingt "sensationelles" Ergebnis für die Nummer elf der Setzliste. Im Blitzturnier war lange unklar, wer beste deutsche Spielerin wird: am Ende hatte Paehtz einen halben Punkt Vorsprung auf Michna - und das ist (im Schweizer System) relevanter als Turnierleistung und Buchholz. Nach dem ersten Tag waren beide punktgleich, am zweiten Tag lag meistens Michna vorne, aber nicht mehr nach 21 von 21 Runden. Punktgleich waren sie zuvor aufgrund des direkten Duells in Runde 11, dann war erst einmal Pause - Abendessen, Nachtruhe, den ersten Tag verdauen und dann nochmal 10 Partien.

Michna (2377) - Paehtz (2464) 0-1 1/2

Wieder überspringe ich die Eröffnung bzw. erwähne dazu nur, dass Marta Michna 1.e3!? entkorkte - nicht ganz neu, so spielte bereits u.a. Magnus Carlsen, von ihm inspiriert (Partien chronologisch später) seine Landsleute Simen Agdestein und Aryan Tari, ausserdem Baadur Jobava, Richard Rapport, ... . Alle kann ich nicht nennen, noch ein paar: im Alphabet direkt hinter Carlsen Jonathan Carlstedt, dreimal auch Bent Larsen (im zweiten Zug nach 1.-Sf6 oder 1.-f5!? jeweils Larsen-untypisch 2.b4!?), zweimal anno 2004 auch Marta Michna (jeweils in Warschau in der alten polnischen Heimat), grösster Spezialist offenbar ein gewisser Novotny bzw. wenn man genauer hinschaut deren drei - Jaroslaw, Jiri und vor allem Josef. Erst oder bereits 8.-Sc6 (der kam von e7) war in der heute besprochenen Partie total neu - Michna hatte allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits über eine Minute investiert.

Direkt "nach der Zeitkontrolle", nämlich nach 40.-g2, stand es so:

Michna Paehtz move 40

Noch hat Schwarz keine Mehrfigur, nicht einmal einen Mehrbauern, und steht dennoch offensichtlich besser - Weiss hat nur einen nicht allzu beeindruckenden Freibauern. Sechs Züge später stand es so:

Michna Paehtz move 46

Nun hat Weiss immerhin einen Freibauern, der die Gegnerin etwas beschäftigt (f3 meine ich nicht). Ab hier Zug um Zug: 46.-Txe4+ 47.fxe4 g1D+?! (natürlich nicht wirklich falsch, aber Schwarz konnte damit noch warten und zunächst 47.-Lxd7 spielen) 48.Txg1 hxg1D+ 49.Txg1 Lxd7

Michna Paehtz move 49

Im Prinzip aus schwarzer Sicht gewonnen genug. Michna gab nicht auf, Paehtz musste noch Technik demonstrieren - bei perfekter oder jedenfalls guter schwarzer Technik gäbe es diesen Artikel nicht. Ab hier einige Motive - Endspiel, diesmal nicht damenloses Mittelspiel, denn wir haben bereits ein Endspiel. Wieder ist es Zufall, dass diese beiden Spielerinnen beteiligt sind - allerdings kein Zufall, dass ich mir ihre Partie angeschaut habe. Derlei Stellungen haben Leser vielleicht auch mal in Blitzpartien, oder mit anfangs mehr aber inzwischen knapper Bedenkzeit. Wie zuvor erwähnt, die allermeisten Leser haben wohl Elo unter 2400 (und auch unter 2377). "Gewühlt" hatte Michna zuvor vom 40. bis zum 46. Zug - nun hat sie eher das Ende abgewartet und/oder auf ein Wunder gehofft.

50.Kd4 Le6 51.e5+ (mag Stockfish gar nicht, aber auch das laut ihm beste 51.Tb1 sollte nicht gut genug sein) 51.-Kf7 52.Tb1 Ta4 53.Tf1+ Ke7 54.Tb1

Michna Paehtz move 54

Der erste "technische" Moment: sauber war offenbar 54.-Lxc4 nebst -Lxa2 - der schwarze Turm bleibt da, wo er am besten steht: hinter dem (entstehenden) Freibauern. Dass Schwarz nur noch diesen a-Bauern behält und dazu den falschen Läufer war unvermeidlich (b6 passiv verteidigen bringt keine Fortschritte). 54.-Txc4+ war natürlich nicht falsch - Schwarz muss danach nur wieder umgruppieren, was in der Partie möglich war aber nicht geschah. 55.Ke3 Tc2 56.Txb6 (der ist weg) 56.-Txa2 (der auch) 57.Tb7+ Ld7 58.Kd4 Tb2 59.Ta7

Michna Paehtz move 59

Und hier ging nun 59.-Tb4+ 60.Kc3 Ta4 61.Txa4 (was sonst?) 61.-Lxa4

Michna Paehtz move 59 Variante

Analysediagramm - ähnlich oder analog bereits im vorigen Artikel. Wenn ja wenn Weiss zwei Freibauern hätte, die der gegnerische König nicht beide kontrollieren kann, dann wäre auch das remis. So ist die einzige "Remischance" à la Carlsen-Inarkiev 62.Kc2!??! und hoffen, dass die Gegnerin nicht reklamiert (62.Kb3 oder 62.Kb2 könnte auch funktionieren, wäre allerdings dann ein doppelter Lottogewinn). Stattdessen kam 59.-a2 (auch das sollte gewinnen, sonst nichts) 60.Kc5 Ke6 61.Kd4 Td2+ 62.Kc3 Tg2 63.Kd4

Michna Paehtz move 63

Und wieder konnte der "falsche" schwarze Läufer den richtigen Zug machen - 63.-La4!

Michna Paehtz move 63 Variante

Da ist er indirekt gedeckt, und hier könnte Weiss (bis auf ein paar Schachgebote) allenfalls noch z.B. 64.Tc1!??! versuchen. Stattdessen 63.-Lc6 (nicht falsch, aber die Ursache dessen was kommen würde) 64.Ta6! Kd7 65.e6+ Ke7 66.Kc5 Tc2+ 67.Kd4

Michna Paehtz move 67

Und nun? Am einfachsten war wohl 67.-Lb5 und erst dann 68.-Kxe6 (oder, wenn Weiss das nicht zulässt, 68.-Lxa6 bzw. 68.Tb6 a1D). Stattdessen 67.-Kxe6?? und nun ist es passiert: 68.Kd3! Tb2?! (sie konnte noch z.B. 68.-Tc1 69.Txa2 oder 68.-a1D 69.Txa1 versuchen - Turm und Läufer gegen Turm ist zwar theoretisch aber nicht immer praktisch remis, das Turmendspiel ist dagegen trivial remis) 69.Txc6+! Kd5 70.Ta6 Kc5 71.Kc3 Tf2 72.Kb3 Kb5 73.Ta8!? (73.Txa2=) 73.-Tf3+ 74.Kxa2

Michna Paehtz zum Schluss

Dieses Diagramm hatten wir bereits, dazu eine Anekdote aus eigener Praxis im letzten Jahrtausend: Kurz nach der Wiedervereinigung spielte ich für die Kieler SG Brett 4 bei der Norddeutschen Blitz-Mannschaftsmeisterschaft (als Reservespieler - andere hatten den Verein qualifiziert und danach verlassen). Dabei waren Schleswig-Holstein (meerumschlungen!), Niedersachsen (etwas Küste), Mecklenburg-Vorpommern (Küste und Seenplatte), Hamburg, Bremen und Berlin (auch am Wasser) sowie Brandenburg (relativ trockenes Bundesland, Ausrichter war das dezentral gelegene Forst bei Cottbus an der polnischen Grenze).

Damals prallten "Schachkulturen" aufeinander: im Westen wurde mit Turm gegen Turm remis vereinbart, im Osten war es dagegen akzeptabel, bis zum Blättchenfall weiter zu zocken - jeweils zumindest Mehrheits-Ansicht? Nun vereinbarten eine Hamburger Polin und eine Thüringerin hier remis, Ursachenforschung: 1) Die Wiedervereinigung ist vollendet, und der Westen hat sich hier durchgesetzt? 2) Auch damals war es nur auf Niveau Elo unter 2400 üblich? 3) Inzwischen gibt es Inkrement, was Gewinnversuche erschwert. Übrigens hatte Michna hier noch 23 Sekunden, und Paehtz noch vier.

Wasser hatte ich bereits erwähnt - auf Texel regnet es momentan, und gleichzeitig scheint die Sonne, also ein Regenbogen. In Riad hat es vermutlich nicht geregnet, da kein Naturwunder aber aus Michnas Sicht ein schachliches Wunder.

Im nächsten Artikel werde ich mir dann vor allem Frau Gunina und Frau Goryachkina vorknöpfen, ein bisschen auch Frau Kosteniuk und Frau Batsiashvili - Partien mit deutscher Beteiligung hatten Priorität.

 

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